Tom Waits - Orphans: Brawlers, bawlers & bastards

Tom Waits- Orphans: Brawlers, bawlers & bastards

Anti / SPV
VÖ: 17.11.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Music when the lights go out

Die Straße, eine vielseitige Metapher. Für die einen der Beginn ihres Daseins, für andere das Ende und für Tom Waits die Essenz seiner Existenz. Oder vielleicht doch nicht? Schließlich war er es, der sich die Straße zu seiner Bühne gemacht hat, als moderner Trobadour von Dreck, Schmutz, Müll, Unrat und Mist sang. Von Menschen eben. In all ihren Facetten. Die Sorte Mensch, für die es schon seit Jahren kein Tageslicht gibt, auf die es eher herabregnet, als daß die Sonne die bleichen Gesichter wärmte. Die Sorte Mensch, der sich Waits selbst zugehörig fühlt. Und er weiß, daß die Straße für sie alle immer da sein wird. Ein Waisenhaus von unendlicher Kapazität. Hier ist seine Liebeserklärung an die Heimat: "Orphans". Bestehend aus drei Akten: den Brüllern ("Brawlers"), den Gröhlern ("Bawlers") und "Bastards". Dreißig neue Songs und 26 Raritäten. Kein Pappenstiel und schon gar nicht Hausmannskost. Waits hat da mal wieder ein Süppchen gekocht, das es ordentlich in sich hat. Und nicht mit reichlich Geheimzutaten und Gin spart.

So zum Beispiel der erste Teil des Manifests: "Brawlers". Eine Hommage an die Welt, die all diejenigen beherbergt, denen der amerikanische Traum das Träumen und das Hoffen längst genommen hat. Die Welt, in der es nichts und gar nichts gibt. Der Blick geht runter auf den Tisch. Das schmutzige Glas steht neben der alten fast abgebrannten Kerze. Es ist zu Hälfte leer, halbvoll war es noch nie. Irgendwo im Hintergrund spielt eine alte Jukebox Howlin' Wolf. Der Aschenbecher quillt fast über, die letzte Kippe qualmt noch. Noch ein bißchen Kleingeld für die nächste Packung und zwei oder drei Drinks. Für Liebe reicht es ganz sicher nicht mehr. Drei Uhr morgens. Zu wenig Seele im Körper, um am Leben zu sein, doch für den Tod noch zuviel. Gewohnt poetisch verpackt Waits seine Noir-Ästhetik in krude Rhythmen, die da für all die kaputten Herzen stehen. Wilde Melodien, die die toten Seelen symbolisieren, und seine Stimme ist der Schmerz. Aber daß diese fast schon mysthische Welt aus Nacht, Schatten, Nebel und Schmutz auch so etwas wie Wärme beherbergt ist allgegenwärtig. Man muß sich ihr nur anvertrauen. Sich von ihr einverleiben lassen, sie sich einverleiben.

Waits weiß, daß Kriege immer zuerst im Menschen stattfinden, bevor diese sie nach außen tragen. Waits kennt das, traut sich in Ebenen vor, für die andere Barden ihre weißen Hemden nie abgelegt hätten. Irgendwann in der Rolle alter Stereotypen wie dem des blinden Schwarzen, der Geschichten von Leben und Tod erzählt. Mit nichts als seiner Mundharmonika und dem Rhythmus, den der durch die Felder wehende Wind von den arbeitenden Strafgefangenen mitbringt. An anderer Stelle in der Rolle des von Gott verlassenen ehemaligen Pfarrers, der seine Frömmigkeit gegen Whiskey und Huren eingetauscht hat. Dann wieder vom Mädchen, das nahezu tagtäglich von genau diesem ehemaligen Pfarrer besucht wird, um danach nach Hause zu kommen und die Welt in Tränen zu ertränken.

Man könnte stundenlang weiterspinnen, sich all diese Geschichten ausdenken. Man würde genau wie Waits ein Stückchen Realität schildern. Realität, die sich in einer Parallelwelt abzuspielen scheint. Weit weg von der Vorstadthölle, die ihre eigenen Poeten hervorgebracht hat. Weit weg von den ganzen Bürogebäuden, von einem schweren und schwarzen Mantel bedeckt. Waits kommt zwischen all dem einfach nicht zur Ruhe. Will jede noch so kleine Begebenheit aufnehmen, die Geschichte von allem und jedem erzählen. Jede dieser vieler Gestalten hat nämlich eine Geschichte zu offenbaren. Doch die meisten werden im Nichts verschwinden, genauso wie ihre Protagonisten. Denn die einen stehen im Dunklen und die anderen gibt es nicht. Und so verneigt sich Waits auch vor Brecht und Weill, vor diesen beiden Männern, die lange vor ihm verstanden haben, &daß dem Leben eine zutiefst ästhetische Ungerichtigkeit innewohnt. Waits ist zweifelsohne ein Held. Unglücklich die Welt, die andere Helden nötig hat.

(Konstantin Kasakov)

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Highlights

  • Lord I've been changed
  • Sea of love
  • World keeps turning
  • If I have to go
  • What keeps mankind alive
  • The pontiac

Tracklist

  • CD 1
    1. Brawlers: Lie to me
    2. Low down
    3. 2:19
    4. Fish in the jailhouse
    5. Bottom of the world
    6. Lucinda
    7. Ain't goin' down to the well
    8. Lord I've been changed
    9. Puttin' on the dog
    10. Road to peace
    11. All the time
    12. The return of Jackie and Judy
    13. Walk away
    14. Sea of love
    15. Buzz Fledderjohn
    16. Rains on me
  • CD 2
    1. Bawlers: Bend down the branches
    2. You can never hold back spring
    3. Long way home
    4. Widow's grove
    5. Little drop of poison
    6. Shiny things
    7. World keeps turning
    8. Tell it to me
    9. Lever let go
    10. Fannin street
    11. Little man
    12. It's over
    13. If I have to go
    14. Goodnight Irene
    15. The fall of Troy
    16. Take care of all my children
    17. Down there by the train
    18. Danny says
    19. Jayne's blue wish
    20. Young at heart
  • CD 3
    1. Bastards: What keeps mankind alive
    2. Children's story
    3. Heigh ho
    4. Army ants
    5. Books of Moses
    6. Bone chain
    7. Two sisters
    8. First kiss
    9. Dog door
    10. redrum
    11. Nirvana
    12. Home I'll never be
    13. Poor little lamb
    14. Altar boy
    15. The pontiac
    16. Spidey's wild ride
    17. King Kong
    18. On the road

Gesamtspielzeit: 189:49 min.

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