Tom Petty - Highway companion

Tom Petty- Highway companion

American / Warner
VÖ: 21.07.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Straßenmeisterei

"Come on, get in!", befiehlt dieser Typ mit dem hellbraunen Wildlederblouson. Er schickt ein lebenserfahrenes Südstaatengrinsen hinterher, das sein knochiges Gesicht noch knochiger erscheinen läßt. Das Auto, in das er da einlädt, ist so ein typisch amerikanisches Modell: viel Blech und vollkommen schmucklos. Hier und da rostet es schon, was aber gar nicht schlimm ist, weil der Wagen sowieso rostrot lackiert ist. Auf der Heckscheibe klebt eine silberne Dreißig. Ob das die maximale Geschwindigkeit dieser alten Schüssel ist? Der Typ schmunzelt, dieses Mal weniger knochig, während der Wind ihm seine dünnen blonden, fast kinnlangen Haare durcheinanderwirbelt. "Heartbreakers - dreißig Jahre sind wir jetzt schon zusammen." Gerade, als man versucht ist, erstaunt vor sich hinzumurmeln, daß das ja eine ganz schön lange Zeit ist, wenn man sich ständig gegenseitig das Herz bricht, geht ein Licht auf. Nicht an der alten Schüssel, sondern im Oberstübchen: "Mensch, Tom, Du bist's!"

Tom Petty, der alte Southern-Rocker: Er ist sich immer treu geblieben. Keine Experimente, zumindest keine musikalischen. Andere, die gab es leider schon. Nachdem er vor vier Jahren auf "The last DJ" den miesen Medien und der elenden Musikindustrie ordentlich die Meinung geklampft hatte, schlitterte er in eine gewaltige Krise. Drogen, Depressionen, das volle Highway-to-hell-Programm eben. Schließlich verzog Petty sich in die Natur. In eine Holzhütte, um genau zu sein, wo er Hühner hielt und die Fensterläden lange verschlossen. "Coming down is the hardest thing", wie wahr. Aber nun ist er zurück: Um einiges weiser, ein bißchen ruhiger, aber immer noch das, was man frei von jeglichen Phrasenbedenken und guten Gewissens einen Altmeister nennen kann. Einen verdammt souveränen sogar: Als US-Radiomoderator Jared Morris sich darüber echauffierte, daß die Red Hot Chili Peppers "Dani California" ziemlich offensichtlich bei Pettys "Mary Jane's last dance" abgekupfert hätten, zuckte der Altmeister nur mit den Schultern und besänftigte: Das hätten die Jungs bestimmt nicht mit Absicht gemacht.

Entsprechend entspannt geht's über den Highway. Der galoppierende Boogie von "Saving grace" weist darauf hin, daß es Pferdestärken sind, die uns hier voranbringen. Und dann folgt auch schon die erste Rast. Mit einem Blick zurück auf die Strecke und all ihre Schlaglöcher: "Square one / My slate is clear / Rest your head on me my dear / It took a world of trouble / It took a world of tears / It took a long time / To get back here." Petty schüttelt mal eben eine der schlichtesten und mit Abstand schönsten Akustikgitarrenperlen, die er je geschrieben hat, aus dem Wildlederblousonärmel. Die alte Schüssel kommt richtig in Fahrt, und weil's gerade so schön ist, singt der Altmeister "Flirting with time" - ein altbewährt luftiges Jeff-Lynne-Soufflé. Der hat nämlich mal wieder produziert und neben Heartbreaker Mike Campbell auch ein paar Instrumente eingespielt. Um den Großteil der Musik seiner dritten Soloplatte (der achtzehnten insgesamt) hat sich Tom Petty allerdings selbst gekümmert - sogar um die Drums.

Es geht weiter, immer "Down South". Petty klingt plötzlich wie Dylan und erzählt zu gepflegtem Folkrock mit einer vorwitzig schnarrenden Sonnensaite, wie er noch immer die Damen beeindruckt. Dann will so ein "Jack" zusteigen. Ein ziemlich muskelbepackter Typ mit hinterhältigem Blick, Bierbaß und Schmugglergitarre. Die Antwort: "Turn this car around". Manchmal muß es eben einfach nur eine staubige Straße sein. "I need a big weekend / Kick up the dust", konstatiert Chauffeur Petty und die Pferde beginnen wieder zu galoppieren - dieses Mal countriesk. Der Altmeister wird zum "Night driver" und drosselt das Tempo. "Fighting sleep with windows down." Er hält an, um schlaf- und melancholietrunken den Vollmond mit einer traurigen Geschichte zu konfrontieren: "So young / And damaged by love."

Das Auto ist zum Glück noch heil, und wir erreichen "This old town" im Morgengrauen. "The hills are gold / The mornings are cold / Don't know a soul on the street" singt Petty. Doch dann kommt auch schon "Ankle deep" mit einer ganzen Flotte jubilierender Gitarren anmarschiert. Man hat gleich das Gefühl: Das ist ein alter Bekannter. Bei einem gepflegten Whiskey-Frühschoppen. "Die Flasche ist im Handschuhfach", verrät Petty, doch zum Trinken kommt man erstmal gar nicht. Denn aus dem Handschuhfach strömt eine wunderbare vibraphonverzierte Schunkelballade: "Well the golden rose / Sailed with a broken man going South." Der Altmeister parkt abenteuerlich, schnappt sich nun selbst die Whiskeyflasche und verläßt die Schüssel. "Want some?", fragt er, wieder mit diesem lebenserfahrenes Südstaatengrinsen, das sein knochiges Gesicht noch knochiger erscheinen läßt. Aber eigentlich will man nach dieser erlebnisreichen Fahrt noch gar nicht aussteigen. Manchmal ist der Weg tatsächlich schöner als das Ziel.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Square one
  • Flirting with time
  • Down South
  • Ankle deep

Tracklist

  1. Saving grace
  2. Square one
  3. Flirting with time
  4. Down south
  5. Jack
  6. Turn this car around
  7. Big weekend
  8. Night driver
  9. Damaged by love
  10. This old town
  11. Ankle deep
  12. The golden rose

Gesamtspielzeit: 43:53 min.

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