Ed Harcourt - The beautiful lie

Ed Harcourt- The beautiful lie

Capitol / EMI
VÖ: 09.06.2006

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Lügenbaron

Der 14. August ist ein spezielles Datum. 1040: Macbeth bringt den schottischen König Duncan I. um die Ecke und hievt sich zur krönenden Vollendung seines Coups selbst auf den karierten Thron. 1502: Christoph Kolumbus setzt bei Kap Honduras erstmals seine mutbesohlten Entdecker-Füße auf amerikanischen Festlandboden. Und am 14. August 1977 hat das Universum einen ganz besonderen Deal für die Menschheit parat: Es verspricht die sofortige Ankunft eines außergewöhnlich begabten neuen Erdenbürgers namens Edward Harcourt, besteht allerdings darauf, im Gegenzug auch ein bißchen Macbeth spielen zu dürfen. Und tatsächlich: King Elvis Presley wird nur achtundvierzig Stunden später sein bedauernswert aufgeblähtes Weißwurstkostüm endgültig abstreifen.

Knapp zwanzig Jahre später hofft der frischgebackene und keinesfalls studienwillige Abiturient Ed Harcourt mitsamt seines Londoner Indiekollektivs Snug auf die Ankunft eines Plattenfirmen-Kolumbus. Jedoch: Die Labels wollen ihr Süppchen lieber mit anderen Bands würzen. Er beschließt daraufhin, eine Ausbildung zum Koch zu absolvieren. Immerhin bieten sorgfältige Fischentgrätung und messerscharfer Zwiebelkubismus genügend Freiraum, um sich nebenbei ausführlich der Kreation musikalischer Gaumenschmeichler zu widmen. Im ländlich-pittoresken Domizil seiner Großmutter nimmt Harcourt mit einem simplen Vierspurgerät eine Handvoll Songs auf, die im Herbst des Jahres 2000 auf dem renommierten und sofort hochgradig begeisterten Londoner Label Heavenly als EP erscheinen ("Maplewood"). Von diesem Moment an ist "Dressing room" kein Euphemismus mehr für "Salatküche": Harcourt hängt die Schürze an den Nagel und tourt unermüdlich. Und sein Debüt "Here be monsters" (2001) wird mit einer wohlverdienten Nominierung für den Mercury Music Prize belohnt.

Nach der Geisterbeschwörung "From every sphere" (2003) und dem 2004er Album "Strangers", einer autobiografischen Dokumentation über schüchtern knospenden Zwischenmenschlichkeitsmagnetismus (man ist mittlerweile verheiratet), nun also der vierte Longplayer - wieder gefühlsecht produziert von Jari Haapalainen (Laakso, Kristofer Åström, Moneybrother). Obwohl es durchaus kein Geheimnis ist, daß Harcourt noch nie auch nur einen halbgaren Song veröffentlicht hat, gelingt es seinem neuesten 14-Gänge-Menü trotzdem, zu überraschen: "The beautiful lie" ist nicht nur seine mit Abstand beste Platte, sondern gehört zu dem Köstlichsten, was das Musikjahr 2006 bislang aufgetischt hat. Das liegt vor allem an Harcourts in jeder Nanosekunde zu wirklich allem bereiten Stimme, die sich vorzüglich mit instrumentaler Brillanz und charmanter musikalischer Unberechenbarkeit paart. Niemand hätte auch nur einen Cent darauf gewettet, daß der werte Herr seinen aktuellen Streich mit einem heißblütigen Flamenco-Beat eröffnet und "I sit outside / Watching fallen stars / Playing d-minor chords / On a Spanish guitar / Aha" leidenschaftelt.

