Channels - Waiting for the next end of the world

Channels- Waiting for the next end of the world

Dischord / Al!ve
VÖ: 15.09.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

DC/DC

Es ist nie leicht, wenn Helden älter werden. Weniger für die Helden selbst als für ihre Anhänger. Man bemerkt ihre Menschlichkeit. Daß sie eben doch nur aus Fleisch und Blut sind. Manchmal sogar verbotene Dinge tun. Was haben wir damals getrauert, als irgendein Musikmagazin Fotos von Ian MacKaye mit Kaffeetasse veröffentlichte. Überall lag Revolution in der Luft und dann das: Kaffee! Washington ersoff quasi im wahrsten Sinne des Wortes in der eigenen lächerlichen Brühe des Idealismus. Irgendwann starb die Szene dann tatsächlich. Was übrig blieb, waren ihre Protagonisten, die die schwarzen Kreuze auf den Händen einfach wegwischten, sich Mädchen suchten und nicht mal mehr in den Keller gingen, um ihre Mundwinkel gen Norden zu ziehen.

J. Robbins war einer von ihnen. J. Robbins? Um mal John Lennons Worte zu verdrehen: MacKaye war das Gesicht des D.C.-Hardcore, während Robbins sein Herz war. Frontmann und Mastermind der mittlerweile in Frieden ruhenden Helden von Jawbox. Dem ein oder anderen vielleicht auch noch als Chef der Nachfolger Burning Airlines bekannt. Der Kerl, der mittlerweile für die Produktion aller Washington-Veröffentlichungen quasi im Alleingang verantwortlich zeichnet. Spitzer formuliert: der Typ, der der aktuellen Musikszene der amerikanischen Hauptstadt und Umgebung überhaupt erst Kontour gibt. Was der heute außer zu produzieren noch so treibt? Na, auf das Ende der Welt warten.

Robbins hat nämlich wieder eine Band. Schlicht Channels getauft und mit der eigenen Lebensgefährtin Janet Morgan am Baß. Doch nichts ist wie es war. Die Szene mag tot sein. Was blieb, ist das Verlangen, das auszudrücken, was stört. Denn die Probleme sind die gleichen. Das kriegt der Hörer gleich am Anfang des Albums zugeschrien: "It's tricky to relax / When bracing for impact / Call it your Patriot Act / The panic room's in back." Wie Salz in der gesamtamerikanischen Wunde. Natürlich ist Channels eine politische Band, wir haben nichts anderes erwartet. Es gehört eben mehr dazu als den Präsidenten mit einer Banane oder einer Handgranate (Passenderes bitte imaginär in die rechte Hand einsetzen) im Artwork abzubilden. Und genau deshalb kriegen auch all die Knallchargen, die unter den Brandmarks "Punk" und "Hardcore" rubelzählend auf staatlich subventionierten Majorlabels die Regierung und den Kapitalismus "bekämpfen", ebenfalls ihr Fett weg: "Look at all all the young go-getters go / Blank-faced show / Taking the express to a new low / Below zero." Muß sich schrecklich anfühlen, vom eigenen Vorbild sowas zu hören zu bekommen. Sofern man sich denn überhaupt angesprochen fühlt.

Aber ruhig Blut: Angesprochen fühlen können sich viele dort draußen; hören wird es wohl kaum jemand. Channels haben nicht viel bis gar nichts mit Punk zu tun, und selbst die Bezeichnung "Post-Hardcore" mag sich nicht so recht überstülpen lassen. Die Fenster im stickigen Proberaum wurden sperrangelweit geöffnet, der alte ideologische Soundmief verschwand, und der Pop hat Einzug gehalten. Das erinnert nicht selten an die hellsten Momente der zwei taufrischen Alben von Mission Of Burma oder an die jüngeren Sonic Youth. Und wer würde sich schon für diese Verwandten schämen? Robbins' neue Band macht viel auf diesen zwölf Songs. Seien es die Noise-Attacken von "Unreal estates" die in diesen Honigmelonen-Refrain münden, Morgans verträumter Nico-Gesang direkt im Anschluß bei "Hug to the floor" oder das langsame Popsahnestück "Helen Mirren", das sich die Krone des besten und gleichzeitig untypischsten Songs auf dem Album gerne selbst über die Hook stülpen darf. Einer dieser kleinen Schätze, um das Mixtape zum perfekten Abschluß zu bringen: "But every runaway / The faithful and the fake / Will still be found by change / In spite or for the sake." Und sollte die Welt also wirklich schon wieder untergehen - dieses Mal sind wir wenigstens vorbereitet.

(Konstantin Kasakov)

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Highlights

  • To the new mandarins
  • Helen Mirren
  • Hug the floor
  • Chivaree

Tracklist

  1. To the new mandarins
  2. Lucky lamb
  3. The licensee
  4. Helen Mirren
  5. Unreal estates
  6. Hug the floor
  7. Mayday
  8. Chivaree
  9. $99.99
  10. New logo
  11. Little empires
  12. Mercury

Gesamtspielzeit: 42:32 min.

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User Beitrag
Susu
2006-11-02 15:36:14 Uhr
Also ich muss den Thread ja nochmal pushen. Was hab ihr denn alle gegen die Channels? Das Album ist doch soooo cool...und rockt wie Schnitzel!
Susu
2006-10-16 12:36:55 Uhr
Naja, es geht ja nicht um Washington im allgemeinen, sondern um ein Album. Auch anderswo ist schon stärkeres hergekommen, aber das tut eigentlich nichts zur Sache.

Ich find den Chorgesang übrigens auch sehr fein. Hört man auf "solchen" Scheiben eigentlich viel zu wenig...
Sidekick
2006-10-12 16:13:49 Uhr
Ich habe die 7 mit dem Hintergrund vergeben, als dass aus Washington schon weitaus Stärkeres kam, wobei das jetzt die Situation schlimmer klingen lässt, als sie eigentlich tönt.
Susu
2006-10-12 15:35:26 Uhr
Uiuiui, groooooße Begeisterung hier...
Susu
2006-10-10 08:41:48 Uhr
Welche Songs sind eure Favoriten?
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