James Dean Bradfield - The Great Western

James Dean Bradfield- The Great Western

Columbia / Red Ink / Rough Trade
VÖ: 21.07.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Höchste Eisenbahn

Man kommt nicht umhin, zunächst einen Ausflug in die Historie zu unternehmen: "The Great Western" war eine britische Eisenbahngesellschaft, 1833 gegründet, die London mit Südwestengland, Westengland und Südwales verband. Das Besondere an der Zugstrecke: Sie wurde nicht mit normalen Schienen, sondern mit einer Breitspur betrieben und von zahlreichen, kunstvoll im viktorianischen Stil erbauten Viadukten, Bahnhöfen und Tunnel gesäumt. 1948 verschmolzen die großen vier Eisenbahngesellschaften zur staatlichen "British Rail", die vor zwölf Jahren dann doch wieder privatisiert wurde - und seit dem wieder den Namen "Great Western" trägt.

Warum das alles erzählt werden muß? Wegen des schönen Symbolgehalts. Auch James Dean Bradfield feiert ein kleines Revival - nämlich das der "Everything must go"-Ära, der Breitspurgleis-Britrock-Hymnen und der lyrischen Viadukte, für die er zum ersten Mal selbst verantwortlich ist. Ein gewagter Schritt, könnte man vermuten, hat der Waliser es in all den Manic-Street-Preachers-Jahren mit "Ocean Spray" auf gerade mal einen selbst getexteten Song gebracht. Doch man kann, glücklicherweise, den Augenbrauen jegliche Klimmzüge ersparen: Wem Zeilen wie "I fall asleep to the national anthem / To break the spell of a winter night" einfallen (aus "On Saturday morning we will rule the world"), der kann gar nicht in irgendjemandes Schatten stehen. Dieser Irgendjemand, aka Nicky Wire, ließ es sich allerdings auch nicht nehmen, seinem alten Kumpel die Lyrics zu "Bad boys and painkillers" zu vermachen - einem Mundharmonika-Midtempo-Meisterstück, das mit den Namen Richey Edwards und Pete Doherty stille Post spielt.

Nach dem verflixten siebten Album "Lifeblood", das man nun nicht unbedingt als Kritikerliebling bezeichnen konnte, hat James Bradfield als erster zu den Wurzeln der Band zurückgefunden. Nicht nur zu den musikalischen: Er hat sich daran erinnert, wie die Manics ganz am Anfang ihrer Karriere immer diese Great-Western-Strecke nach London gefahren sind, auf der er heute selbst oft unterwegs ist. Ihm wurde bewußt, daß damals wie heute erstaunlich viele Songtexte im Zug entstanden. Und er dachte an all das, was der 1993 verstorbene Freund, Verleger und Mentor Philip Hall für die Manic Street Preachers getan hat. James Dean Bradfield schickt die bewegende Hommage "An English gentleman" gen Himmel. Auch der 88-jährige walisische Landschaftsmaler Kyffin Williams bekommt mit "Which way to Kyffin" sein Denkmal.

Sagen wir, wie's ist: Überraschungen gibt es keine. Dafür zehn unverkennbare Bradfields, der sich die eine oder andere popmusikalische Süßspeise ("Sha-la-la", "Uh-la-la-la", Handclaps, türkise Keyboardteppiche, Modeschmuckgitarrensoli) hemmungslos und ohne Blick auf die Kalorientabelle erlaubt. Und das darf der Mann mit 37 ja auch, es wäre schließlich albern, das Fehlen juveniler Rotzigkeit zu beklagen. Wobei: Davon ist hier mehr vorhanden als auf den letzten beiden Manics-Alben. Die Gitarre von "That's no way to tell a lie", die hat schon ordentlich Schaum vor dem Mund. Und James Dean Bradfield was zu sagen - in der großartigen ersten Single geht es um die ignorante Haltung der Religionsorganisationen in Afrika gegenüber AIDS.

Es war ja klar: Ohne ein paar Gedanken zu Politik und Weltgeschehen geht auch solo nichts. Auch das Thema Irak wird selbstverständlich kommentiert - mit einer ruhigen Akustikgitarren-Version von Jacques Brels "To see a friend in tears". Ein Freund gastiert auch auf dem quicklebendigen "Run Romeo run": Super-Furry-Animals-Drummer Daf Ieuan. "Say hello to the pope" mietet sich mit seiner George-Harrison-Gitarre sofort ins Ohr ein, und "Still a long way togo" ist eine dieser schwelgerischen spätnächtlichen Erkenntnisvertonungen. Auf einem watteweichen Baßbett. Den Baß hat der hauptberufliche Manic-Street-Preachers-Vokalist übrigens auch in Eigenregie eingespielt. Wenn James Dean Bradfield "Nothing changes on the Great Western" singt ("Émigré"), dann möchte man ihm eigentlich auch nicht wiedersprechen. Sondern vielmehr dazu gratulieren, daß bei ihm die Anschlußzüge immer pünktlich kommen. Daß der Service freundlich und die Sitze zwar ein bißchen aufgeschlitzt, aber äußerst gemütlich sind und der Zug stets in mittlerem Tempo voranschreitet. So sieht man wenigstens was von der malerischen Landschaft.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • That's no way to tell a lie
  • An English gentleman
  • Bad boys and painkillers
  • Run Romeo run

Tracklist

  1. That's no way to tell a lie
  2. An English gentleman
  3. Bad boys and painkillers
  4. On Saturday morning we will rule the world
  5. Run Romeo run
  6. Still a long way to go
  7. Émigré
  8. To see a friend in tears
  9. Say hello to the pope
  10. The wrong beginning
  11. Which way to Kyffin

Gesamtspielzeit: 37:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
schweizerländer
2006-10-25 08:43:05 Uhr
http://www.youtube.com/watch?v=QJkAVKOlUYY
schweizerländer
2006-10-25 08:23:28 Uhr
Setlist from Cambridge

Emigré
That’s no way to tell a lie
An English Gentleman
On Saturday Morning we will rule the world
Ocean Spray
Say Hello To The Pope
Run Romeo Run
The Wrong Beginning
Clampdown
Kevin Carter (Acoustic)
This is Yesterday (Acoustic; archives of pain intro)
A Design For Life (Acoustic)
Still a Long Way to Go
From Despair to Where
Which Way to Kyffin
No Surface All Feeling

Gerade mal 65Minuten, aber davon war jede einzelne das Geld wert! Grandioser Abschluss mit "No Surface All Feeling"!

Übrigens bestätigte er nochmals, dass er nächstes Jahr wieder mit den Manic Street Preachers auf Tour sei!
schweizerlander
2006-09-11 19:15:17 Uhr
Ich sehe ihn live, ich sehe ihn live. gibts denn sowas. jetzt warte ich schon seit 5 jahren auf die Manics und immerhin seh ich mal endlich wieder einen kopf davon...
night porter
2006-08-15 11:08:50 Uhr
jetzt habe ich sie auch endlich mal gehört. Ganz nett, aufs erste Hinhören, aber wohl nichts was langfristig in Erinnerung bleiben wird. "An english gentleman" und der Schlußtitel haben mich am ehesten gepackt. Die Eleganz und Himmelsstürmerei der großartigen "Lifeblood" fehlt und mehr Rotzigkeit habe ich leider auch gehört. Klingt mir hin und wieder ein bisschen zu sehr nach Bodenhaftung. Die synthetischen Klänge retten aber einiges, wie so oft.
jo
2006-07-27 23:09:39 Uhr
OK. Also das "Nachvollziehen" der "Kritikpunkte". Dann habe ich dich richtig verstanden ;).
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