The Mars Volta - Amputechture

The Mars Volta- Amputechture

Gold Standard Labs / Universal
VÖ: 08.09.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Spanish castle magic

Den Spinat aufgegessen. Das Licht ausgemacht. Die Hausärztin auf die Kurzwahltaste gelegt. Und das Licht doch wieder angemacht. Also - wir könnten dann. Eine neue The-Mars-Volta-Platte zum ersten Mal anzuhören, ist ja immer auch so, wie auf einem Zahnarztstuhl Platz zu nehmen. Es könnte alles passieren, es sollte gar nicht wehtun, und es wird doch wieder eine Nervenbehandlung mit Bohren und Blutspucken. Man bereitet sich also vor, so gut man kann, man darf aber trotzdem davon ausgehen, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Ohne viel Rückenwind geht der musikalische Turmbau zu Babel diesmal los, Cedric Bixler-Zavala inszeniert sich als mexikanischer Schnulzensänger, Omar A. Rodriguez-Lopez formiert drumherum einen Grenzgängergang aus seinen Instrumenten. Gitarren werden wie Messer gewetzt, das Saxophon losgeleint - "Amputechture" kommt ins Rollen.

"Vicarious atonement" ist das Intro vor dem Sturm, und es funktioniert deshalb so prächtig, weil es all die Dinge, die auch auf dem dritten Mars-Volta-Album in drei Jahren wieder passieren werden, vorwegnimmt, ohne sie wirklich aussprechen zu müssen. Mit "Tetragrammaton" gibt es dann das erste Kilometergeld zu verdienen, 17 Minuten lang wird geholzt, geschnitzt und geschummelt. Bixler-Zavala doppelt seine Stimme, plötzlich ist ein Refrain in Sichtweite, Rodriguez-Lopez zieht die Notbremse, läßt den Song wegtreiben, ist in seinem Element. Schlagzeuger Jon Theodore, hier noch mit all seinen Armen und Beinen im Einsatz, wurde ja unlängst wegen Faulheit gefeuert. Wer diesen Neuntausender von einem Song erstmal bezwungen hat, könnte sich von Ermüdungsbruch über Kreislaufkollaps bis Sehnenscheidenentzündung aber auch ganz andere Dinge vorstellen. Theodore wäre in jedem Fall gut bedient.

Aber selbst der unerbittliche Antreiber Rodriguez-Lopez braucht nach soviel Hula Hoop ein Päuschen. "Vermicide" ist der eine Quasi-Popsong, den sich The Mars Volta noch immer pro Platte erlauben, gebaut auf einem schockierend bruchsicheren Klavierfundament. Später mit "Asilos Magdalena", einer auf Spanisch gesungenen, weitgehend akustischen Latino-Schmonzette, gibt es noch so eine Verpflegungsstation. Davor und danach ist "Amputechture" jene Sorte Windmachen, an die man schon von "Frances the mute" gewöhnt worden war, ein ungeheuer gelenkiges, ausdauerndes, auszehrendes Geräteturnen an Gitarre, Baß, Schlagzeug, Keys und Bonuspercussion. Selbst John Frusciante, als musikalischer Unparteiischer dazugeholt, der Verzicht auf ein übergeordnetes Thema und das Saxophon von Sara Christina Gross, das sich immer wieder um Rodriguez-Lopez' liebste Effektmacher herumschlängelt, können dabei jedoch nicht verhindern: The Mars Volta treten erstmals auf der Stelle.

Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, King Crimson und Santana, Hendrix und Gitarrenlehrer, wird dabei gewohntermaßen von beiden Seiten zu keiner Sekunde anerkannt. "Meccamputechture" arbeitet mit besonders fiesen Tricks, die Drums werden kreuz und quer durch den Song geschoben, lauter, leiser, von elektronischen Undefinierbarkeiten umschwirrt. Am Ende triumphiert das Saxophon, vorher singt Bixler-Zavala "It lacks a human pulse", manisch und immer wieder. Seine eigene Band wird er kaum meinen, und doch steckt in diesen Worten auch viel Wahrheit zum Zustand des Herzens, das irgendwo tief unter dieser Musik schlägt. Mitunter wirken die einzelnen Bausteine beliebig zusammengesetzt, manches Solo ist Tonleitertraining ohne Mehrwert. Ein paar mal zu oft kann einem diese Platte höchstens helfen, beim Putzen die Wohnung schneller sauber zu kriegen.

Es bleibt also wieder mal die Frage nach der eigentlichen Bestimmung solcher musikalischen Großschlachten übrig, die Suche nach echter emotionaler Tiefe unter der brodelnden Oberfläche einer weiteren 80-Minuten-Stromschnelle, die sich auch im zweiten Teil des Albums nicht endgültig klären läßt. "Viscera eyes" zieht seine Kreise in immer engeren Bahnen um ein Classic-Rock-informiertes Gitarrenriff. Mit "Day of the Baphomets" verabschiedet sich auch das Saxophon von den letzten guten Geistern, bevor ein vermeintliches Percussion-Solo auf allerhand Kücheninventar endlich reinen Tisch macht. Und schließlich dauert es nochmal neun Minuten, bis "El ciervo vulnerado" das Album mit einer George-Harrison-Memorial-Sitar sehr abrupt vor die Wand fährt. Man ist genauso schlau wie vorher, nur ein paar Kilo leichter. Die Mars Volta Experience funktioniert eben weiterhin höchstens im Selbstversuch. Reinspringen, rausfinden. Und niemandem glauben, der sich als Doktor ausgibt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Vicarious atonement
  • Meccamputechture

Tracklist

  1. Vicarious atonement
  2. Tetragrammaton
  3. Vermicide
  4. Meccamputechture
  5. Asilos Magdalena
  6. Viscera eyes
  7. Day of the Baphomets
  8. El ciervo vulnerado

Gesamtspielzeit: 76:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ede Geier
2018-08-02 16:29:58 Uhr
Ok, "Tetra" würde ich eher deshalb nach hinten setzen weil es abgedrehter ist als die anderen Songs. Ich mag den Übergang von "Bapho" in "Tetra", sehr
anstrengendes Doppel, und schräge Trackfolge. Danach dann der ruhige Ausklang mit "Ciervo".

Felix H

Postings: 2980

Registriert seit 26.02.2016

2018-08-02 16:14:45 Uhr
Ein seltsamer Grund, warum darf am Anfang kein langer Track kommen? Und nach dem Tabula Rasa von "Baphomets" sollte nur noch "Ciervo" als Ausklang kommen.
Ede Geier
2018-08-02 15:25:47 Uhr
"Tetragrammaton" gehört auf Grund seiner Überlänge eher ans Ende des Albums.

1 Vicarious Atonement
2 Meccamputechture
3 Asilos Magdalena
4 Viscera Eyes
5 Day Of The Baphomets
6 Tetragrammaton
7 El Ciervo Vulnerado

edegeiler

Postings: 1109

Registriert seit 02.04.2014

2018-08-01 23:27:03 Uhr
Tengo la camisa negra. Der Mann hatte die Hits.

Felix H

Postings: 2980

Registriert seit 26.02.2016

2018-08-01 21:00:36 Uhr
Wenn Juanes auch Songs mit so ner abgefuckten Entwicklung hat, sollte ich mehr Juanes hören.
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