Isobel Campbell - Milkwhite sheets

Isobel Campbell- Milkwhite sheets

V2 / Rough Trade
VÖ: 20.10.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Unter der Bettdecke

Meistens, wenn Schauspieler aus der Fliegengewichtsklasse versuchen, sich als "ernsthafte Darsteller" zu etablieren, ist das Ganze mit riesigen Anstrengungen verbunden. Da werden Muskeln aufgebaut, Pfunde angefressen, Behinderungen vorgetäuscht, Gesangslehrer getriezt, Produzenten geschmiert, Dialekte erlernt und Schwänze gelutscht. Nur mit Schauspielerei versuchen es halt die wenigsten - weshalb Isobel Campbell beinahe allen anderen Makeover-Bedürftigen etwas voraus hat. Als sie auf eigenen Beinen stehen wollte, ist sie aufgestanden. Als sie nicht mehr die Süße bei Belle & Sebastian sein wollte, hat sie damit aufgehört. Seitdem schlüpft Campbell in alle möglichen Rollen, von Lolita über Vamp bis Beifahrerin, solange es bloß irgendwie mit Musik zu tun hat. Auf "Milkwhite sheets" kommt jetzt noch die verlorene Goldmarie dazu.

Schon ihr verhuschtes Solodebüt "Amorino" genehmigte sich 2003 den einen oder anderen Magenbitter zu seiner warmen Milch mit Honig. "Ballad of the broken seas" war dann Anfang des Jahres die zerrissene Duettplatte mit dem bösen Wolf Mark Lanegan. Aber erst jetzt und mit "Milkwhite sheets" scheint Campbell dort anzukommen, wo sie hinwollte. Folkmusik aus dem verwunschenen Wald, düster bis hinter den letzten Baum, reduziert bis auf die blanken Knochen. In "Loving Hannah" bleibt lediglich ihre Stimme, brüchig, verweht, überanstrengt und doch so klar wie sonst nur die Nacht. An allen anderen Orten, zu denen sich diese Platte ohne Taschenlampe vorwagt, sollte man höchstens mit den stillen Klagen eines akustischen Lumpenorchesters rechnen.

Campbell hat "Milkwhite sheets" von irgendeinem Death-Metal-Typen mastern lassen, der dann auch pflichtbewußt verbreitete, daß man sich auf eine satanische Platte freuen könne. Es sind eben oft die Dinge, die im Verborgenen bleiben, mit denen man den Leuten die größten Schrecken einjagen kann. Es sind zu Ende gedachte, aber nicht gebrachte Songs, auf der Kippe zur Skizze, denen plötzlich ein Cello in die Seite piekst. Also "Yearning" zum Beispiel, das ganz ohne Percussion auskommt, während im instrumentalen "James" zumindest ein paar Handtrommeln angeschlagen werden. Immer wieder scheint einen die unbedingte Kargheit dieser Songs zu überrumpeln, immer wieder lassen sie mehr weg, als man ihnen zugetraut hätte. Nicht vergessen: Auf "Amorino" hatte sich Campbell noch mit Händen und Füßen gegen aufgescheuchte Blaskapellen wehren müssen.

Diesmal aber kann man direkt ins Herz der Songs gucken, ihre Spuren zurückverfolgen bis zum ersten Ton. Und doch - was nützt es, wenn allein die wirkliche Intensität fehlt. Trotz seiner klaustrophobischen Atmosphäre bleibt alles auf "Milkwhite sheets" Hauchen und Hadern, Campbells Stimme meist nur schüchternes Hilferufen. Ausgenommen davon ist nur die abenteuerliche Dämonenjagd des "Willow's song", an Banjo, Flöten, Pauken und gepflückter Viola vorbei bis in grandiose Wahnvorstellungen übersteigert. Und außerdem "Are you going to leave me?", das mit seiner stoisch gespielten Durchhalte-Gitarre und hintergründigem Klavier auch ein Outtake aus Nick Drakes "Pink moon" sein könnte. Campell, eben erst zum Folk gekommen, könnte diesen Gedanken mögen. Vielleicht denkt sie ja drüber nach, wenn sie das nächste Mal in den Wald geht, um Pilze zu sammeln. Oder einfach nur so daschneidersitzt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Willow's song
  • Are you going to leave me?

Tracklist

  1. O love is teasin'
  2. Willow's song
  3. Yearning
  4. James
  5. Hori horo
  6. Reynardine
  7. Milkwhite sheets
  8. Cachel wood
  9. Beggar, wiseman or thief
  10. Loving Hannah
  11. Are you going to leave me?
  12. Over the wheat and the barley
  13. Thursday's child

Gesamtspielzeit: 45:12 min.

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