Pale - Brother. Sister. Bores!

Pale- Brother. Sister. Bores!

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 01.09.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

You are losing my mind

Es ist schwierig, einen Text über Pale anzufangen, weil beinahe jedem potentiellen Zugang zur Band ein blödes Klischee im Weg steht. Niemand will mehr vom hartnäckig erarbeiteten Aufstieg der kleinen Halbprovinz-Gruppe aus Aachen lesen; erst recht nicht jetzt, wo man zwangsläufig doofe Alemannia-Allegorien herstellen müßte. Noch schlimmer wäre es, im Zusammenhang mit Deutschlands einziger Emo-not-Emo-Band wieder bei Emo-not-Emo einzusteigen, schließlich ist "Emo sagt man nicht" zu sagen mittlerweile viel schlimmer als "Emo" zu sagen. Und zuletzt verbietet sich auch, das neue Label (Grand Hotel van Cleef) zu erwähnen oder gar den folgerichtigen Pressetext von Thees Uhlmann zu zitieren, in dem es über sein neustes Rennpferd heißt: "Mit einem solchen Einsatz spielt, singt, schwitzt in Europa höchstens noch Moneybrother." Wir lassen den Anfang deshalb weg, wenn's niemanden stört, okay?

Es ist nämlich einfach, einen Text über Pale zu schreiben, wenn man den Anfang erstmal hat oder wegläßt, weil sie mit ihrer neuen Platte so viel anders machen als bisher. "Brother. Sister. Bores!" trägt den Untertitel "A beat manifesto", den Unterbau aus Ironie und Rumkokettieren haben Pale aber diesmal weggelassen, meinen sie. Für uns heißt das, daß der alte Überschwang weg ist, Pale ein bißchen wie runtergekühlt und abgeklärt, ja sagen wir's doch, erwachsen klingen. Die Lebenserwartung ihrer Gitarrenseiten und Trommelfelle dürfte gestiegen sein, die Hemmschwelle zur gewienerten Popmusik ist weiter gesunken. Die Bläser hören sich edel an, die Streicher teuer, auf den neuen Songs kann man ausrutschen. Nur das Palesein haben Pale nicht aus sich rausgekriegt.

Es wird kompliziert, einen Text über Pale zu schreiben, wenn man mittendrin merkt, daß der Weg aus Holz ist und nach draußen führt. Vielleicht haben Pale doch gar nicht soviel anders gemacht, war hier gerade eine Idee. Vielleicht haben sie uns nur dazu gebracht, ihnen mit anderen Ohren zuzuhören. "Take me out, bouncers!" ist da ein prima Trick am Anfang. Das Klavier steht im Mittelpunkt, obwohl kaum einer seine Tasten drückt, ein Elektro-Beat knabbert die letzte Minute des Songs an, Holger Kochs' Gesang kommt uns ganz schön nahe. "You wanna be so good" hat dann wieder die kurzangebundenen Pale-Gitarren, den Refrain, der direkt aus der Steilkurve kommt. Aber doch, die alte Euphorie fehlt. Was bisher flüchtige Melancholie war, scheint diesmal als tiefe Trauer in den Songs zu sitzen. Eine Hitplatte ist "Brother. Sister. Bores!" trotzdem. Natürlich.

Es hat keinen Sinn, noch länger einen Text über Pale zu schreiben, wenn man ihre neue Platte nicht kapiert. Man will sie nicht Power-Pop nennen, auch wenn "Keep on. Bad bird" und sein zweistimmiger Arm-in-Arm-Refrain genau das sind. Es wäre übertrieben, von Soul zu sprechen, obwohl gerade die Extra-Instrumente gerne mal klingen, wie aus Motown eingeflogen. Was da hinter dem sehr elaboriert aufgezogenen "Sister. You are about to break out" ausläuft, traut man sich gar nicht zu fragen. Und wenn die himmelwärts strebenden Geigen aus dem bedingungslos wundervollen "I am sorry (You are not)" nicht mindestens von Burt Bacharach arrangiert wurden, wollen wir nie in Aachen gewesen sein. Keine Ahnung, was mit dieser Platte los ist. Vielleicht kaufen sie ja ein paar von Euch und erklären es mir dann.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • You wanna be so good
  • Keep on. Bad bird
  • I am sorry (You are not)

Tracklist

  1. Take me out, bouncers!
  2. You wanna be so good
  3. A clash at the nightclub
  4. Keep on. Bad bird
  5. Sister. You are about to break out
  6. I am sorry (You are not)
  7. Gal. Why don't you adore me?
  8. I am a ghost
  9. What has happened?
  10. (Look, they call you) Believer

Gesamtspielzeit: 38:58 min.

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