ClickClickDecker - Nichts für ungut

ClickClickDecker- Nichts für ungut

Audiolith / Anourak / Broken Silence
VÖ: 25.09.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Notfalltropfen

Das verkrustete Geschirr der vergangenen Woche abwaschen. Die Werbeprospekte aus dem überquellenden Briefkasten holen. Die vielleicht schon gar nicht mehr saubere Wäsche endlich aufhängen. Der alten Dame den letzten Sitzplatz in der S-Bahn anbieten. Hinterm Kühlschrank putzen. Den irgendwie beunruhigten Typ von der Sparkasse zurückrufen. Für den Nachbarn ein Paket entgegennehmen. Jemandem über die Straße helfen. Guten Freunden ein Küßchen geben. Die Blumen gießen. Die Karten auf den Tisch legen. Den Müll runterbringen. Das Gehirn entstauben. Die Gitarre mal wieder stimmen. Die richtigen Worte finden. Den Gemüts-Winterdienst übernehmen. Einer muß es ja schließlich machen. Und ClickClickDecker ist so einer.

Es lag also geradezu auf der Hand, daß Kevin Hamann die Ärmel hochkrempelte und sein Debüt "Ich habe keine Angst vor..." nannte. Überraschend war allerdings, daß er scheinbar aus dem Nichts auf der Hamburger Indiepop-Landkarte auftauchte, mit Freischwimmer-Gitarrenpop, dezent brodelnder Elektronik und ausgesprochen klugen Texten eine spannende Ménage à trois klöppelte und eines der besten deutschsprachigen Alben des Jahres 2005 vorlegte. Einfach so. Auch der Nachfolger "Nichts für ungut" hat verstanden, daß man erstmal das olle Schicksal ordentlich in die Pfanne hauen muß, um irgendwann Friede, Freude, Eierkuchen auf den Teller gleiten lassen zu können. Und daß es besser ist, den Pfannkuchenwender fest in die Hand zu nehmen, als auf das glückliche Gelingen eines Katapult-Experimentes zu hoffen.

Das silbrige, runde Ding mit dem Loch in der Mitte ist übrigens keine CD, sondern ein Rettungsring. Das ist schon nach den ersten elf Sekunden klar, wenn eine besonnene Tanzbärentuba das suizidgefährdete Streicherensemble vom Hochhaus holt und dem lässigen Akustikgitarrenseelsorger übergibt. ClickClickDecker hat Notfalltropfen gegen den Alltagswahnsinn komponiert, zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren besten Freund oder Ihr Gewissen: "Fahr mich einfach nach Hause / Frag nicht nach Morgen." Er mag ein wenig ruhiger und bedächtiger geworden sein, aber auch präziser. Und unberechenbarer. Man hätte nun wirklich nicht erwartet, daß "Wenn man alles verliert" sich dermaßen in Schale wirft, Klavier und Bläsern zuzwinkert, im adretten Smoking über das Parkett swingt, schließlich den Edding auspackt und an die blütenweiße Wand kritzelt: "Für manche Dinge gibt es keine Worte / Dafür gibt es Bücher oder Taschentücher."

Auf dem Debüt erfuhr man, daß ClickClickDecker in Altona "mal einen guten Kaffee trank", und auch dieses Mal klingt Lokalkolorit zwischen den Zeilen - so auch im herausragenden "Der ganze halbe Liter". Es geht ums Ausbrechen und ums Einsehen. Ums Retten und ums Gerettetwerden. Und um die Erkenntnis, daß Erfüllung meistens eben doch kein anderes Wort für Erlösung ist, wie "Zurecht ungerecht" mit entzückendem Fliegengewicht-Groove beweist. Trotzdem wohnt so viel ansteckende Euphorie in der Schönheit des Scheiterns, daß man seine To-Do-Liste glatt lächelnd abhaken könnte. Einfach so. Ohne auch nur einen Punkt davon erledigt zu haben. Das Buch in die Bibliothek zurückbringen. Die Straße kehren. Zeitschriften sortieren. Endlich mal früh ins Bett gehen. Die Pfandflaschen abgeben. Mehr Obst essen. Stattdessen: das neue ClickClickDecker-Album zum zehnten Mal hören. "Der feine Unterschied / Dinge, die man sich vornimmt / Und Dinge, die man liebt."

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Wenn man alles verliert
  • Der ganze halbe Liter
  • Zurecht ungerecht
  • Die Suppe schmeckt auch kalt

Tracklist

  1. Niemand tanzt so kacke wie ich
  2. Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt
  3. 107 leider unvermittelbar
  4. Wenn man alles verliert
  5. Der ganze halbe Liter
  6. Was im Abfluss so hängt
  7. Zurecht ungerecht
  8. Die Suppe schmeckt auch kalt
  9. Sozialer Brennpunkt Ich
  10. Immerhin beabsichtigt
  11. Stolpern
  12. Aus der Notaufnahme

Gesamtspielzeit: 49:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
florelle
2008-12-16 10:53:10 Uhr
neues album erscheint am 30.01.
Slajan
2008-09-16 15:38:51 Uhr
Tolles Album, guter Typ. Auch Bratze machen Spaß. Wenn ich mir den bisherigen output des Herrn ClickClick so ansehe, müsste da demnächst ja mal wieder was kommen...
Nagasaki
2007-10-16 22:21:43 Uhr
http://myspace.com/bratzebratze

Genau :-)
Mixtape
2007-10-16 22:18:08 Uhr
Auerßdem ist der Mann jetzt eine Hälfte von Bratze.
Nagasaki
2007-10-16 22:10:30 Uhr
Hurra! Ein neues Clickclickdeckeralbum kostenlos zum runterladen. Hier gehts weiter :-). Viel Spaß.
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