Georgia Anne Muldrow - Olesi: Fragments of an Earth

Georgia Anne Muldrow- Olesi: Fragments of an Earth

Stones Throw / PIAS / Rough Trade
VÖ: 08.09.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Requiem for a nightmare

Wer mal eben vier Stunden Zeit totschlagen möchte: Spike Lees Dokumentarfilm "When the levees broke" über die Flutkatastrophe in New Orleans ist da eine effektive, wenn auch ziemlich unangenehme Möglichkeit. Eigentlich wird die ganze Zeit über nur mit der Kamera draufgehalten, während sich Betroffene beklagen und Erschütterndes zu sehen ist. Lee macht damit aber nicht nur die Ausmaße des ganzen elendigen Dramas deutlich, sondern deckt auch die einmal mehr souverän durchgezogene Planlosigkeit der US-Regierung in Vorbereitungsmaßnahmen und Krisenmanagement auf. Intensiver hätte dieser Film eigentlich nur noch werden können, wenn man im Hintergrund immerzu Georgia Anne Muldrows "New Orleans" gespielt hätte. Aber dann wäre es wahrscheinlich gar nicht mehr auszuhalten gewesen.

So geht nun wenigstens Muldrows Debütalbum mit diesem Song los, und bevor man auch nur erahnen kann, was hier geht, findet man sich schon wieder im Zentrum der Flut. Ein Klavier schwimmt buchstäblich um sein Leben, der ganze Track wird weggerissen von rasenden Dissonanzen, und Muldrow setzt dazu unmißverständliche Anklageschreiben auf. Man ist naß gemacht und naß geschwitzt nach diesen fünf Minuten sechsundzwanzig. Man hat aber noch keine Ahnung, woran man ist mit dieser Frau, die gerade 23 geworden ist und auf "Olesi: Fragments of an Earth" mit der Soulmusik spielt, als wäre sie nur ein Haufen Legosteine. Sorgsam Hochgezogenes wird mit einem schnellen Handwischer eingerissen. Rot reiht sich an Blau und wird mit Gelb überbaut. Und wenn wir fertig sind, wird alles zusammen in eine Kiste geschmissen.

"Olesi" ist dabei Debütalbum durch und durch, bleibt von vorne bis hinten fahrig und ungehobelt, macht sich aber gerade diese Unübersichtlichkeit immer wieder zum Komplizen. Viele Stücke werden schon nach 90, maximal 100 Sekunden humorlos abgewürgt. Ohne Schutzhandschuhe betatscht die Platte Free-Jazz und Fusion, nimmt sich dann viel Zeit für Kontrabaß und Leiergitarre in "Patience" und jubelt schließlich dem äußerst funky gestarteten "Leroy" einen wirklich irren Twist unter. Unbeeindruckt davon wird "West coast recycler" zu einem der wenigen Fragmente, die ihre Idee (hier quasi Battle-Rap) nicht über Schleichwege nach Hause fahren. Und wenn man gerade glaubt, sich nicht mehr am nächsten Geländer festhalten zu müssen, doppelt und dreifacht Muldrow einen mit ihrer Stimme wieder um den Verstand.

Es darf dabei als letzte große Leistung des im Februar verstorbenen Produzenten J Dilla angesehen werden, daß er das Album einfach auseinanderfallen ließ, erst gar keine gerade Linie in dieses Sketchbook zeichnen wollte und Muldrow folglich keine ihrer Entdeckungsreisen ohne fünftes Überraschungs-As im Ärmel antreten muß. Wie alle wirklich neuen Künstler bringt sie ihre Zuhörer in Schwierigkeiten, provoziert, fordert sie heraus und macht sich auch ein bißchen über sie lustig. Und wie viele wirklich neue Künstler beginnt sie dabei gerade erst, ihr Potential anzukratzen, ihre Möglichkeiten durchzuprobieren und sich die Hörner abzustoßen. Von Missy Elliott in Indie-HipHop bis zur neuen Nina Simone - hier darf man nichts ausschließen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • New Orleans
  • West coast recycler
  • Patience
  • Leroy

Tracklist

  1. New Orleans
  2. Melanin
  3. Wrong way
  4. Feet
  5. Frames
  6. Lovelight
  7. Radio W.N.K.
  8. Because
  9. Speakervision
  10. Wheels
  11. Birds
  12. Amnrh (Interlude)
  13. West coast recycler
  14. Boom
  15. Patience
  16. Blackman
  17. Leroy
  18. Nowadayze
  19. Skaw de beast
  20. Epilogue
  21. Blackman (Reprise)

Gesamtspielzeit: 47:21 min.

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