Nice Boy Music - Twist

Nice Boy Music- Twist

Virgin / EMI
VÖ: 28.07.2006

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Beat-Club

Mitte der Neunziger hielten es unnötig viele Doppel-X-Chromosom-Trägerinnen für niedlich frech, girlpower-demonstrativ und modisch tragbar, taucheranzugeng geschnittene Shirts mit der Aufschrift "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin" nicht nur zu besitzen, sondern tatsächlich auch noch mit stolz geschwellter Brust um dieselbe zu spannen. Daß böse Jungs auch überall hinkommen, vor allem unter solche provokanten Stoff-Fetzen, war dabei sowieso klar. Aber was, fragte man sich, was ist eigentlich mit den guten Jungs, den lieben, den netten? Die kommen also in den CD-Player, aha. Und in die Zeitmaschine, Destination: Beat-Ära. Weil die Mädchen damals lieber unzüchtig kurze Miniröcke ausführten, anstatt Emanzenphrasen auf ihre Oberbekleidung zu zicken? Vielleicht.

Sicher ist jedenfalls: Die vier Hamburger haben einen Heidenspaß daran, so zu tun, als wären die letzten fünfunddreißig Musikjahre bloß eine lächerliche Fata Morgana gewesen. Überhaupt, was sind schon ein paar Jahre? Nice Boy Music haben sich eine ganze Dekade für ihr Debütalbum Zeit gelassen - nicht ganz freiwillig allerdings. Genauer gesagt war es so, daß bis vor kurzem noch kein Label Lust auf ein derartig offensichtliches Retro-Abenteuer hatte. Aber jetzt, nach der WM im eigenen Land, heißt man auch gerne eine deutsche Version der britischen Rhythmusgruppendynamik willkommen.

Nice Boy Music klingen tatsächlich unerhört britisch. Jan Petschat hat ordentlich Rotz in der Stimme und einen tadellos einstudierten Akzent. Hätten er sich mal eine Zeile wie "Right here / We roll out of Hamburg" verkniffen - niemand hätte die wahre Herkunft der Vier erahnt. Daß der polternde Opener "Some are young" mit einer Schlagzeugstöckchentaktvorgabe beginnt, ist dabei ebenso obligatorisch wie vorherhörbar. Und symptomatisch für all das, was die darauf folgende knappe Dreiviertelstunde zu beaten, pardon, bieten hat. Zwölf Songs, mit denen sich Swen Meyer (Tomte, Kettcar) als neuer Sushi-Meister unter den Produzenten empfiehlt. Roh und trotzdem geschmackvoll angerichtet, das funktioniert schon ziemlich gut.

Was aber weitaus weniger gut funktioniert, ist das unaufhörliche Blättern im musikalischen Geschichtsbuch, das hier und da gefährlich in Richtung reine Stilübung tendiert. Nichtsdestotrotz ist dank famoser Trampolingitarre aus "This is disco" immerhin ein hübsches Dancefloormagnetchen geworden, und "Monument" beweist, daß die Jungs auch mal stillhalten können. Vielleicht sogar öfter stillhalten sollten. Ansonsten zu verbuchen: diebische Spielfreude, selbstverständliche Refrains, hyperaktive Saiten, entschlossene Drums und lyrische Coolnessversuche mit Ergebnissen wie "Come on and lay your soul / In the backseat of my car." Das macht eine Weile lang tatsächlich einen Heidenspaß. Wer jedoch ausschließlich in einer bereits vollständig erschlossenen Sechziger-Zone zirkuliert, kommt nicht nur nicht in den Himmel, sondern auch schnell wieder ins Regal. Hinter die Originale.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • This is disco
  • Monument

Tracklist

  1. Some are young
  2. This is disco
  3. Homes collide
  4. Coming up
  5. Twenty one
  6. Monument
  7. Ekstranummer
  8. Wait
  9. Stray
  10. Hunger
  11. Monrovia
  12. Lavender tavern

Gesamtspielzeit: 43:48 min.