Sufjan Stevens - The avalanche

Sufjan Stevens- The avalanche

Asthmatic Kitty / Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 21.07.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sky captain

Die wirklich interessanten Fragen sind natürlich immer die, zu denen es keine Antwort gibt. Wie war das denn nun wirklich mit O.J.? Was sagt der Typ am Ende des "Just"-Videos? Wo ist Behle? Und was ist eigentlich aus dem Anwalt von DC Comics geworden, der letztes Jahr dafür sorgte, daß Superman aus dem Artwork von Sufjan Stevens' "Illinois" verschwinden mußte? Weiß er heute, daß er seinen Klienten vom konsensfähigsten Indiepop-Album aus 2005 runterradieren ließ? Ärgert sich Warner über die verkorkste Möglichkeit zur kostenlosen Werbung, jetzt wo die Abenteuer von Clark Kent und seinem strampelanzugtragenden Alter Ego wieder ins Kino kommen? Und was macht Sufjan da eigentlich schon wieder auf dem "Avalanche"-Cover? Wir wollen mal so sagen: Der Hitler-Gruß wird es wohl nicht sein.

Es geht ihm also ziemlich gut, dem derzeitigen Weltranglisteneinzigen im Streicher-Bläser-Bundesstaaten-Pop. Ja, es geht ihm vielleicht sogar etwas zu gut, wenn man bedenkt, daß er sein vermeintlich auslastendes Amerika-Projekt gerade mal wieder unterbrochen hat, um Kinderbücher zu schreiben. Stand irgendwo. Wir investieren da noch ein bißchen Research-Power und verweisen solange auf "The avalanche", eine Sammlung von "Outtakes and extras from the Illinois album". Eigentlich ist das skandalös, und sicher hätte er sich mal Wyoming, Maine oder Vermont vornehmen können. Aber dann steht dann groß und breit "Shamelessly compiled by Sufjan Stevens" vorne auf dem Album, der Gute lacht einmal schief, und alles ist wieder in Ordnung. Wer könnte diesem Mann jemals etwas Böses wollen?

Und daß worum es hier schon längst gehen sollte, da kann ja eh wieder kein normaler Mensch dran herummäkeln. Es ist nicht so, daß "The avalanche" das Liegengebliebene aus sieben Jahren exzessiver Arbeitswut versammeln würde. Vielmehr sollen all diese Lieder jeweils Gegenstücke zu einem Song aus "Illinois" sein, das Stevens ursprünglich als Doppelalbum angelegt hatte. "Saul Bellow" und seine Flöte vertragen sich ziemlich gut mit "Carl Sandburg". "For Clyde Tombaugh", eines der verspulten Avantgarde-Instrumentals, gehört zu "Concering the UFO sighting near Highland, IL" und das erhaben aufblühende "Pittsfield" mit seiner auseinander gefallenen Neil-Young-Gitarre am Ende erzählt die Geschichte des "Casimir Pulaski day" weiter. Alles neu aufgenommen, arrangiert und gemischt übrigens. Sonst hätte Stevens vielleicht wirklich noch ein schlechtes Gewissen gekriegt.

Wäre natürlich auch wieder Quatsch gewesen, allein schon wegen der drei unglaublichen "Chicago"-Versionen auf "The avalanche" - einem unbefleckten Akustiktake mit zauberhafter zweiter Gesangsstimme, der gar nicht so familienfreundlich trompetenden "Adult contemporary easy listening version" und dem zappeligen "Multiple personality disorder"-Versuch, in dem tatsächlich immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig passieren und die Gitarre sich ganz wunderbar beeilen muß, um überhaupt noch hinterherzukommen. Es ist ja sowieso wieder Musik der Kniffe und Kleinigkeiten, die ihr Glück in der Liebe zum zweiten Nachschlag findet. Auch wenn Stevens seine Bläser hier nicht nur im gehetzten "Dear Mr. Supercomputer ganz schön aus der Puste kommen läßt. So hat man ihn noch nie gehört.

Der Titeltrack klingt hingegen wieder sehr vertraut und hätte mit seiner schüchternen Verschlossenheit auch auf "Seven swans", Stevens' ganz persönliches "Pink moon", gepaßt. "The mistress witch from McClure" wird aus ein paar brüchigen Akkorden gefaltet wie ein Papierflieger, bevor es in einen Refrain segelt, zu dem man gerne mit irgendjemandem näher zusammenrücken würde. Und deshalb, wenn wir schon dabei sind, noch ein Wort in eigener Sache: Sufjan Stevens erinnert mich daran, warum ich manchmal nicht bloß ein kleiner Schlauberger sein will, der anderen Leuten seine Meinung über Dinge aufschwätzt, zu denen es keine eine Meinung geben sollte. Er erinnert mich daran, wie das nochmal war: früher, als hoffnungsloser Musikfan, der seinen Helden am liebsten peinliche, ehrliche Bewunderungsbriefe geschrieben hätte. "Dear Mr. Supersongwriter ..."

