Devastations - Coal

Devastations- Coal

Beggars Banquet / Indigo
VÖ: 22.09.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Durch die Nacht

Man weiß ja, wo das hinführen kann mit diesen Vorschußlorbeeren. Zunächst erstrahlt man im hellen Licht des Ruhmes, im nächsten Moment zerschellt man mit gespreizten Flügeln an der Steilwand des externen Drucks. Zugegeben: Es gibt kein Generalrezept für den Umgang mit Lobeshymnen. Wir wissen nur, daß Keane dringend ein solches benötigen würden, wohingegen Joachim Witt generell ohne Lob auskommen muß. Die Band Devastations, 2002 von Kritikern zum perfekten Gegenentwurf des "New Rock" erklärt, vom deutschen Rolling Stone zum Newcomer 2004 erhoben, lacht sich ins Fäustchen. Vorschußlorbeeren für ihren neusten Streich "Coal"? Pah! Brauchen die nicht. Haben ihnen ja beim letzten Mal auch nichts genutzt.

Kurz nach der Veröffentlichung des Debütalbums wurde der Vorname "The" als zu einengend befunden. Wenig später verließ man mutig den Heimatkontinent Australien, da auch dieser schließlich viel zu klein ist. Berlin heißt die neue Heimat des Trios aus Melbourne. Daß man damit auf den Spuren von Cave und Bowie wandelt, ist ungewollt, natürlich. Der Hang zum Geschichtstreiben selbstredend nicht. Welche Stadt würde sich besser dafür eignen, als das hippe Berlin? Mit einem Fuß in den Wolken, mit dem anderen gefesselt an den irdischen Vergnügen der Songwriterkünste der letzten zwanzig Jahre. Devastations machen zeitlose Musik, für sich, für alle, für immer.

Die Reißleine wird gekappt, noch bevor man den Namen der Band ausgesprochen hat. "Sex & mayhem" schleicht mit Streichern, morbiden Gitarren und einem ungeheuerlich fesselnden Sänger Conrad Standish in die abgelegensten Fragmente der düstersten Phantasien, bis der Refrain die zuckersüßen Welten der Sünde entfaltet. Die Armhärchen stellen sich gegen den Wind, ein Schaudern fährt den Rücken hinab. "The night I couldn't stop crying" verstört mit verzweifeltem Frauengeschrei im Hintergrund und einer Dynamik im Schoß, die unumgänglich den Atem drosselt. Und schon wieder: dieser Refrain! Ein Piano schleppt sich in den Vordergrund, eine Gitarre übersteuert in den fiesesten Tönen. Devastations machen ernst. Und wir haben erst zwei Songs hinter uns.

Mit einer zarten Liebkosung auf den Lippen huscht "Terrified" am Kamin vorbei, von Streichern getragen und mit einem vorsichtigen Frauenchor bereichert. "Take you home" bebt vor Wut und schreit die Zerbrechlichkeit einer blutenden Männerseele in die sternenklare Nacht hinaus. Hugo Cran entlädt einen Donnerschlag am Schlagzeug, Tom Carlyon weint gemeinsam mit seiner Gitarre, Conrad Standish verführt seinen Baß mit berstendem Herzblut. Und wieder: ein Schrei, ein Flehen, eine Frau, Todessehnsucht. Die Welt steht still. Wie soll das bloß weitergehen?

Die Atmosphäre wird gehalten. Zwischen Americana-Anleihen, facettenreichen Stoßgebeten, zarter Selbstzerstörung und düsterem Pathos setzt sich besonders "A man of fortune" in Szene. Auf den Spuren von Nick Cave und Kylie Minogue liefert sich Tom Carlyon mit der neuseeländischen Popfee Bic Runga ein bittersüßes Duett im Mondesschein. Es knistert, zuckt und wabert, daß man selbst das Zuhören als Voyeurismus bezeichnen muß. Die Welt erschließt ihr Wesen in einem Schleier der Melancholie und zelebriert einen Akt apokalyptischer Intimität. Mit "Coal" trinkt man zu viel schweren Wein, stürzt sich ins Meer und segelt über die Weiten des Ozeans. Diese Welt ist nicht genug.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Sex & mayhem
  • The night I couldn't stop crying
  • Terrified
  • Take you home
  • A man of fortune

Tracklist

  1. Sex & Mayhem
  2. The night I couldn't stop crying
  3. I don't want to lose you tonight
  4. Coal
  5. Terrified
  6. Take you home
  7. Cormina
  8. A man of fortune
  9. What's a place like that doing in a girl like you?
  10. Dance with me

Gesamtspielzeit: 45:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Newdan
2007-03-13 11:19:23 Uhr
Coole Band und geniales Album!
Christian
2007-03-13 10:44:00 Uhr
Es sind zwei neue, tolle Songs auf deren Myspace-Seite zu hören. Außerdem scheint die Band neben dem ganzen Tourstress in diesem Jahr ein weiteres Album veröffentlichen zu wollen.
Zwischendurch ein kurzer, dramatischer Tourbericht:

"I am not usually in the habit of posting ‘funny’ tour stories about life in transit. i always wince when i read bands writing sh*t about how drunk their drummer got one night, or about various goings on in the bus etc.. it’s stupid.

stop it, please.

BUT, in fine contradictory fashion, i am about to relay a tour story, which you may or may not appreciate. at least it doesn’t concern bodily fluids.

the story starts a few days ago in ravenna, italy, at about 7.30 in the morning. we’d had a great show the night before, and now we were due to drive to vienna which is about a 10 hour drive or so. i had f*ck-all sleep the night before, and wasn’t very happy about being up so early, not least the prospect of sitting in the van for so long. using alarming powers of dazzling wit, i wrote in the dust on the rear windows of the van ‘i don’t want to go to vienna’.

fast forward 8 hours or so and we’re just outside vienna. our driver informs us that the police are flagging us down, so we pull over by the side of the road, expecting to be hit with a speeding fine or somesuch. it turns out to be not one police car, but four. every cop gets out of their cars, with guns at the ready, fingers on triggers. we all have flashlights shone in our faces and are marched out of the van. at this point we think they are probably going to search the van for drugs or something, (hey, that’s what bands do isn’t it?) but after a while of teutonic mumblings it appears something far darker is going on. our driver gets back in the van and we follow suit.

as it turns out, someone on the highway had seen the phrase ‘i don’t want to go to vienna’ on the rear window of the van, and alerted the police, thinking we may have kidnapped a child or something, and that the message was a cry for help.

oh, the hilarity! and now i have posted my first and possibly last tour story.

bye,

cs/devs x"
Christian
2007-03-02 19:44:26 Uhr
Unbedingt anschauen! Ein wahnsinniger Sänger, tolle Musik, geschmackvolles Publikum. Man kann nur gewinnen. ;-)
Strombuli
2007-03-02 19:43:12 Uhr
auf jeden Fall! hatte ein zwar ein ruhigeres Konzert Konzert erwartet und find die jetzt auch nicht durchgehend großartig, aber bei Sex in Mayhem z.B. stockt einem schon der Atem. Und die Pianistin ist süß;)
desaparecido
2007-03-02 19:28:40 Uhr
die spielen am vierten in wien. die rezension hier ist ja ziemlich gut, lohnen die sich live?
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