Sandy Dillon - East Overshoe

Sandy Dillon- East Overshoe

One Little Indian / Virgin
VÖ: 12.03.2001

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wahlverwandschaften

Eine alte Frau steht verlassen in irgendeinem Kaff irgendwo am Mississippi. Vom Friedhof ertönt eine Art Trauermarsch, allerdings merkt man den Musikern an, daß sie ihre paar Dollar normalerweise in halbleeren und trotzdem verrauchten Jazzkneipen zusammenspielen. Die alte Frau singt zur Trauermusik, singt ganz für sich allein. Mein Gott, diese Stimme: Irgendwo zwischen Janis Joplin und Suzi Quatro mit einer gehörigen Portion Reißnägeln. Die Frau singt von Trauer, ihrem verstorbenen Mann, Schicksalsschlägen aller Art oder einer kaputten Kindheit. In so einem langen Leben passiert wohl eine Menge, über das man singen kann.

Jetzt hebt die Alte ihren Kopf und schaut mich an. Verdammt, die ist gar nicht so alt, Mitte Dreißig vielleicht. Sie winkt mich zu sich. Die Beerdigung ist rum und die Band kommt vom Friedhof. Sie stellt sie mir als ihre Freunde vor und wir gehen alle gemeinsam in ihre Stammkneipe. Sandy und die anderen holen sich schnell ein Bier vom Tresen und gehen auf die Bühne, während ich mich umsehe. Der Laden ist schmierig und verraucht, hat aber eine sehr intime Atmosphäre. Alles wirkt vertraut, fast familiär. Ist ja auch ein Familienbetrieb: Hinter dem Tresen steht Tom Waits und grinst mich kurz an, bevor er weiter Gläser füllt. Die Frau des Hauses taucht aus der Küche auf, wischt ihre Hände an der Schürze ab und grüßt. Verdammt, das ist doch Polly Jean Harvey! Unter den Gästen sitzen ein paar verkrachte Beatpoeten und ganz hinten in der Ecke, allein an einem Tisch, Matt Johnson.

Die Band hält sich derweil nicht mit dem Stimmen ihrer Instrumente auf und spielt los. Und sie haben recht: Wenn sie nach diesem Piano gestimmt hätten, wäre alles viel schlimmer geworden. Und Sandys Stimme braucht keinen Ton. Sie ist der Ton, und der paßt hervorragend zu dem Piano. Die Stimmgabeln hätten eh alle verschreckt aufgehört zu schwingen. Derweil holen die Musiker immer neue Instrumente aus ihren Koffern: Kontrabass, Mandoline, Gitarre, Banjo, eine singende Säge, Akkordeon und die obligatorische Bluesharp. Sie bauen zerbrechliche Songs, zu denen Sandy ihre Geschichten erzählt, während ihre Stimme langsam wegbröckelt. Trends kümmern hier im "Modern Blues" keinen, und niemand hat vor, welche zu produzieren. Wer sich um Hipness bemüht, kommt nicht in eine Kneipe wie das "Modern Blues". Hier gehen Leute hin, die es ganz gern haben, wenn mal die Zeit stehenbleibt. Und die, denen der Rauch nichts ausmacht, der die Stimme kratzig macht.

(Rüdiger Hofmann)

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Highlights

  • Send me a dollar
  • Girls desparate measure
  • I'm just blue
  • Exactitude

Tracklist

  1. East Overshoe
  2. Second dad
  3. Send me a dollar
  4. Rescue me
  5. Filth and dust
  6. Hot Potato
  7. Girls desperate measure
  8. I'm just blue
  9. Going away
  10. Hair hang down
  11. Exactitude
  12. Mailbox
  13. East Overshoe

Gesamtspielzeit: 45:15 min.

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