Mercury Rev - The essential Mercury Rev: Stillness breathes (1991 - 2006)

Mercury Rev- The essential Mercury Rev: Stillness breathes (1991 - 2006)

V2 / Rough Trade
VÖ: 29.09.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die zwei Gesichter

Die mit kryptischen Ringen reich verzierte Faust bohrt sich mitten in unser Auge. Killing face Jonathan Donahue zeigt nur sein spöttisches Grinsen. Und uns, wo der Hammer hängt. Alles andere außer grenzenlosem Respekt wäre Majestätsbeleidigung. Wandlungsfähig waren Mercury Rev ja schon immer. Damals die krassen Effekthascher mit dem Kopf in den Wolken, im Hier und Jetzt plötzlich stilvolle Gangsta-Wannabes? Applaus und Danke für dieses mutige und prachtvolle Zeugnis von marketingferner Coverkunst und Selbstironie. Die Fans werden es zu schätzen wissen und sich mit Donahue, Grasshopper & Co. ins Fäustchen lachen. Es ist Zeit für einen feinen Karriereüberblick, damit auch die Unwissenden da draußen was zu grinsen haben.

Halbwegs kultivierten Kennerkreisen bietet Mercury Rev ohne Umschweife folgende Assoziation: "Deserter’s songs". Völlig zurecht gilt das vierte Album von 1998 als bandeigener Zenit und hält sich wacker gegenüber der starken internen Konkurrenz. Grenzenlose Traumwelten eröffneten sich auf jenem Meisterwerk. Weit entfernt von Pop und doch mittendrin. Streicherschwangere Opulenz griff die Harmoniegrenze des Hörers aufs schärfste an. Ein absoluter Wahnsinn, der produktionstechnischer Perfektion ein Schnippchen schlug und doch an Epik kaum zu überbieten war. Aber das ist ja bekannt. Ein kurzer Blick in weiter zurückliegende Vergangenheiten eröffnet Überraschenderes. Nicht etwa das krächzende Quietschstimmchen von Jonathan Donahue lag zu Zeiten des faszinierenden Debüts "Yerself is steam" (1991) in des Undergrounds Ohren. Nein, David Baker, der stimmlich in etwa einem paranoiden Howe Gelb nahe kam, hatte das Zepter in der Hand und schwang es manisch-depressiv, zwischen strukturfreiem Noise und einer völlig losgelassenen Wall Of Sound auf und nieder.

"The essential Mercury Rev: Stillness breathes (1991 - 2006)" offenbart einleuchtend das Vor und Danach der plötzlichen Umorientierung von Mercury Rev Mitte der Neunziger. Die abstruse Frühzeit wird mit vier Songs auf dem Best-Of-Teil (CD1) gewürdigt und läßt Baker mit der hysterischen und zerstörerischen Hymne "Chasing a bee" noch einmal verzweifelt zu Wort kommen. "It's not time for the real life sign / It's not time for these fears of mine", erschallt es heftig und düster, und man möchte diesen verfluchten Lautstärkeregler über sein Maximum hinausdrehen, aus seinen Angeln reißen, die zum Bersten brechende Noiseflächen, die in sich gekehrte Flöte, die ekstatischen Chöre in sich aufsaugen und für keine Sekunde mehr loslassen.

Nach dem dunklen Zweitling "Boces" von 1993 und diversen Querelen und Eskapaden konnte Baker seine Koffer packen. Die Opulenz wurde mit der Übernahme durch den bis dahin nur an der Gitarre fungierenden Donahue geboren. Und die tiefgreifende emotionale Verwirrung gleichzeitig fallengelassen. Dokumentiert wird die zerfahrene Übergangsphase und Fingerübung "See you on the other side" (1995) auf "The essential Mercury Rev: Stillness breathes (1991 - 2006)" ebenso, wie ihr Opus Magnum "Deserter’s songs" und das folgende, noch strukturiertere und dem Kammerpop nähere "All is dream". Ein Schnupperkurs in gerechter Verteilung.

Gerne hätte man hier auf die drei Songs des letzten Albums und Fehlgriffs "The secret migration" verzichtet, aber dafür entschädigt CD2 mit einer Vielzahl nie veröffentlichter Perlen in Form famoser B-Seiten, schrulliger Raritäten und selbstgestempelter Coverversionen wie "Lucy in the sky with diamonds" (The Beatles) oder "Streets of Laredo" (Johnny Cash). Nicht alles ist essentiell, aber ein Griff in Richtung Brieftasche wird für bekennende Anhänger ein lohnender sein - wenn nicht ein Muß. Ob Mercury Rev derweil vorhaben, sich mit coolen Rhymes und derbem Beatshit aus der Pop-Affäre zu ziehen und damit ihren dritten Frühling anzustreben? Man kann nie wissen.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Chasing a bee
  • Holes
  • Something for joey
  • Streets of Loredo
  • Silver street

Tracklist

  • CD 1
    1. Diamonds
    2. Everlasting arm
    3. In a funny way
    4. Goddess on a hiway
    5. Chasing a bee
    6. The dark is rising
    7. Black Forest (Lorlei)
    8. Holes
    9. Car wash hair
    10. Empire state (Son house in excelsis)
    11. Something for Joey
    12. Frittering
    13. A drop in time
    14. Opus 40
  • CD 2
    1. I don't wanna be a soldier
    2. I only have eyes for you
    3. Observatory crest
    4. Streets of Laredo
    5. So there (As read by Robert Creeley)
    6. Afraid
    7. He wasn't a friend of mine
    8. Delta sun bottleneck stomp (Chemical Bros. Re-mix)
    9. It's a man's man's man's world
    10. Clamor
    11. Seagull
    12. Lucy in the sky with diamonds
    13. Coney Island cyclone
    14. Silver Street
    15. Deadman (As read by Alan Vega)
    16. Philadelphia
    17. Good times ahead
    18. Memory of a free festival

Gesamtspielzeit: 149:44 min.

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