Ben Kweller - Ben Kweller

Ben Kweller- Ben Kweller

ATO / Red Ink / Rough Trade
VÖ: 15.09.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Into the great wide open

Es war eines der spannendsten Rätsel seit Scarlett Johanssons geheimnisvollem Ohrflüsterer am Ende von "Lost in translation": Wohin würden die Wölfe von "On my way" den guten Ben Kweller verschleppen? Würde er sich am Versuch, drei Viertel des charmanten Pollunder-Piano-Pop von "Sha sha" gegen breitbeinigen Riff-Raff-Rock einzutauschen, verheben? So jedenfalls, liebe Telenovela-Drehbuchfrickler, muß ein prämierungswürdiger Cliffhanger aussehen. Und jetzt wissen wir auch, wie sich ein prämierungswürdiges Happy End anhört: mitsingmagnetisch-melodisch und so hellwach und befreit wie ein Zugvogelschwarm auf dem Weg in den Süden. Ben Kweller mußte anscheinend erst einmal in der Wildnis ausgesetzt werden und ein bißchen mit der Machete herumfuchteln, um zu merken, wo er hingehört. Und daß in den Kapillaren der schönsten Wolfsmilchgewächse eben doch Kakao zirkuliert.

"On my way" war also bloß ein Schaf im Wolfspelz, aber natürlich trotzdem kein schwarzes. Für den Nachfolger kehrte Kweller nun zu den formschönen Wurzeln von "Sha sha" zurück, spielte ausnahmslos alle Instrumente im Alleingang ein und kam schließlich bei sich selbst an. Konsequenterweise heißt sein drittes Album auch schlicht "Ben Kweller". Den scheuen Erfahrungsaustauschschüler hat er in der Wildnis gelassen und das Grüne hinter den Ohren sowieso. Ben Kweller ist jetzt ein Mann, der weiß, was das Leben in der Mittagspause tuschelt. Und er verrät's uns sogar.

Die Wölfe haben ihren Findelmusiker zu Onkel Tom Pettys Hütte gelotst, dessen Platte "Full moon fever" seit 1989 Nummer 1 der Wolf-Control-Charts ist. Nicht nur wegen des Titels. Da hat Produzent Gil Norton (Pixies, Foo Fighters) auch den Jeff-Lynne-Soufflé-Sound her, der einem gleich bei "Run" direkt in die Arme fällt. A propos: Es gibt ein Wiederhören mit der Klavierbegleitung von "Falling". Heißt jetzt "Until I die", ist aber wohl eher der jüngste Akt des alten Ungewißheitsdramas, als ein zweiter Aufguß. Daß man auf den Refrain von "Nothing happening" prima den Text von "Make it up" singen kann, läßt sich zwar weniger elegant erklären, bleibt aber vollkommen nebensächlich. Weil der Song nun mal viel zu super ist, um seine Zeit mit Schablonenanlegen zu verschwenden. Und aus diesem Grund soll hier jetzt auch nicht von vergangenen Jahrzehnten und Solo-Rockern wie Tom Petty, Bruce Springsteen, John Fogerty, Bob Seger oder Neil Young die Rede sein - obwohl Ben Kweller sich lieber schonmal bei deren Notar melden sollte. Nein, nicht wegen ein bißchen Ideenklau. Sondern wegen rechtmäßiger Erbansprüche.

"Sundress" ist mit seiner infektiösen Indie-Hymnik wie für die College-Radios geschneidert und findet zwischen all seiner sonnencremigen Euphorie auch noch den gemeinsamen Nenner von Beatles, Beach Boys und Weezer. "I gotta move" schließt sich nahtlos an und offenbart das rootsrockigste Gitarrensolo, das man jemals auf einem Ben-Kweller-Album gehört hat. Überhaupt: diese ganzen Details, die einen locker um den Schlaf bringen könnten, wenn sie nicht gleichzeitig so traumhaft wären. Das exotencocktailbeschwipste Xylophon, die vorwitzige Triangel und das überraschende The-Police-Gefühl bei "Magic". Dieser Rock'n'Roll-Jukebox-Moment im Finale von "Penny on a train track". Oder die Dylan-Näselei bei "Thirteen", dem ohnehin besten Song der Platte - eine Liebesbeweisaufnahme am Piano, die rührend die letzten acht Jahre mit Herzblatt Liz zusammenpuzzlet.

Ben Kweller mag noch immer wie der verpeilte Teenie von nebenan aussehen, aber die Reifeprüfung, die hat er längst abgelegt. Sogar in den Nebenfächern Schunkelcountry ("Red eye") und Verstärkerkunde ("This is war"). Von der latenten musikalischen Schlampigkeit von einst hat er sich übrigens auch verabschiedet und diese gegen eine Familienvaterpackung (jawohl, der Herr Kweller ist mittlerweile stolzer Papa) solider, aber nicht weniger charmanter Souveränität eingetauscht. Wie analysierte Thomas Hobbes in "Leviathan" noch gleich das menschliche Verhalten im Naturzustand? Homo homini lupus - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Und der Kweller dem Menschen eine wahre Freude. Wie gut, daß der Ruf der Wildnis nie verhallt: "I'm not done with my travelling / So let's run, let's run, let's run."

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Nothing happening
  • Sundress
  • Thirteen
  • Magic

Tracklist

  1. Run
  2. Nothing happening
  3. Sundress
  4. I gotta move
  5. Thirteen
  6. Penny on a train track
  7. I don't know why
  8. Magic
  9. Red eye
  10. Until I die
  11. This is war

Gesamtspielzeit: 40:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Alfrankie
2006-11-20 18:23:18 Uhr
Hier gibte es ein Iinteressantes aktuelles Interview mit dem Mann zu lesen...
einglaswasser
2006-10-12 15:21:07 Uhr
Joa, das Album kann schon was...
Deine Mutter
2006-10-10 20:31:00 Uhr
Der Mann ist genial!

Das Album auch.
Armin
2006-10-10 18:58:57 Uhr
„Gawky Geek Turns More Mundane But Lets His Chaos Light Up Your Living Room. A 22-year-old cross between a Muppet and a Beach Boy whose amped-up antifolk and homely mannerisms make a case for gawky, free-spirited chic, Ben Kweller is the dude all the dorks want to be.“ sagt die Village Voice und beschreibt nicht untreffend unseren Ben.
Sein neues, selbstbenanntes Album (ATO / Red Ink / 15.09.2006) begeistert von der ersten Sekunde an und lässt Herzen von Freunden des perfekten Popsongs höher schlagen. Im November gibt es den Knaller auch an zwei Terminen live zu sehen. Ebenfalls sehr sehenswert ist seine Homepage www.benkweller.com, sowie seine persönliche TV-Show „One Minute Popsong“, die Ihr Euch am besten auf youtube.com ansehen könnt.

http://www.youtube.com/watch?v=xvJujxbzhWM
Moe
2006-09-21 16:29:05 Uhr
Was macht das für einen Sinn, 4(!) Threads über Ben Kweller anzufangen?
-->Bei www.plattentests.de gibt es eine Suchfunktion, aber anscheinend ist das total überflüssig!
Zum kompletten Thread

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