Beck - The information

Beck- The information

Interscope / Universal
VÖ: 06.10.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Skateboard B

Natürlich denken wir so was nur insgeheim, ganz still und heimlich. Aber hängt das vielleicht mit Scientology zusammen? Also, daß Beck gerade sehr eifrig den Verstand verliert? Sind das die gleichen Symptome wie bei Tom Cruise, dem alten Gebetsbruder? Oder hat er nur irgendwelche Pillen abgesetzt? Kürzlich jedenfalls war Hansen im Glück mit großem Puppentheater auf Amerika-Tour. Als dann der Akustikgitarrenmittelteil kam, nahm die Band hinten auf der Bühne an einer tiptop gedeckten Tafel platz, um erstmal gepflegt Abendbrot zu essen. Das neue Album kommt außerdem - freundliche Grüße an Panini - mit weißem Cover und Sammelbildern zum Selbstkleben (Serviervorschlag siehe hier). Aber das eigentliche Ding ist: "The information" klingt so trashig und kaputt wie keine Beck-Platte vorher. Und das heißt ja echt mal was.

Der Stil der Saison ist HipHop, hübsch retro und urban zurechtgemacht. Natürlich ist das nur ein loser Anhaltspunkt, war ja auf den sieben Alben davor auch nicht anders. Aber es hilft einem mindestens mal, um den detailreich zersprengten Old-School-Bouncer "Elevator music" zu überstehen. "One, two, you know what to do" - so muß ein Album losgehen. Das Telefon bringt den Song zu Ende, "Think I'm in love" heftet sich hintendran und scheint Versatzstücke aus "Sea change" und "Guero" gleichzeitig abzuspielen. Mit den Geigen zerschneiden wir die Luft wie Rechtsbücher mit Linkshänderscheren. "Cellphone's dead" kramt in der Zwischenzeit den Schlüsselbeat der Platte nach draußen. Schon erstaunlich, welche steilen Spannungshügel sich dieser Track zum Schluß noch runtertraut. Und ja, wir sind wirklich erst beim dritten Song.

Ist halt so auf "The information". Nachdem sich der Vorläufer "Guero" letztlich als Reise nach Jerusalem mit viel zu wenig Stühlen erwies, werden die Aufmerksamkeitsschwachen, Hyperaktiven und sonstigen Durchgedrehten diesmal aufs Großzügigste ausgesöhnt. Das Album ist gleichzeitig düster und verspielt, so tragisch wie komisch, und immer zwei Schritte weiter als seine Verfolger. Selbst die vordergründig mit Geodreieck und Zirkel gezeichnete Single "Nausea" - kein Song dieses Jahr hat entschiedener zur selbstgesabberten Human Beatbox animiert - muß zwischendurch neu kalibriert werden. Die federnde Schwermut von "New round" hat große Mühe, ihre multiplen Persönlichkeiten auseinander zu halten. Und "Dark star" spielt seine Mundharmonika mit gespaltener Zunge, während gut modellierte "Pyramid song"-Streicher das Lied mit Helium auffüllen. We are floating in space, kind of.

Gerade in seinem schockschwarzen Mittelteil funktioniert "The information" deshalb wie eine handelsübliche "Lost"-Folge. Beim ersten Mal bleibt vieles unklar, verschwommen, vielleicht sogar sinnlos. Mit der zweiten, dritten, zehnten Wiederholung aber wird der Blick frei für die Kleinigkeiten, die Nebenhandlungen und verschlüsselten Botschaften. Das gerade noch als Folksong durchgehende "No complaints" etwa wird hintenrum mit einer halben Tube Glitzer-Makeup eingeschmiert. Aber nötig wäre dieser Aufwand nicht mehr gewesen, im Anschluß ist ohnehin alles verloren. "1000 BPM" prügelt seinen Beat trotz aller Nehmerqualitäten mit Mamas bestem Nudelholz unter die Erde. Und "Motorcade" entwickelt sich aus arktischer Minimalelektronik zum erstbesten Trance-Track, den Beck jemals im Papierkorb seines Laptops gefunden hat. Puls hat das nicht mehr. Aber die Seele dieser Platte hat sich eh schon vor längerer Zeit selbstständig gemacht.

Was es davon zu lernen gibt? Eine ganze Menge über Bahnhöfe natürlich, in allen Größen und Formen. Danach aber auch - in der zehnminütigen Vollbeschäftigung von "The horrible fanfare / Landslide / Exoskeleton" -, wie sich Erwachsenen-Hörspiele im Kopf von Beck Hansen anhören. Was für waghalsige Psycho-Abfahrten man gesund runterkommt, wenn man nur die Augen immer schön geradeaus hält. Daß man auch mit 36 Jahren und sieben Platten noch nicht alt genug sein muß, um die Rumschrauberei am eigenen Ich sein zu lassen. Und von den 16 Videos auf der beiliegenden DVD lernt man dann sogar noch, was passiert, wenn man einen Eimer Farbe über der größten Party überhaupt auskippt. Ohne Ton würde das wohl wie Neun-Live-Fernsehen aussehen. Aber gerade das ist ja der Trick hier. Vielleicht sollte als nächstes mal wieder eine Freundin mit Beck Schluß machen.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Elevator music
  • Think I'm in love
  • Cellphone's dead
  • Nausea
  • Motorcade

Tracklist

  1. Elevator music
  2. Think I'm in love
  3. Cellphone's dead
  4. Strange apparition
  5. Soldier Jane
  6. Nausea
  7. New round
  8. Dark star
  9. We dance alone
  10. No complaints
  11. 1000 BPM
  12. Motorcade
  13. The information
  14. Movie theme
  15. The horrible fanfare / Landslide / Exoskeleton
  16. Inside out

Gesamtspielzeit: 65:12 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 9455

Registriert seit 07.06.2013

2015-06-25 10:44:08 Uhr
Oh ja, "Dark star". Ich meinte auch den Dreier "New round", "Dark star" und "We dance alone".

Affengitarre

Postings: 2200

Registriert seit 23.07.2014

2015-06-24 21:46:03 Uhr
Oh ja, "Dark Star" ist klasse.

Menikmati

Postings: 236

Registriert seit 25.10.2013

2015-06-24 21:39:54 Uhr
Dark Star ist der unauffällige Übersong auf diesem Album: Unglaubliche Bassline, noch besseres Harmonikasolo und ein herrlich schwermütiges Streicherarrangement, das vermutlich von seinem Vater stammt..

dreamweb

Postings: 120

Registriert seit 14.06.2013

2015-06-24 16:56:52 Uhr
Gebt Scientologen kein Geld.

The MACHINA of God

Postings: 9455

Registriert seit 07.06.2013

2015-06-24 13:27:15 Uhr
Oh, wie er die Strophen singt... herrlich! "Loooooooooord, please forsake me... in myyyyyyy Mercedes-Benz..."
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