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • The avalanche
  • Dear Mr. Supercomputer
  • The mistress witch from McClure (Or, the mind that knows itself)
  • Chicago (Multiple personality disorder version)

Tracklist

  1. The Avalanche
  2. Dear Mr. Supercomputer
  3. Adlai Stevenson
  4. The Vivian girls are visited in the night by Saint Dargarius and his squadron of benevolent butterflies
  5. Chicago (Acoustic version)
  6. The Henney Buggy Band
  7. Saul Bellow
  8. Carlyle Lake
  9. Springfield, or, Bobby got a shadfly caught in his hair
  10. The mistress witch from McClure (Or, the mind that knows itself)
  11. Kaskaskia River
  12. Chicago (Adult contemporary easy listening version)
  13. Inaugural pop music for Jane Margaret Byrne
  14. No man's land
  15. The Palm Sunday tornado hits Crystal Lake
  16. The pick-up
  17. The perpetual self, or "What would Saul Alinsky do?"
  18. For Clyde Tombaugh
  19. Chicago (Multiple personality disorder version)
  20. Pittsfield
  21. The undivided self (For Eppie and Popo)

Gesamtspielzeit: 75:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
acid
2007-02-25 21:35:59 Uhr
deswegen steht ja auch extras und outtakes drauf...
Demon Cleaner
2007-02-25 20:34:43 Uhr
Auf lange Sicht hat das Album als Ganzes irgendwie gar nicht gezündet. Ich meine z.B. der letzte Track: Was ist denn das? Das hört sich einfach nicht gut an. Die Noise-Passagen passen nicht. Dazwischen halt wiederum sehr gute Songs, die aber von einigen (überraschend zahlreichen) Schwachstellen flankiert werden.
Souljacker
2006-08-01 02:56:55 Uhr
schade, dass er auf seiner tour nicht auch in der schweiz halt macht.:-(
Armin
2006-07-20 14:28:46 Uhr
Gerade ist das neue SUFJAN STEVENS Album "The Avalanche" (VÖ: 21. Juli) in
den USA auf Platz 71 in die Charts eingestiegen, da werden schon die Europa
Termine seiner kommenden Tour bestätigt. Die Tour fällt recht kurz aus, und
so gibt es immerhin ein Konzert in Deutschland. Wer eins der Konzerte im
letzten Jahr gesehen hat, weiß allerdings, dass man dieses Ereignis nicht
verpassen sollte! Das neue Album bietet 21 erstaunliche 'Outtakes' aus den
"Come On Feel the Illinoise" Sessions, die auch hierzulande schon erstes
begeistertes Feedback bekommen: 'Allein der Titelsong "The Avalanche" wäre
auch auf "Come On Feel The Illinoise" ein Höhepunkt gewesen. Diese
vollkommen arglose, frei schwebende Stimme, die Flöten, die Holzbläser und
die Feierlichkeit von "Chicago", das auf "The Avalanche" gleich in drei
alternativen Versionen aufbereitet wird: Wir scheinen immer noch nicht zu
wissen, was wir an Sufjan Stevens haben.' (spiegel.de). 'Was anderswo vom
ungenutzten, weil zu schlechten Studiomaterial zum konsequent
uninteressanten Müllrelease zweitverwertet wird - beim von Gott und der Muse
gesegneten Sufjan Stevens lecken sich derzeit doch alle die Finger danach!'
(intro)
Sufjan Stevens live in Deutschland:
10. 11. Köln - Gloria
(x-why-z Konzertagentur)
Pyrus
2006-07-16 00:35:48 Uhr
Interessant... Mistress Wich als Highlight. So habe ich das bisher auch noch nicht gesehen. :D
Schöne Rezi auf jeden Fall!

Meiner Meinung nach ist Springfield riesengross.

Und bei den Chicagoversionen kann ich mich nie recht zwischen acoustic und disorder entscheiden.

Naja, ich bin mal wieder begeistert, auch wenn (noch?) nicht alle Songs gezündet haben.
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