Spotlight Kid - Departure

Spotlight Kid- Departure

Club AC30 / Indigo
VÖ: 13.10.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nicht zwinkern, bitte!

Wie sehen die denn aus? Nein, im Ernst, die Haare hängen so weit runter, man sieht ja gar nichts! Und wo zur Hölle starren die hin? Gibt's da was zu sehen? Taubenscheiße am Hosenschlag? Schnürsenkel offen? Hat sie gar ihr weicheihassender Roadie miteinander verknotet? Dann mal ganz ruhig stehen bleiben jetzt. Bestenfalls sachte in den Takt hineinknien, obwohl… hach, da wird's doch schon wieder brenzlig. Samsonmäßiges "Uijuijuijui" dringt situationsgerecht aus den Boxen. Im Ergebnis: ein Konzert, bei dem das gesamte Publikum ziemlich beduselt genau den Punkt bemustert, den auch die Band anstiert. Gewiß ein komisches und rätselhaftes Bild, wenn überhaupt noch jemand da wäre, der es sich anschauen würde. Des Rätsels Lösung indes heißt nicht etwa weltentrückte Konzentration und Hingabe oder gar Schüchternheit. Da, wo mittlerweile alle hinstarren, stehen die Effektgeräte (wie ich einfach mal Kollege Wollmann hinterherschlaumeiere). So einfach, so gut, so war's einmal im ersten und zweiten Drittel der Neunziger. Shoegazing all around. Die einen, um ihre Musik so machen zu können, wie sie sein sollte, die anderen, um zu schauen, wie man sowas macht. Vergessen? Nun, Spotlight Kid, das sind Chris Davis (Ex-Six.By-Seven) und Katty Heath (Bent). Und sie erinnern sich laut und deutlich.

Das Wabernde und Gleichförmige, unter dem der Teufel en detail sich austobt, das ist ihr Metier. Die Drums wirbeln sich ihren Wolf, Gitarre und Baß rücken keine Viertelnote voneinander ab, Keyboardteppiche entrollen sich über Saxophon- oder Trompetenscherben, der Gesang und noch viel mehr Gitarren gähnen und schlieren sich dazwischen, ziehen alles so weit auseinander, bis es fließt, sich dreht, eigene Umlaufbahnen entwirft. Überhaupt: Gitarren und Wände - sie werden von einer enormen Zappeligkeit getrieben, um wie im Fieberwahn an- und wieder abzuschwellen. All das, was ein Song normalerweise braucht, um interessant zu wirken, die Dynamikwechsel von Anfang bis Endsekunde, mit den üblichen Chorus- und Refrainspielchen als interne Erinnerungskoordinaten, geht bei diesem Trip mal komplett über Bord.

Vielmehr wird geschichtet und geschichtet, was das Trommelfell hält. Die Mauer wird hochgezogen, Erinnerung bricht sich an dieser sowohl Ohren als auch Genick. Doch beliebig oder egal oder auch nur weniger kickend wird die Musik dadurch noch lange nicht. Denn wenn sich der Soundschleier, nur selten, einmal lüftet, dann gibt es kurz den freien Blick auf die sehr klaren Riffs, die unter dem ganzen Tamtam ihr Werk verrichten. Da knackt und knarzt es im Mauerwerk. Das drängt mit aller Macht nach vorne, das will gehört werden. Vornehmlich die schnelleren Stücke teilen sich so durchaus eine Vision mit Amusement Parks On Fire. Doch statt sich irgendwann im Trackwalhalla zu verlieren, rasen Spotlight Kid einfach immer weiter durch ihren Orbit, ohne sich für Horizonte oder gar Richtungen zu interessieren. Schließlich ist ihnen selbst klar, daß der Weltraum unendlich ist und womit sie ihre Treibstofftanks befüllen: Von Swervedriver über Ride bis Lush wird alles verheizt, was sich nicht bei 1, 2, 3, 4 die Strähnchen aus dem Potthaarschnitt zwirbelt. Hier gibt es nichts zu beweisen, neu zu erfinden oder gar zu analysieren.

Sprich: Das hier ist neu und frisch. Das hier glitzert und strahlt wie die blaßblauen Perlen, die Futuramas Soldberg zur x-ten beckschen Revivaltour herauswürgt. Man will besser gar nicht wissen, was in einem Organismus vor sich geht, wenn er sowas fertig bringt. Doch nach wie vor kann man nur reicher dabei werden. An Erfahrung, an Netzhautvertrocknung, an guter Musik. Man reiche die Augentropfen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Can't let go (this feeling)
  • Hungover
  • A million ways
  • Time goes slow (in this town)

Tracklist

  1. Never's too soon
  2. Machines
  3. Cant't let go (this feeling)
  4. Hungover
  5. Seefeel
  6. Liquid coloured
  7. A million ways
  8. Spit
  9. Electric forecast
  10. Time goes slow (in this town)
  11. We the people

Gesamtspielzeit: 45:11 min.

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