Neil Young & Crazy Horse - Live at the Fillmore East

Neil Young & Crazy Horse- Live at the Fillmore East

Reprise / Warner
VÖ: 17.11.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Was lange währt

Es wird Zeit, etwas Nostalgie zu streuen. Die aktuellen Schlagzeilen und Eskapaden sollen im Sinne unseres arg gebeutelten Wohlbefindens ruhen, wie auch die Frage, was dem senilen Trotzkopf wohl als nächstes in den Schoß fällt. Ist ja alles gar nicht so böse gemeint, wie es nun geschrieben steht, aber Neil Young macht es uns seit dem Beginn des neuen Jahrtausends überhaupt nicht leicht. Selbst der bekennende Fan resignierte irgendwann und ließ Hohn und Spott ohne Widerrede in die arg befleckten und unberechenbar wechselnden Schuhe wandern. Bis auf die wunderbare und konzeptionsfreie Veröffentlichung "Silver & gold" aus dem Jahre 2000 und das schwache "Prairie wind", hatte der inzwischen 61-jährige Kanadier keines seiner Alben unters Volk bringen können, ohne damit ein kulturelles oder gar politisches Inferno zu entfachen. Die Feuilletons bebten und selbst klägliche Kleinstadtgazetten nahmen den konservativen Revoluzzer wieder mit in die tägliche Informationsversorgung auf. Mehr lächelnd als anerkennend. Musikalisch war das alles nicht wirklich der Rede wert, obwohl das zuletzt erschienene "Living with war" Hoffnung aufkeimen ließ.

Aber bevor der nächste Schmachtfetzen unheilvoll aus dem Boden gestampft wird, hat Onkel Neil für seine Jünger und alle, die es noch werden wollen, die bisher fest verschlossene Tür seiner Archive geöffnet, sie kräftig ausgemistet, sortiert und überarbeitet. Mit Youngs Ankündigung, in den nächsten Jahren noch das eine oder andere Raritäten-Schmankerl zu präsentieren, können wir uns nun "Live at the Fillmore East" widmen, dem ersten präparierten Fundstück von der unübersichtlichen Resterampe. Mit diesem Livealbum springen wir weit in die Vergangenheit, genauer gesagt zum 6. März 1970. Ein Konzertabend mit Miles Davis, der Steve Miller Blues Band und natürlich Good Ol' Neil, unterstützt durch die frischen Crazy Horse. Young hatte zu diesem Zeitpunkt gerade sein zweites Soloalbum "Everybody knows this is nowhere" auf den Markt gebracht, dessen Songs auch zur Hälfte das hier besprochene Livealbum füllen. Ein düsterer und mysteriöser Zeitgenosse mit Ambitionen in mehrerlei Richtungen war er schon immer, aber damals sprach noch die unverbrauchte Jugend aus ihm: Weniger Verbissenheit und mehr Leidenschaft, weniger Konzeption, dafür mehr Gitarre. Mit "Live at the Fillmore East" kommen wir nun in den Genuß, einer Legende beim Wachsen zuzuhören.

Das schon einmal als schlecht vertontes Bootleg (unter dem Namen "Sunset Cowboy") veröffentlichte Livedokument gibt zwar nicht den ganzen Konzertabend wieder – es fehlt Teil Eins, eine 6-Song-Soloakustiksession, die nicht mehr zu restaurieren war – aber die rein elektrischen Perlen und der Fakt, daß die ewige Begleitband Crazy Horse hier noch in ihrer Urbesetzung fungiert, machen diesen Zusammenschnitt zu einem wahren Juwel. Wir hören das energische Gitarrenspiel von Danny Whitten, der zwei Jahre später an einer Überdosis Heroin verstarb, gepaart mit den nicht minder wuchtigen Ausuferungen Youngs im zwölfminütigen "Down by the river" oder der sechzehnminütigen Version von "Cowgirl in the sand". Kein Solo wirkt hier zu überladen und verliert sich im rockistischen Nirwana, keine Minute mag man aus dieser lautstarken Geschichtsschreibung des Rock’n’roll missen. So viel packende Lust und rohe Energie steckt in jedem Intervall, in jedem Akkord, in jeder Zeile, Instrument und Stimme. Ob in "Winterlong", einem der romantischsten Songs der Neil-Young-Historie oder dem straighten Danny-Whitten-Südstaatenrocker "Come on baby let’s go downtown" - "Live in the Fillmore East" vollführt einen wundervollen und begnadet hochwertigen Ausflug in Youngs unprätentiöse Anfangszeit. Um so schmerzlicher der Blick auf die verkrampfte Gegenwart.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Winterlong
  • Down by the river

Tracklist

  1. Everybody knows this is nowhere
  2. Winterlong
  3. Down by the river
  4. Wonderin'
  5. Come on baby let's go downtown
  6. Cowgirl in the sand

Gesamtspielzeit: 43:19 min.

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