Artist Unknown - Present

Artist Unknown- Present

Datapunk / Intergroove
VÖ: 17.11.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Temporalispuls

Um welche Gegenwart geht das hier eigentlich? Artist Unknown sollte man besser nicht fragen. Um dieses seltsame Duo mit Schutzmaske und ledernem Ganzkörperkondom wird ein derart offenes Geheimnis gemacht, daß man glatt übersehen könnte, daß man die beiden Herrschaften schon anderweitig kennt. Denn im Gegensatz zum bunt flackernden Spaßhouse der Märtini Brös herrscht bei ihrem anderen Projekt strenge Inszenierungsdisziplin. Und trotzdem steht bei Artist Unknown kein Synthesizer auf der Spaßbremse. Die tun nur so.

Schon das Debüt "Future" war vor sechs Jahren eher ästhetisch durchkalkuliertes Electroclash-Augenzwinkern als Kopf-durch-Wand-Techno. Bei Artist Unknown geht es ums Gestern mit den Mitteln von heute, die so klingen, als seien sie von mindestens übermorgen. Gegenwart als Aushandlung von Vergangenheit und Futurismus. Wenn ohnehin die Zeit stillsteht, braucht man keine Ausrede mehr für sechs Jahre Kaumetwastun. Apropos Zeit: Straighte Analogschaber wie "Unknown to millions" sind gar nicht weit weg von diesem Endzeitpop, der die ganz frühen Achtziger flankierte. Knopfdruckstreicher, Brummbässe, Sägezahnfiepen. Und Beats, die millimetergenau vorwärtsrollen und dennoch schnaufen wie rostige Maschinen. Was einst den geringen Mitteln geschuldet war, ist jetzt beabsichtigte Ästhetik.

Hier blubbert und klackert die Elektronik so, wie man sich das mit dem Achtziger-Revival wohl mal vorgestellt haben will. Doch viel zu oft hatte das viel zu sehr mit einer "Coolness" zu tun, die sich ja wohl bitte längst überholt hat. So bleibt Zeit für Leute, die das mit dem kalten Sound, dem dekonstruierten Sprechgesang und den monochromen Atmosphären richtig ernstnimmt. "Bird" flattert mit analogen Federn, "Black zeppelin" holt sich zwischen brummenden Schaltkreisen und gefriergetrockneten Tropfmelodien eine dicke Erkältung. Und bei "Demons & girls" bekommt das Kunstherz des Robotersängers sogar silikonromantische Schlagseite.

"Present" klingt so konsequent humorlos, daß das alberne "Poem #7" so richtig den Fremdkörper gibt und das analoge Fingernagelkratzen von "Unmusic" folgerichtig erscheint. "Not music / Unmusic." Die Blubberbässe von "Relax on me", der industrielle Zickenterror von "Automat" und die theatralische Zufriedenheit von "The happy days" steigern sich in ein zackiges Zirpen. Daß all die zwitschernden Synths trotz der stilistischen Durchschaubarkeit und den emotionsamputierten Songs das vielleicht spannendste Electro-Album irgendeines Jahres hinbekommen haben, könnte tatsächlich Realität sein. Wenn hier nicht das Durcheinandergeraten mit den Zeiten das wäre, was Artist Unknown eigentlich noch besser können als Knöpfchendrehen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Unknown to millions
  • Demons & girls
  • Aciclick
  • Relax on me

Tracklist

  1. Unknown to millions
  2. Movin' along
  3. Tank
  4. Missing
  5. Demons & girls
  6. Acidklik
  7. Poem #7
  8. Bird
  9. Black zeppelin
  10. Unmusic
  11. Relax on me
  12. Automat
  13. The happy days

Gesamtspielzeit: 58:08 min.