Valery Gore - Valery Gore

Valery Gore- Valery Gore

Six Shooter / Cargo
VÖ: 15.09.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Paralleluniversum

Gleichzeitig arbeiten und im Internet herumlungern: leichte Übung, wenn man täglich trainiert. Gleichzeitig in die Pedale treten und ein Fahrrad ohne Stützräder lenken: keine so leichte Übung, wenn man fünf Jahre alt ist. Gleichzeitig ein rhythmisch, technisch und harmonisch, also dreifach verzwicktes Klavierstück spielen und hübsch dazu singen: eine selten gelingende Herausforderung, wenn man nicht gerade Tori Amos heißt. Oder Valery Gore. Zum Trost: Auch die 23jährige Kanadierin hat fleißig trainiert - drei mal fünf Jahre lang. Natürlich täglich.

Es begann, wie so eine Pianistinnen-Karriere immer beginnt: mit klassischem Klavierunterricht und Etüden von Komponisten, die man komischerweise nie im Lexikon findet. Deren Verdienst allerdings nicht zu unterschätzen ist: Sie sind die Stützräder der Sonaten, Walzer, Präludien, Fugen und vielleicht auch Eigenkompositionen, die folgen. Irgendwann. Allem Anschein nach ist Valery Gores Herz während ihrer persönlichen Etüden-Epoche zu einem Metronom mutiert: Diese leicht federnde rhythmische Präzision bei gleichzeitiger Hundertprozent-Souveränität - direkt im Opener "Elliott goes" zu bestaunen - kriegt der Otto-Normal-Pianist schon mal gar nicht hin. Noch nicht mal ansatzweise. Zum Trost: Valery Gore hat ja auch schließlich ein Jazzstudium am Humber College in Toronto absolviert. Natürlich mit Bravour (was man vor allem "White pills" anhört).

Valery Gore schnitzt und schleift und poliert auf einem Album mehr aus den Tasten, als Elton John in seiner gesamten Diskographie - und das ganz ohne papageienbunte Mammutglitzerbrillen. Sie ist eben keine Akkordarbeiterin, sondern eine Art Dekorateurin. Jede Textsilbe wird individuell verschönert - auch wenn die Lyrics gar nicht nötig wären, um gebannt zu lauschen, was wohl als nächstes passieren mag. Hier ein Trillerchen, da ein Tempowechsel, dort eine unerwartete Farbnuance oder gar ein James-Bond-Spannungsbogen - ein ganzes Universum musikalischer Möglichkeiten hat sie sich erschlossen. Klingt dabei aber nie aufdringlich, anbiedernd oder übertan. Das ist das Beeindruckende. Valery Gore ist in erster Linie eine großartige Pianistin - die eben auch noch hübsch singen kann. Zum Trost: Es ist gar nicht so lange her, daß sie ausschließlich im stillen Kämmerchen vokalierte. Natürlich vollkommen unbegründet.

"Dancing" gehört neben dem meterhoch herausragenden "Untitled" zum Bezauberndsten, was in diesem Jahr aus einem Flügel geschlendert ist - mit einem Volumenwunder auf dem Ton-Kopf und einem natürlich rosigen Obstwiesen-Teint im Gesicht. "Delorla" trägt Cabaret-Chic à la Dresden Dolls, und "Song for six" trotzt zünftig in die Tasten. Das alles selbst geschrieben und produziert - und von einer sich weitgehend dezent zurückhaltenden Band unterstützt. Die kompletten Klavieraufnahmen wurden übrigens mal eben in drei Stunden eingespielt. Man könnte fast neidisch werden bei so viel Talent. Zum Trost: Wenn Tori Amos irgendwann nur noch für die in der Nachbarschaft ihres Cornwall-Cottage grasenden Kühe pianieren sollte, kann man beruhigt Valery Gore das Kommando überlassen - am Klavier und auf dem Poetinnen-Thron. Natürlich gleichzeitig.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Elliott goes
  • Dancing
  • Delorla
  • Untitled

Tracklist

  1. Elliott goes
  2. A leaving car
  3. Dancing
  4. Augustine
  5. Delorla
  6. Waded
  7. Song for six
  8. Photographs
  9. White pills
  10. CBC
  11. Untitled

Gesamtspielzeit: 46:01 min.