Johnny Cash - American V: A hundred highways

Johnny Cash- American V: A hundred highways

American / Lost Highway / Mercury / Universal
VÖ: 30.06.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Railway to heaven

Was ist Zeit? Was ist das Leben? Was ist Musik? Als Johnny Cash noch lebte, stellte er sich und seinen Zuhörern immer wieder solche Fragen. Auch nachdem er ging, finden sich die Antworten in seiner Musik. In den Melodien und den Texten. Und in dieser Stimme wie die Borke eines jahrhundertealten Baumes. Cashs Stimme ist stets dermaßen präsent, daß man seine Anwesenheit nicht nur zu spüren glaubt: "You know that ghost is me." Er ist da. Jeden Augenblick. Rick Rubin und die anderen, die die noch fehlende Musik für "American V: A hundred highways" einspielten, würden dafür ihre Hand ins Feuer legen.

Denn Cash wollte immer dabeisein, immer weitermachen - egal, wie schlecht es ihm nicht erst seit dem Tod seiner Frau June im Mai 2003 ging. So kitschig es klingt: Musik war das einzige, was ihn noch am Leben hielt. Immer wenn er fit genug war, seinen wettergegerbten Stimmbändern noch ein paar knorrige Melodien zu entlocken, lief das Aufnahmegerät. Und dokumentierte so noch einmal Cashs Bariton - zwischen atemloser Zärtlichkeit und überwältigender Tiefe, zwischen Brüchigkeit und unbändigem Lebenswillen. Bis zum 12. September 2003.

"American V: A hundred highways" ist Cashs erste Veröffentlichung, bei der er nicht bis zum Ende selbst mitwirken konnte. Daher ist die postume Weiterführung der "American"-Reihe für Rick Rubin so viel mehr als nur ein Freundschaftsdienst. Es sollte ein Statement werden, ein würdiges Abschiedsgeschenk. Und so spielte die Band um Cashs Gesang herum mit Vorsicht, Zurückhaltung und Hingabe, um der großen Aufgabe gerecht zu werden. Alte Kämpen wie Mike Campbell, Benmont Tench oder Randy Scruggs und vergleichsweise junge Hüpfer wie Smokey Hornell und Matt Sweeney lassen viel Platz, tupfen ein paar vorwiegend harmonieselige Noten hinzu und beugen sich meist der Gegenwart von Cashs Stimme. Und diese thront oft mitten im Wohlklang wie in einer Kathedrale.

Gleich vom Einstieg an nimmt "American V: A hundred highways" ebenso gefangen wie seine vier Vorgänger (und vermutlich wie der schon für nächstes Jahr angekündigte endgültige Abschluß "American VI"). "Help me" fleht zu sanften Gitarren und dunklen Streichern um noch ein paar Meter Weg. "I never thought that I needed help before." Das finstere Traditional "God's gonna cut you down" klatscht den Blues der Todgeweihten, Springsteens "Further up on the road" treibt sich mit letzter Kraft noch einmal voran. Cashs letzte eigene Großtat "Like the 309" bringt das Durchhalten endgültig auf den Punkt: "It should be a while before I see Doctor Death / So it would sure be nice if I could get my breath / Well, I'm not the cryin' nor the whinin' kind / 'Til I hear the whistle of the 309." Der Zug, der einst am Folson Prison vorbeischnaubte, nimmt ihn nun mit auf seine letzte Reise.

Es sind Lieder der Vergänglichkeit und des Überlebens. Rückblicke auf die eigene Existenz und Aussichten auf den Tod. Cash verabschiedet sich in "Rose of my heart" von seiner Frau, macht sich augenzwinkernd Don Gibsons "A legend in my time" zu eigen und erlebt nicht nur in "Four strong winds" das Unausweichliche als Befreiung: "But our good times are all gone / And I'm bound for moving on / I'll look for you if I'm ever back this way." Selbst wenn vielleicht mancher Moment von Gordon Lightfoots Edelschnulze "If you could read my mind" oder der Neuaufnahme von "I'm free from the chain gang now" ein wenig zu salbungsvoll geraten sein mag, hält man doch mit Cash den Atem an. Um jeden Moment so intensiv erleben zu dürfen, wie es nur möglich ist, wenn man diesem Mann zuhören darf. Und wer sollte über den schmerzlichen Verlust hinweghelfen, wenn nicht Cash selbst? "One sunny mornin' we'll rise I know / And I'll meet you further on up the road." Ein tröstlicher Gedanke.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Help me
  • God's gonna cut you down
  • Like the 309
  • Further on up the road

Tracklist

  1. Help me
  2. God's gonna cut you down
  3. Like the 309
  4. If you could read my mind
  5. Further up on the road
  6. On the evening train
  7. I came to believe
  8. Love's been good to me
  9. A legend in my time
  10. Rose of my heart
  11. Four strong winds
  12. I'm free from the chain gang now

Gesamtspielzeit: 42:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Marianne
2010-02-04 21:47:23 Uhr
In der 5. Folge der "American Recordings" nehmen wir Teil am Sinn-Tourismus der amerikanischen Spießbürgersozietäten. Rick Rubin sorgt dafür, dass der Grundton der Aufnahme der "Psalmenton" ist, doch läßt er auch eine gewisse Bob-Dylan-Lakonik zu. Unverblümt rühmt und liebt er den Ernst, das Edle, das Heilige, das Unzeitgemäße, das im anbrechenden Äon des Wassermanns vielleicht wieder zeitgemäß wird.

Bis dahin: 5/10
Hans
2010-02-04 21:20:26 Uhr
Kurze Einschätzung:

"God´s Gonna Cut You Down" (10/10) mit seinem Klopf-Klatsch-Rhythmus und der Maultrommel im Hintergrund ist ein großartiger, sehr beeindruckender Song, der auf der einen Seite eine fast schamanische Atmosphäre erzeugt und auf der anderen Seite auch etwas von Lennons "Give Peace A Chance" hat.

Sehr gut gefiel mir auch die eine der beiden Eigenkompositionen ("Like the 309") sowie das Intro ("Help Me").


Mit dem Rest kann ich wenig bis gar nix anfangen. Es ist mir - im Vergleich zu den anderen American Recordings - musikalisch schlicht zu konventionell und in der Instrumentierung zu gefällig.

Auch scheint mir nach mehrmaligen Hören in einigen Passagen die Trennlinie zwischen emotionaler Tiefe und sentimentalen Kitsch doch überschritten worden zu sein. Was möglicherweise an der nachträglichen Produktion und der allzu gefälligen Instrumentierung liegen könnte.


Insgesamt: knappe 5/10
embele
2008-10-28 11:00:02 Uhr
Ich habe mich jetzt mal so langsam rangetastet an den "Johnny Cash Kosmos". Begonnen habe ich mit America V und ich muß sagen, sehr genial. Man hört der Platte gut an, in welcher Phase Johnny Cash sie aufgenommen hat, bzw. die Lieder gesungen hat, aufgenommen wurde sie ja erst später richtig.
embele
2008-10-28 10:58:59 Uhr
Ich habe mich jetzt mal so langsam rangetastet an den "Johnny Cash Kosmos". Begonnen habe ich mit America V und ich muß sagen, sehr genial. Man hört der Platte gut an, in welcher Phase Johnny Cash sie aufgenommen hat, bzw. die Lieder gesungen hat, aufgenommen wurde sie ja erst später richtig.
alkoholisierterOASISfan
2008-08-29 14:17:41 Uhr
Ok, vielen dank euch beiden. :)
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