Pernice Brothers - Live a little

Pernice Brothers- Live a little

Ashmont / One Little Indian / Rough Trade
VÖ: 03.11.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Flucht nach hinten

Eine bekannte Geschichte mit tragischem Verlauf: Künstler X, wir betonen K-Ü-N-S-T-L-E-R, hat mit seinem fulminanten Debütalbum die Herzen einer kleinen Hörerschaft erreicht. "Hast Du schon 'Y' von Künstler X gehört? Unbedingt kaufen, meine Liebe. Ich weiß, daß das genau was für Dich ist." Unser verehrter Künstler X sitzt derweil zuhause vor dem Fernseher in Schlabberpulli und Jogginghose, weiß nicht, wie es da draußen um ihn geschieht. Es klingelt an der Tür. Protagonist X wird aus seinem Wohnungsloch gezogen. Mitgeschleppt und entführt zum Lifestyletraining. Der unerwartete Konsumrausch hat einen neuen Namen im Biz bekannt gemacht. Was folgt, ist eine Karriere, die mit weiteren Kunstwerken zu füllen ist. Nach Jahren des Erfolgs kommt es, wozu es kommen mußte. Der verachtenswerte Feind Stagnation tritt aufs Parkett und hält die Inspirationsader dicht. Aber dort, wo sich eine Ader schließt, pulsiert die Nebenliegende bis zum Gehtnichtmehr. In diesem Falle: Freund Nostalgie. Erinnerungen an gloriosere Zeiten, Einfallsreichtum und begeisterte Kritiker. Und es türmt sich folgende Frage auf: Back to the roots?

Die schöpferischen Zeiten der Pernice Brothers aus Massachusetts liegen eine Zeit lang zurück. Wir erinnern uns an das 1998er-Debüt "Overcome by happiness" - eine subtile Schönheit voller Huldigungen an den Seventies- und Sixties-Pop, gefüllt mit feingesponnenen Orchesterlinien. In der Folgezeit hielt sich die Band um Kopf Joe Pernice an vertracktere und schnellerer Rhythmen, die ihnen weniger Zuspruch einbrachten. Zuletzt wurde mit "Discover a lovelier you" stillere Wege betreten, die sich aber bei genauerer Betrachtung mehr und mehr Kreis drehten. "Live a little" soll nun da ansetzen, wo die Pernice Brothers 1998 mit ihrem Debüt ihre schwelgerische Melodienvielfalt begannen. Dazu wurde der frühere Produzent Michael Deming herangekarrt und das Studio eingenommen, welches Pernice schon in seiner Frühzeit mit den folkloristischen Scud Mountain Boys enorme Impulse verabreichte.

"Live a little" zeigt in Teilen, daß eine Rückbesinnung funktionieren kann. "Microscopic view" läßt uns erst einmal erschaudern. Pernices glockenhelles Organ schlittert auf eingängigstem Eis aus der Popstarsschmiede, das schnell zu brechen droht. Bevor aber ein wirkliches Ende im kühlen Naß naht, reißt eine Welle aus sanftestem Orchester, gepaart mit einer impulsiven Verneigung vor dem facettenarmen Rock der Siebziger Jahre die Band in imposante Höhen. Diese Formel des gut produzierten Höhenkollers scheint aufzugehen. Ob nun "B.S. Johnson" oder das anschließende "PCH One" – die Songs werden getragen auf Wogen von harmonisierenden Streichern oder weitschweifigen Backgroundchören, die jede unbesetzte Ecke, jeden Refrain mit dem perfekten Schliff ausstaffieren. Setzen wir unsere Suche fort, unter der Decke des glückseligen Überschwangs, findet sich allerdings Gitarrenpop der einfacheren Sorte, der routiniert, nett und leicht melancholisch den Fluß von "Live a little" entlangschwappt und letztlich nur das Minimalziel des ungestörten Wohlgefühls erreicht. Den Status ihrer eigenen Vergangenheit begegnen die Pernice Brothers damit nur selten. Die Zukunft liegt in neuem Ansporn und Denkanstößen. Lieber Künstler X, beachten Sie, ein Exempel wurde statuiert.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Microscopic view
  • B.S. Johnson

Tracklist

  1. Automation
  2. Somerville
  3. Cruelty to animals
  4. Zero refills
  5. Microscopic view
  6. How can I compare
  7. B.S. Johnson
  8. PCH One
  9. Conscience Clean (I went to spain)
  10. Lightheaded
  11. High as a kite
  12. Grudge F***(2006)

Gesamtspielzeit: 40:56 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Obstacle
2006-11-30 14:21:30 Uhr
Penis Brothers?? Nie gehört.
steph
2006-11-30 14:20:46 Uhr
Kommt heute die Gegendarstellung???
music777
2006-11-04 12:20:24 Uhr
Glitterhouse-Info:
(Pop/Songwriter) 2006 Ashmont/One Little Indian - neues grandioses Popmeisterwerk mit 12 sensationell starken Songs von Joe Pernice und seinem über die Jahre personell kaum veränderten Sextett mit Spitzenmusikern aus der Northampton/Massachusetts-Szene. Seitdem die Pernice Brothers kürzlich (etwa zu Zeiten der 2003er CD 'Yours, Mine & Ours') zusätzlich zu den ultramelodischen Songs mit hohem Melancholiefaktor und endlos schwelgerischen Popharmonien auch noch Geschwindigkeit und Rhythmus für sich entdeckt haben, sind sie auf ihrem Weg zum perfekten Pop nicht mehr zu stoppen. Ähnlich wie die zeitgenössischen Kollegen von Wilco, Whiskeytown, Lambchop und besonders dem (auch szeneverwandten) Ware River Club stammen sie ursprünglich aus dem Alt.Country Rock-Lager (Scud Mountain Boys wie jeder weiß), haben sich allerdings wohl am radikalsten davon entfernt, über die Stationen Guitar Pop, 60s Pop, Brit Pop und Power Pop zu ihrem ganz eigenen Sound gefunden. Selbst ein erneutes Cover von 'Grudge F*** (2006)' erinnert hier in gar nichts ans Scuds-Original! Klar im Vordergrund stehen mittlerweile die Seelenverwandtschaften zu den Beatles, Badfinger, Bread, Byrds, George Harrison und dem frühen Electric Light Orchestra. Volle Punktzahl!

Auf der offiziellen Webseite der Band kann man sich das ganze Album anhören.
Es klingt großartig.


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