Bosse - Guten Morgen Spinner

Bosse- Guten Morgen Spinner

EMI
VÖ: 28.07.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ein schöner Tag

Das Frühstücksei ist geköpft, der Kaffee getrunken, die Zeitung in der Aktentasche verstaut und der Blick starr aus dem Fenster gerichtet. Jeden Morgen das gleiche Szenario. Das gleiche Schweigen am Tisch. Das gleiche Ritual. Tagein, tagaus. Rettung? In weiter Ferne. Na dann: Guten Morgen Spinner. Es geht auch anders. Den Stock aus dem Arsch, den Frack in den Schrank und die unendliche Leichtigkeit des Seins zelebriert. Doppelter Rittberger, Schraube, Katerlandung und Lippenstift am Hemdkragen. So kann der Tag beginnen. Bosse dreht sich. Und die Welt gleich mit.

Wer tief in sich geht und dem Fluß seiner Gehirnströmungen folgt, wird sich vielleicht noch an Axel Bosse erinnern können. Einen Glücksuchenden, einen getriebenen postmodernen Hamburger, der im vergangenen Jahr mit "Kamikazeherz" und geballter "Kraft" durchschnittlichen Deutschrock auf Albumlänge präsentierte. Ein Energiebündel, das uns von seinem Leben berichtete und uns schonungslos die Offenheit seiner Selbstreflexion in die Ohren legte. Und jetzt geht die Fahrt weiter. "Guten Morgen Spinner" lautet die Fortführung einer Fahrt mit bisher ungewissem Ziel. Doch dreht sich die Welt. Und bringt zunehmend Ordnung in ihr System. Die Menschen kennen diese Problematik. Und Bosse seine.

Mit nun fest installierter Band nimmt Bosse Stufe für Stufe der unliebsamen Treppe eines hölzernen Wegs, vorbei an pathetischem Vollpfostenrock, schizophrenem Selbstzerlegen und naivem Garagenrock, um auf der Zielgeraden seine Identität preiszugeben. Frisch und frei, gedankenschwer und sensibel vertont Bosse seine Gedanken zu einem musikalischen Verständnis, das Kompromisse nur bedingt zulassen will. Überraschend zart, fast schüchtern, bricht "Wenn wir schlafen" die ersten Vorurteile entzwei. "Plötzlich" knallt druckvoll in die Gehörgänge, zieht eine kraftvolle Hookline aus dem Hut und läßt die geballte Faust gen Sonne strecken. Das Titelstück sorgt endgültig dafür, daß die Münder ganz weit offen stehen. Einen Einstieg, eine Melodieführung und einen Text, der von Kettcar adaptiert sein könnte.

Wo auf dem Vorgänger eine Kooperation mit der Sängerin von Paula die Kitschleine reißen ließ, suchte man sich diesmal einen Trompeter, der dem wohl besten Bosse-Stück seit immer und für immer seinen Stempel aufdrückt und die herzzerreißende Dramatik von "Frankfurt/Oder" mit seinem Instrument einfängt, als wäre es seine Passion. Dabei ist er doch vielmehr Sprachakrobat und Feuilletonliebling: Sven Regener. Die ruhigen Stücke der Band Bosse stehen ihr so gut zu Gesicht, daß die druckvollen Hymnen wie "Ade Euphorie" an Vernachlässigung leiden müssen. Und neben dem ungestümen "Bei Costas" oder dem uninspirierten "Februarsterne" blitzen diese zarten Perlen noch wertvoller, als sie es vielleicht sind. Bei Bosse spielt dort die Melodie.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Wenn wir schlafen
  • Guten Morgen Spinner
  • Frankfurt/Oder
  • Ade Euphorie

Tracklist

  1. Wenn wir schlafen
  2. Die Irritierten
  3. Plötzlich
  4. Guten Morgen Spinner
  5. Eigentlich, eigentlich
  6. Bei Costas
  7. Irgendwo unterm Staub
  8. Frankfurt/Oder
  9. Ade Euphorie
  10. Dein Takt
  11. Februarsterne
  12. Seemannsblau

Gesamtspielzeit: 38:20 min.

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