Simon Joyner & The Fallen Men - Skeleton blues

Simon Joyner & The Fallen Men- Skeleton blues

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 24.11.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

True blue

Nicht erst seit der letzten, grandios vergurkten The-Who-Platte "Endless wire" wissen wir, daß Musikmachen auch eine Frage des Alters ist. Noel Gallagher etwa gibt mittlerweile freimütig zu, daß er nie mehr einen Song wie "Live forever" schreiben wird, weil solche Großereignisse immer aus einer unverbrauchten Energie entstehen, die ihm sein Bruder längst aus dem Hals gesaugt hat. Mando Diao haben sich vorgenommen, diesen jugendlichen Leichtsinn zu melken, solange es geht, und so viele Alben wie möglich zu machen, solange sie noch frisch sind. Und kaum ein Künstler war älter als 30, länger als drei Alben dabei, bevor er seinen kreativen Höhepunkt erreichte. Für Simon Joyner allerdings bedeutet das gar nichts. Er ist 35, seine Karriere liegt seit Jahren in Trümmern. Und er hat jetzt das Album gemacht, das alles verändern könnte.

"Skeleton blues" ist eine Platte der krummen Rücken und lädierten Knie, ein Album der ziehenden, stechenden und sonstigen Schmerzen. Das Alter scheint an jedem seiner Songs zu nagen. Es hat gerade mal zu sieben Stücken gereicht, die sich quälend langsam, quälend lang dahinziehen. "Skeleton blues" ist der schleichende Tod - und aus dieser unausweichlichen Gewißheit zieht es jene Kraft, wegen der es über sich hinauswachsen konnte wie keine der vielen Joyner-Platten zuvor. "Jetzt oder nie" scheint jeder Song zu schreien, fixiert auf ein höheres Ziel, nicht abzubringen von seiner Mission. Wo das so plötzlich herkam, bleibt im Dunkeln. Aber es zählt ja auch nur, daß es da ist.

Der "Open window blues" steht da schon am Anfang exemplarisch für Vieles. Joyner zieht und zerrt an seinen Worten wie Lou Reed oder Bob Dylan, die schneidenden Gitarren der Fallen Men hinter ihm höhlen den Song von innen aus und türmen eine ganze Müllkippe voll verbogener, verdrehter und verlorener Solosplitter auf. Das Rhodes-Piano aus "The only living boy in Omaha" kann die konsequente Freudlosigkeit von "Skeleton blues" keine zehn Sekunden lang beiseite schieben, bevor dem Song ein frisch geschliffener Cellobogen an die Kehle geht. Und im Slide-Gitarren-Schwanken von "Answer night" ist Joyner der betrunkene Cowboy, dem jeden Moment der Barhocker unter dem Hintern wegzukippen droht. Wer Ryan Adams' "29" für die diesjährige Spitze der Depression gehalten hatte, wird seinen Silvesterselbstmord tatsächlich nochmal umplanen müssen. Join the joy.

Obwohl ihm seine Helfer hier so furchtlos zur Seite stehen, ist es aber doch Joyner alleine, der am Ende übrig bleibt. "Epilogue in D" will nie richtig aus der Hocke kommen, scheint sein Klavier immer wieder zufällig zu treffen, während die Gitarren und das Schlagzeug am Song vorbeitaumeln. Und "My side of the blues" bleibt für zehn Minuten bei sich selbst, bei verwackeltem Gesang, verstimmter Gitarre und vergänglichen Beobachtungen. Von Gitarre-und-Harmonika-Platten bis zum ausstaffierten Orchester-Pop hat Joyner in den letzten 15 Jahren alles probiert, was möglich war. Heute singt er "I'm keeping death in front of me" und gibt sich Mühe, den Rücken gerade zu halten. Seine Band mag The Fallen Men heißen. Joyner aber stirbt schlimmstenfalls im Stehen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Open window blues
  • Medicine blues
  • The only living boy in Omaha

Tracklist

  1. Open window blues
  2. You don't know me
  3. Answer night
  4. Medicine blues
  5. The only living boy in Omaha
  6. Epilogue in D
  7. My side of the blues

Gesamtspielzeit: 47:44 min.