Ben Hamilton - Ben Hamilton

Ben Hamilton- Ben Hamilton

Labels / Virgin / EMI
VÖ: 04.08.2006

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Langschläfer

Ben Hamilton ist ein großer Musiker. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er mißt zwei Meter zehn. Die Biographie des Hünen ist ähnlich herausragend und liest sich so, als wäre sie im verwinkelten Gehirn eines ausgefuchsten Marketingstrategen zusammengebastelt worden: Hamilton ist der in Oxford geborene Sproß eines alten englischen Adelsgeschlechtes, dessen Wohlstand allerdings leider von den vergangenen Jahrhunderten verschlungen wurde. Dafür waren seine Eltern reich an alternativen Lebensentwürfen: Zunächst wohnte man mit dem kleinen Ben in einer Kommune, der auch die 70er-Jahre-Rockband Traffic angehörte. Dann fiel dem Vater ein, daß er dazu berufen sei, in der Toskana religiöse Ölschinken zu malen. In Florenz klampfte Ben, mittlerweile Teenager, dann auch seine ersten Gitarrentöne.

Die Idylle währte nicht lange: Mit vierzehn wurde Ben Hamilton zurück in die englische Heimat geschickt. Auf ein Elite-Internat. Natürlich hielt er es da nicht bis zum Schulabschluß aus, sondern abenteuerte schließlich mit siebzehn in Australien herum. Arbeitete in Sydney als Stripclub-Türsteher, wohnte in einem heruntergekommenen Stundenhotel und schrieb dort seine ersten Songs. Die präsentierte er dann als Straßenmusiker. In London, Lissabon und wieder in Florenz. Dort wurde der zufällig gerade urlaubende Berliner Produzent Stephan Fischer auf ihn aufmerksam, genauer gesagt auf seine erstaunlich angeraute, kraftvolle Stimme. Die tatsächlich beeindruckt, falls man noch nie etwas von Dave Matthews gehört haben sollte. Fischer nahm ihn kurzerhand mit nach Berlin, wo Hamilton die Elektroszene entdeckte, Frontmann der Band Tracy wurde und sogar einmal Elliott Smith supportete.

Nach all den Jahren nun also endlich Plattenvertrag und Debütalbum. Als eine Art anspruchsvolle Version von Goldesel James Blunt. Eben ein Mann mit Gitarre, bewegter Biografie, stets abrufbarem traurigen Blick und einer Handvoll potentieller Radiohits. Davon gibt es hier genau einen, der ist dafür aber auch tatsächlich herausragend: "Backbreaker", eine beinahe mantraartige Nummer, die vor allem Hamiltons Vorliebe für charakterstarke Percussion zeigt. Ansonsten wird man gleich zu Beginn ordentlich in die Irre geführt: "Sparrow's blues" wird seinem Namen keineswegs gerecht, sondern beginnt als seltsamer Tanzbären-Reggae, der in einen properen Popsong mit Streicher-Anstrich mündet.

"Forgive me if I hesitate / I'm human", singt Hamilton, und man wundert sich ein bißchen, daß er bei diesem spröden Pop nicht selbst einnickt. Entspannend ist seine Musik zumindest, das schon. Vielleicht könnte er mit einer Wellness-Tempel-Kette ins Geschäft kommen - so als Hintergrundmusik für Schlammpackungsanwendung oder Wassergymnastik? "Chain of love" klingt extrem nach Sting, und auf "Bells" präsentiert Hamilton zu zackigem Cello und marschierendem Rhythmus sein Falsett. Da ist der Lounge-Pop von "Indispensable" schon wesentlich angenehmer, wenn auch bedauerlicherweise kaum spannender. Gleiches gilt für den gefälligen Gitarrenpop von "Durango" mit der backingvokalierenden Diane. Man ahnt es bei diesen Titeln schon: "Radiationnation" und "Funfun" spielen mit Elektronik und den üblichen Klischees: "I met you on a spaceship / Travelling in time." Das Schluß-Trio - "Hologram", "Curtaincall" und "Rising" - zeigt sich streicherpathetisch und feuerzeugballadenrührselig. Wer sich in den Armen liegen möchte: Das wäre dann jetzt wohl der richtige Zeitpunkt. Ob Ben Hamilton schon über eine Karriere als Basketballer nachgedacht hat? Da würde ihm dann vielleicht wirklich mal ein großer Wurf gelingen.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Backbreaker
  • Curtaincall

Tracklist

  1. Sparrow's blues
  2. Backbreaker
  3. Human
  4. Chain of love
  5. Bells
  6. Billy the clown
  7. Indispensable
  8. Durango
  9. Radiationnation
  10. Funfun
  11. Hologram
  12. Curtaincall
  13. Rising

Gesamtspielzeit: 59:59 min.

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