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Deftones - Saturday night wrist

Deftones- Saturday night wrist

Maverick / Warner
VÖ: 27.10.2006

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ponyreiten

Einfach mal abschalten. Den Kopf durchpusten. Und Urlaub machen. Chino Moreno hatte keine Lust mehr, nach dem ausgebrannten "Deftones" einfach den gleichen Kram zu wiederholen. Während die Band unmittelbar weitermachen wollte, nahm er sich eine Auszeit. Ging mit seinem Innenleben und Team Sleep an diverse Grenzen, die weit weg von dem waren, wo er mit den Deftones einmal angefangen hatte. Und sorgte beim Rest der Band für reichlich Frust. Doch es war eine heilsame Trennung. Denn nach all den Querelen, Verschiebungen und Nervenzusammenbrüchen ist die alte Familie wieder intakt. Ganz ohne hollywoodreife Therapiesitzungen, dafür mit einem medienwirksamen Produzentenrausschmiß. Vielleicht konnte nur so die satte Lustlosigkeit von 2003 dieser hungrigen Intensität weichen.

Gleich der großartige 6/8-Takt von "Hole in the Earth" stürzt sich kopfüber in einen nachtdunklen Abgrund. Hier lassen die Wände den Schall umherirren und verschlucken unbedachte Gefühlswallungen. "All of my friends / They all lack taste / Sometimes." Doch Moreno kämpft dagegen an. Er windet sich, reibt sich, quetscht sich aus. Er kostet die Euphorie des Verlusts aus, die Freude am Schmerz. Und noch bevor sich ein flüchtiges Gefühl des Mitleids regen kann, thront er längst auf der ersten erhabenen Melodie dieser fulminanten Rückkehr.

Kaum ist der schwebende Lärm des Openers verhallt, brandet Zorn auf. In "Rapture" spuckt er angestauten Beziehungsfrust über ein Getaumel aus Arschwackeln und Hyperventilation. Doch die erlösende Gewalt läßt auf sich warten. Das brodelnde Unheil von "Beware" und der todessehnsüchtige Groove von "Cherry waves" kitzeln die Kraft der Gitarren nur soweit, wie es diese irrlichternden Hymnen überhaupt brauchen. "You hang anchors over my neck / I liked it at first / But the more you laugh ..." Da darf man schon mal auf absurde Gedanken kommen. "Mein" ist ätherische Aggressionsdialektik, bei der Morenos Weltentfremdung auf die dunkle Besänftigung von Gastsänger Serj Tankian trifft. Und der instrumentale Schwebezustand von "U, U, D, D, L, R, L, R, A, B, select, start" ist genauso kryptisch wie sein Titel.

Bei "Rats! Rats! Rats!" jedoch platzt Stephen Carpenter endgültig der Kragen. Wie mit Schmirgelpapier reibt er an seinen Saiten, um Morenos Komplexen endlich Feuer unter dem Hintern zu machen. Zu diesem wütenden Geschrubbe drischt dann auch Abe Cunningham nach knapp zweieinhalb Minuten dermaßen los, daß sich alle Anspannung hier komprimiert. Wie in einem schwarzen Loch.

Doch - bis auf diesen befreienden Ausbruch - steckt in "Saturday night wrist" weniger rohe Gewalt, sondern eher eine unterschwellige, unheilschwangere Schwere. Das zitternde Aufbegehren von "Combat", das massierte Moll von "Kimdracula" und das sägende Crescendo in "Xerces", das scheinbarer Harmonie schmerzende Wunden verpaßt, entblößen die häßliche Fratze des Menschseins. Mit flächigen Rockfasern, abgeschürften Schlepprhythmen und trübsinniger Lautstärke. "I'll cut your armies down, and turn your heart." Das säuberlich austarierte Gleichgewicht zwischen Prügel und Passion machte vor sechs Jahren schon "White pony" zu einem unantastbaren Opus Magnum. Und nach der eher kurzen Halbwertzeit von "Deftones" begegnet man auf dem fünften Deftones-Albums wieder dieser nervenzerrüttenden Spannung. Erschreckend. Erhebend. Endlich. Auch wenn diese Intensität bisweilen hart erkämpft scheint, fasziniert sie doch in jeder abgründigen Sekunde. "I really wish these snakes were your arms."

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Hole in the Earth
  • Beware
  • Cherry waves
  • Rats! Rats! Rats!

Tracklist

  1. Hole in the Earth
  2. Rapture
  3. Beware
  4. Cherry waves
  5. Mein (feat. Serj Tankian)
  6. U, U, D, D, L, R, L, R, A, B, select, start
  7. Xerces
  8. Rats! Rats! Rats!
  9. Pink cellphone (feat. Annie Hardy)
  10. Combat
  11. Kimdracula
  12. Rivière

Gesamtspielzeit: 51:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 35667

Registriert seit 07.06.2013

2025-08-28 09:43:45 Uhr
Höre da kaum Ähnlichkeit. Der Rhythmus bisschen.

Donny-

Postings: 209

Registriert seit 19.12.2016

2025-08-28 07:18:03 Uhr
Spannend: Während "Milk of the Madonna" als emotionsgeladenes Highlight gilt, wird "Mein" seit jeher als Schwachpunkt (von SNW) betrachtet, obwohl sich kaum zwei Deftones-Songs ähnlicher sind.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 35667

Registriert seit 07.06.2013

2025-08-28 00:52:09 Uhr
Zustimmung @ Felix.

Ansonsten verhält sich Serjis Part in "Mein" ungefähr zu dem von Q-Tip in R.E.M.s "The outsider": 'Schön, dass ihr nen klasse Gast bekommen habt, aber leider ist der Endpart des Songs das Lowlight der gesamten Platte.' :) (wobei bei REM ist es schon noch weniger passend)

Ansonsten wohl auf Albumlänge weiterhin mein liebstes (und ihr sphärischstes) von ihnen. Diese Melodien ("Cherry waves", "Combat", etc.) und Gitarrenozeane sind wundervoll.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 11015

Registriert seit 26.02.2016

2025-03-07 16:49:09 Uhr
"Combat" für mich immer noch der bessere Opener.
Hätte als Sequenz "Combat" > "Rapture" > "Hole" und dann den Rest der Platte folgen lassen.

Huhn vom Hof

Postings: 9250

Registriert seit 14.06.2013

2025-03-07 15:59:29 Uhr
Ich find SNW auch etwas besser als "White Pony", aber viel nehmen die sich nicht. Die Deftones kreierten auf beiden Werken äußerst faszinierende Klangwelten.
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