Klez.E - Flimmern

Klez.E- Flimmern

Loob / Universal
VÖ: 18.08.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Biolumineszenz

Was hier sofort begeistert: Die Antithese, die sich aufdrängt, wenn man das Cover anschaut. Oder besser: das Kunstwerk aufklappt. Die Füße von Klez.E stehen da im Wasser. Alles grün. Ein Stück Seetang aus Papier windet sich von einer Digipakseite auf die andere. Sofort stellen sich entsprechende Assoziationen ein. Es zieht einen ans Meer, in die Weite. Hinaus in die Natur! Und dann diese Vokabeln, die ja doch eher dem Nerd- und Technikbereich entlehnt sind: Klez.E, Flimmern. Nachdem man das Album eingelegt hat, wird aber schnell klar, daß hier nicht in kalter Maschinensprache Schicksale auseinandergepflückt werden. Dieses Album verfolgt ganz andere Ziele. Welche das jetzt genau sind, läßt sich Klez.E-typisch meist erst nach dreimaligem Hören und Interpretieren feststellen. Oft aber auch gar nicht. Und genau hier kommt jetzt die Kunst ins Spiel, die Klez.E auf "Flimmern" virtuos beherrschen. Es ist einem völlig egal. Schnuppe. Denn hier ist eine Intensität im Spiel, die man nicht erwartet hätte. Und zum Glück schlägt dieses Gefühl nicht ein einziges Mal in allzu große Sicherheit um.

Es sind die Fragilität, die latente Unsicherheit, die uns begleiten. Klar, Tobias Siebert singt immer noch ein wenig leiernd zwischen den Gitarren und Bässen hervor. Aber auch das paßt beinahe perfekt in die organische Entwicklung, die diese Platte beim Hören durchmacht. Fragmente von Gefühlen, Fetzen von Gesprächen winden sich in die relevanten Nervenbahnen und stimulieren den Begeisterungscortex. Man spürt, wie sich eine Hand nähert, sich öffnet und zum Zupacken ansetzt. Jetzt zuckt man zusammen. Und dann läßt die Hand doch wieder ab, bewegt sich voller Unsicherheit wieder in das dunkle Irgendwas. Die Gewißheit wächst, daß es sich bei "Flimmern" um eine der großartigsten und schönsten Platten dieses Jahres handeln muß. Derweil sinkt man immer tiefer ein, in den Treibsand: "Alles glitzert, alles schreit / Ich bin glücklich nur soweit / Wie du jetzt hier vor mir stehst / Werde gefangen, gefangen, gefangen."

Es ist ein Song wie "Strandlied", der in uns den Wunsch weckt, gedankenlos an einer Küste unserer Wahl entlang zu schweben. Pop im Klez.E-Universum heißt: abgehoben sein, die Bodenhaftung verlieren, dabei aber trotzdem immer auf sehr unanstrengende Weise verkopft und verfrickelt bleiben. Und im Jetzt landen. Nur mit den Lippen formulieren wir den Wunsch, hier, genau an dieser Stelle, in den Sand eingegraben zu werden. Hier sollen wir verweilen, bis an das Ende unserer, am besten aller Zeiten. Im Schlick stecken für immer.

Wut, Freude, Melancholie und die Verschmelzung mit der Umgebung; beinahe endlos scheint das Spektrum der Gefühlsregungen zu sein, das Klez.E auf ihrer bis jetzt besten Platte abzudecken imstande sind. Hier zirpt die Gitarre zurückhaltend im Hintergrund, dort brummt der Baß in die Unendlichkeit hinein. Überhaupt wird hier ein Variantenreichtum aufgefahren, der oft die Texte reflektiert, gelegentlich aber auch den Boden für Umstürze innerhalb eines Songs bereitet. Nie aber ist es künstlich, und doch ist "Flimmern" ein Kunstwerk, welches so würdevoll und erhaben ist, daß die Augenlider zu zittern anfangen. "Das ist alles und so unfaßbar, wie wir leben."

(Stefan Kesselhut)

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Highlights

  • Strandlied
  • Die Essenz
  • Surfen im Wahnsinn

Tracklist

  1. Strandlied
  2. Mein Geschenk
  3. Standard
  4. Werbefläche Mond
  5. Hellgelb
  6. Tag im Fall
  7. Dein Universum
  8. Center
  9. Die Essenz
  10. Surfen im Wahnsinn

Gesamtspielzeit: 46:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
eli
2012-02-29 21:52:09 Uhr
Das würde mich auch mal interessieren. Auf der Akustiktour im Herbst 2010 bekundeten sie ein reges Interesse für experimentellere Spielereien. Ich meine auch in einem Interview gelesen zu haben, dass ein neues Album, wenn es überhaupt eines gibt, einen großen Schritt in diese Richtung geht.
hans peter
2012-02-28 02:28:05 Uhr
hai.
wisst ihr was neues von klez.e? die homepage ist ja nicht ganz so aktuell.
gruß
Matteo
2008-11-02 20:31:43 Uhr
Ja ist anscheinend normal, finde ich immer etwas schade...

Jedenfalls bin ich viel zu spät auf diese wunderbare Band gekommen. Es ist zwar noch zu früh für ne richtige Beurteilung, aber im Moment finde ich den Großteil schon unglaublich gut.
Steffi
2008-10-24 12:59:36 Uhr
Gerade die Vinyl bekommen. Ist das normal, dass da kein Textblättchen dabei ist?
JimCunningham
2008-01-19 18:03:51 Uhr
Kann ich fast gar nicht glauben.

Das, was ich bei Klez.E am schönsten fand, das Atmosphärische und Vielschichtige, wie beim Strandlied zum Beispiel, oder bei Hellgelb, oder bei Tag im Fall, das fehlt fast komplett bei der elektronischen Version, da finde ich alles so zurechtgestutzt und völlig unpassend, wenn man das Original kennt.

Gerade das Strandlied, welches wohl ihr schönstes Stück Musik ist hört sich einfach beschissen an im Remix.

Wenn du auf Remixe stehst, kannst du ja mal die von Tocotronic probieren, da sind zwar auch einige, die ziemlich doof sind, aber viele sind auch unglaublich gut und werfen entweder einen völlig neuen Blick auf das eigentliche Lied, oder sind zwar total fremdartig, aber passen trotzdem haargenau zum Original, wie das letzte Lied zum Beispiel, der "Turner's leiser Atem-Mix" von Morgen wird wie heute sein.
naja.
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