Es hätte auch niemand damit gerechnet, daß Graham Coxon höchstpersönlich für die erste Singleauskopplung "Visit from the dead dog" seine Jazzgitarre aufpoliert und Harcourt mal eben seine smoothesten Vocals ever einsingt. Und dann ertönen - ebenso unerwartet - übermächtige Paukenschläge, ein übernächtigtes Klavier in Trompeteneskorte und ein ernstes Wörtchen: "You only call me when you're drunk." Aber Harcourt ist natürlich ein Guter und bietet seine eigenen, in Burt-Bacharach-Nuancen gestrichenen vier Wände als Ausnüchterungszelle an. Zur Beruhigung wird von einer Nick-Drake-Gitarre "The last cigarette" angezündet, Gattin Gita zeichnet die Reise der Rauchkringel sanft mit ihrer Violine nach. Im Anschluß an das kurze Meditationsintermezzo kultiviert "Shadowboxing" zu wetterfestem Country-Flair und Shaker-Percussion die klassische Rock'n'Roll-Intonation. Und dann schleift der "Late night partner" auf wundersame Weise fabelhaft filigrane Swarovski-Kristallfiguren aus der Klaviatur heraus und drapiert sie liebevoll in eine sinfonische Vitrine.

Mit unwiderstehlich skandierendem Klavier und den im Hintergrund vokalierenden Magic Numbers im Schlepptau poltert "Revolution in the heart" papageienbunt durchs Morgengrauen. Apropos Herz: "Until tomorrow then" ist das hinreißendste Schwarz-Weiß-Film-Liebeslied seit langem: "I may be out of style / But do you know what true love is?" Seine erneut zauberhaft duettierende Ehefrau weiß das ganz bestimmt. "Scatterbraine" stellt mit einem broadwayfanatischen Zirkus-Walzer der Romantik ein Bein, und "Rain on the pretty ones" präsentiert Harcourt in lyrischer Hochform. "The pristine claw" zaubert akustisch und sogar noch eine Oboe hervor, "I am the drug" lädt zum Ego-Rumba und "Braille" zur Hypnose-Sitzung für Fortgeschrittene. Das Finale stärkt schließlich dem Poesiealbum den Rücken und bekennt in bittersüßer Piano-Streicher-Harmonie "Good friends are hard to find." So durchweg fantastische Platten wie "The beautiful lie" auch. War also doch ein ganz guter Universums-Deal an jenem 14. August 1977. The king is dead. Long live Ed Harcourt.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Visit from the dead dog
  • The last cigarette
  • Late night partner
  • Revolution in the heart
  • Until tomorrow then

Tracklist

  1. Whirlwind in d minor
  2. Visit from the dead dog
  3. You only call me when you're drunk
  4. The last cigarette
  5. Shadowboxing
  6. Late night partner
  7. Revolution in the heart
  8. Until tomorrow then
  9. Scatterbraine
  10. Rain on the pretty ones
  11. The pristine claw
  12. I am the drug
  13. Braille
  14. Good friends are hard to find

Gesamtspielzeit: 54:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Gordon Fraser
2009-09-29 19:06:27 Uhr
Jetzt erst entdeckt. Großartige Platte.
PPDJ81
2009-04-30 18:48:44 Uhr
Kann nur beipflichten. Ed spielt live wirklich in einer Liga für sich. Letzte Woche in Tübingen war wieder wirklich wunderbar, er hat volle zwei Stunden gespielt - auch Wünsche und das Konzert war ausverkauft, nach Eds Aussage das erste Mal in Deutschland. Zudem ist er ein absolut netter Kerl und hat tagsüber auch einige äußerst amüsante Stories erzählt, war ein super Tag.
Ina Simone Mautz
2009-04-30 17:29:28 Uhr
"Until tomorrow then" live

"Rain on the pretty ones" live

"The Last Cigarette" live

Ina Simone Mautz
2009-04-30 17:18:09 Uhr
@ rhesus

Natürlich nicht. Ihr sollt da hingehen, weil Ihr Ed Harcourt live auf gar keinen Fall verpassen dürft. Der ist wirklich ganz, ganz toll! Glaubt mir!
rhesus
2009-04-30 16:55:06 Uhr
wir sollen wegen Ina aufs Konzert gehn? also ...
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