Contriva - Seperate chambers

Contriva- Seperate chambers

Morr / Hausmusik / Indigo
VÖ: 10.11.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Die Scheinwerfer

Es wäre sicherlich vermessen, Berlin Provinzialität zu unterstellen. Und das nur, weil Shanghai größer, Kapstadt gefährlicher und New York hipper ist als unsere Schuldenmetropole. Denn die hauptstädtische Musikszene ist doch auch jenseits aller Schwarz-Rot-Geil-Verschwurbelung durchaus vorzeigbar. Der guten Ruf der Kanadaposse um Peaches und Gonzales stammt genauso aus Berlin wie die genehmen Hörstürze des Chicks-On-Speed-Hühnerhaufens. Und am ausgefransten Popverständnis zwischen Indietronics und Wohnzimmer-Rock haben Contriva seit nunmehr zwölf Jahren einigen Anteil.

Auch auf "Seperate chambers" schwirrt ihr Postdiscopostrock wie ein entspannter Bienenschwarm, der die lästige Suche nach dem Honig längst als verzichtbaren Luxus entlarvt hat. Die spröden Grooves genügen sich selbst und versuchen erst gar nicht, überambitionierte Spannungsbögen zu entwerfen, die dann doch keiner nachvollziehen kann. Oder will. Selbst wenn der von Masha Qrella gelegentlich in Richtung Mikrophon gehauchte Gesang ein Orientierungssemikolon setzt, heißt der passende Bezugspunkt nicht Eingängigkeit, sondern Unverbindlichkeit. Was jedoch niemals heißen soll, die Musik von Contriva wäre irgendwie egal. Gerade die vermeintliche Emotionslosigkeit als Stilmittel fordert den Hörer zu eigenen Gefühlen heraus. Oder mindestens zum Überlegen. Verweigerung als Interpretationsstimulus.

Und während man also fleißig über Intentionen und Inspirationen von "Centipede" oder "Bluebottle" reflektiert, basteln die Hauptstädter einen handlichen Knisch- und Knarz-Nonfunk zusammen, der diesmal sogar Easy Listening sein könnte, wenn er nicht eigentlich das ziemliche Gegenteil wollte. Harmonie und Schönklang kleben in autonomen Trainingseinheiten wie "Florida/Lay by", dem Dämmer-Bossanova "Say cheese", beim tollen Trockendock-Beat des Openers "Good to know" oder dem Understatement von "I can wait" bestenfalls als PostIt™ irgendwo in der Ecke. Sie passieren sicherlich gewollt, wirken aber trotzdem hübsch zufällig. Entsprechend wird auch der federnde Rhythmus eher als guter Bekannter geschätzt, statt mit ihm als Statussymbol zu winken. Denn lieber als das eigene Können überheblich auszustellen, beziehen sich Contriva auf "Seperate chambers" auf Übersichtlichkeit und Reduktion.

Es ist dieser bekannte Ansatz scheinbarer Unbeteiligtheiten, den Contriva auch für ihr erstes Album bei den Geistesverwandten von Morr Music dem konzentrationswilligen Publikum anbieten. Nach den schwermütigen Fußbetrachtungen von "If you had stayed ..." nun als beinahe beschwingte Ideen oder schwerelose Kleinigkeiten. Oder wenigstens als Andeutungen davon. Keine großen Gesten, keine grimmigen Grimmassen, kein geheimnisvolles Getue. Bei aller Zutraulichkeit merkt man schnell, daß "Seperate chambers" als Hintergrundtapete viel zu rauhfaserig wäre. Und sollte man allzu aufmerksam lauschen wollen, wandert die Achtsamkeit doch wieder von den kreisförmigen Grooves in alle möglichen Richtungen. Exakt hier wäre die Chance für Subversion. Für Dekonstruktion. Für Punk. Doch manchmal zeigt sich Größe vor allem im Auslassen von Chancen. "I can wait." Contriva ruhen viel zu sehr in sich selbst, um sich mit derlei Belanglosigkeiten abzugeben. Wie gesagt: Es wäre vermessen, Berlin Provinzialität zu unterstellen.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Unhelpful
  • Bluebottle
  • Florida/Lay by
  • I can wait

Tracklist

  1. Good to know
  2. Unhelpful
  3. Before
  4. Say chesse
  5. Bluebottle
  6. Florida/Lay by
  7. Centipede
  8. Number me
  9. Concrete sleepers
  10. No one below
  11. I can wait

Gesamtspielzeit: 47:53 min.

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