Mariannenplatz - Besser als

Mariannenplatz- Besser als

Four / Sony BMG
VÖ: 07.07.2006

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Sony Center

Es gibt da einen Platz in Berlin, der heißt Mariannenplatz. Dieses Fleckchen Erde erfuhr in der deutschen Geschichte deshalb einige Prominenz, weil es immer dann, wenn der Mob gerade tobte, Zentrum des Aufruhrs war. Benannt wurde der Platz nach der niederländischen Prinzessin Marianne, Gattin des Fürsten Albrecht von Preußen, die mit ihren Moralvorstellungen ordentlich auf den Putz der preußischen Pedanterie klopfte. Rio Reiser, Frontmann von Ton Steine Scherben, wohnte ein paar Mieten lang hier. Am Mariannenplatz steht obendrein das Rauch-Haus, dem Ton Steine Scherben einen ganzen Song widmeten und das eine Zeit lang als 1a-Wohnlage für Hausbesetzer der Nation galt. In der jüngeren Vergangenheit wiederum machte der Mariannenplatz von sich reden, weil sich alljährlich am 1. Mai hier Polizisten und Autonome stritten.

So viel Geschichtsstunde muß sein, wenn eine Band besprochen wird, die den Namen eben jenes Mariannenplatzes trägt. Wer also vom zweiten Album "Besser als" erwartet, daß dieses aufgrund solcher Vorzeichen ein wenig Dissidenz an den Tag legt, der wird gänzlich enttäuscht. Zwar bekundet Sänger Pete Schultz (klingt ein wenig nach Purple Schulz, und so fern liegt dies auch musikalisch nicht), daß er zu DDR-Zeiten ein ziemlicher Revoluzzer gewesen sei. Und daß er nach dem Einsturz der Mauer, an der der Mariannenplatz übrigens lag, weiter gegen neue Normen zu kämpfen versuchte. Das wiederum ist der Musik seiner Band kaum anzumerken. Dieses Dutzend weichgespülter Songteppiche ist anschließend derart glatt gebügelt worden, so langweilig und mittendrin im Mainstream, daß wir Mariannenplatz nahe legen möchten, sich auf der Stelle in "Sony Center" umzubenennen. Das würde obendrein zur Labelfamilie passen, bei der die Formation mittlerweile gelandet ist.

Es geht bei vielen Titeln dieses Albums um Zweisamkeit und Trennung, um Selbstfindung und Selbstvergessen. Ein Thema, dem sich in der Vergangenheit einige deutschsprachige Bands durchaus mit der nötigen Feinfühligkeit genähert haben. Mariannenplatz-Frontmann Pete aber schaltet bei diesen Liedern sein Stimmchen derart auf den Modus "Schnulze", daß es schon beim ersten Hören graust. Wer die Romantik der Vergänglichkeit damit identifiziert, daß die DVD-Sammlung der Ex unauffindbar wird ("Endstation Freundschaft") oder hoffnungslos in der Schlagermetaphorik wildert ("Ich bin König ohne Reich und du bist meine Königin"), der darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann im ZDF-Fernsehgarten auf sechseckige Schlagzeuge haut, die sonst nur von den Flippers bedient werden. Mariannenplatz wollen offenbar vieles sein, was die bundesrepublikanische Rockgeschichte wild und unvernünftig machte. Und am Ende sind sie doch nur ein laues Lüftchen im Wasserglas.

Man kann den Burschen nicht vorwerfen, daß ihre Melodien nicht catchy wären. Mariannenplatz wildern im reichhaltigen Fundus der Popballade ("Jeder kriegt was er verdient"), sie orchestrieren und philosophieren ("Parallele Welten"). Sie basteln sich ihre Hits. Und irgendwie gelingt dieses Vorhaben gar manchmal. Wahrscheinlich werden sie Gönner ihrer Töne finden, die ihnen einige Exemplare des Albums "Besser als" abkaufen. Dafür wird die Radio-Promotion sorgen, derer sich Mariannenplatz aufgrund eines neuen Labeldeals sicher sein können. Letztlich aber ist die wahrste aller Zeilen die des Titeltracks "Besser als". Da nämlich wird gesungen: "Ich will etwas, das besser ist als das hier". Und dies lassen wir an dieser Stelle dann einfach mal so stehen.

(Sebastian Peters)

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Highlights

  • Besser als

Tracklist

  1. Besser als
  2. Ein kleines Stück
  3. Komm
  4. Das Lachen
  5. Endstation Freundschaft
  6. Grenzgänger
  7. Irgendwohin
  8. Parallele Welten
  9. Jeder kriegt was er verdient
  10. Stevens Green
  11. Am Strand
  12. Möglicherweise

Gesamtspielzeit: 45:07 min.

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