Joan As Police Woman - Real life

Joan As Police Woman- Real life

PIAS / Rough Trade
VÖ: 30.06.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Grünes Licht

"Twenty-nine pearls in your kiss / A singing smile / Coffee smell and lilac skin / Your flame in me." Niemand hat für das Faszinosum Joan Wasser auch nur annähernd so herzverlesene Worte gefunden, wie einst Jeff Buckley in seiner Verzückungseruption "Everybody here wants you". Und tatsächlich: Die Violinen-Virtuosin ist seit Jahren äußerst gefragt - als Stammspielerin bei Antony & The Johnsons und in Rufus Wainwrights Band; als Studiomusikerin und Streicher-Arrangeurin für Nick Cave, Lou Reed, Dave Gahan, Adam Green und die Scissor Sisters. Und das ist natürlich nur die Spitze des Kollaborationsberges. "Freiheit, Vielfalt, Spontaneität, Schönheit" - die vier würdevollen Gesandten aus Madame Wassers Assoziationskabinett hofieren nicht nur die Liebenswürdigkeiten ihrer Wahlheimat New York, sondern stecken gleichzeitig auch das selbst auferlegte Reinheitsgebot ihres musikalischen Schaffens ab: Beauty is the new punk rock.

Eigentlich ja komplett logisch, daß Mädchen aus Connecticut, die mit misspiggypink gefärbtem Irokesenschnitt im Jugendsinfonieorchester begeistert Schostakowitsch fiedeln und im örtlichen Livemusik-Club Sonic Youth verfallen, auch die toughe Protagonistin der amerikanischen 70er-Jahre-Serie "Police Woman" glühend verehren und ihr später huldigend nacheifern wollen. Joan Wasser hat allerdings eine ganz spezielle Fesselungs- und Entwaffnungsmethode entwickelt: eine Stimme wie ein Sprühverband für die Seele, irgendwo zwischen Nina Simone, Dusty Springfield und Chrissie Hynde, aber nie wirklich greifbar oder gar eindeutig kategorisierbar. Dafür klingt sie einfach zu pastellfarben soulig, zu geheimnisumwoben verrucht, zu ätherisch geölt, zu sympathisch nonchalant und dann auch wieder zu verletzlich fragil. Manchmal ist sie die geschliffene Schlittschuhkufe und manchmal das dünne Eis. Aber immer tragend.

Um so erstaunlicher, daß die Multi-Instrumentalistin - neben allerlei Streich- und Tasteninstrumenten spielt sie auf ihrem Debütalbum auch Gitarre - das Potential ihrer Stimme erst relativ spät entdeckt hat. Als sie während ihres Studiums der klassischen Violine in Boston von den Artrock-Darlings The Dambuilders angeheuert wurde, war Singen noch etwas, was man bewundernd den anderen überließ. Schließlich war sie ja auch damit beschäftigt, ihre glitterbesetzte Geige hübsch durch den Verzerrer zu jagen. Erst nach der Auflösung der Dambuilders 1997 ging Joan Wasser das Wagnis Frontfrau ein: mit Black Beetle, einem Trio, das sie mit Jeff Buckleys letzten musikalischen Weggefährten Parker Kindred und Michael Tighe gründete. Ein Dreiergespann ist nun auch Joan As Police Woman - mit Rainy Orteca als Bassistin und Drummer Ben Perowsky, der in der New Yorker Jazz- und Avantgarde-Szene schon lange kein Unbekannter mehr ist.

Und jetzt die Karten auf den Tisch. Gnadenlos ehrlich sein. Mit sich selbst. Der eigenen Courage eben nicht, wie so oft, sorgfältig die Sprintschühchen schnüren, sondern Angst mikroskopisch sezieren und enttarnen. Ungeschminkten Emotionen die Green Card schenken und alle Zweifel erst demaskieren und dann ausweisen. Für immer. "I've never included a name in a song / But I'm changing my ways for you, Jonathan / I need you to know that I'm real life", verkündet Joan im Titeltrack und Opener, während eine schlichte Pianobegleitung die Steinway-Tasten vor sich herschiebt, wie ein müder Schäferhund seine Herde bei fiebrigen Sommertemperaturen. Und dann kommt ein großer, schattenspendender Baum: der Stamm ein Cello, und in der Krone in voller Blüte stehende Harmonien, die sich wie filigrane Mistelzweige an die melodischen Verästelungen schmiegen. Joan Wasser erläuterte einmal, sie schreibe vermutlich klassische Stücke im populärmusikalischen Pelz - und trotzdem klingt das alles so leicht, unangestrengt und zugänglich.

"Punk Rock R&B" oder auch "American Soul" nennt die 35jährige ihre Musik - ihr Faible für soulinfizierte Bläserarrangements, relaxte Harmoniegesänge und pulsierende Rhythmen, die hört man sofort. Aber auch ihre Seelenverwandtschaft zur Punk-Attitüde - vor allem bei der ungestümen Gitarrennummer "Christobel". Für die gleißend hell lodernde "Eternal flame" wird ein euphorisch geknüpfter Gospelteppich ausgelegt und direkt im Anschluß erinnert: "Feed the light", traumwandlerisch mit Joseph Arthur als Gastsänger und -Instrumentalist eingespielt. "The ride" ist ein famoses Wurlitzerpop-Filetstückchen und "I defy" das groovende Resultat einer spontanen Duett-Session in Antonys Apartment. Mit eleganten Samtpfötchen schleicht sich "Flushed chest" in Richtung Ska, eines von vielen bezirzenden Violinensoli dicht an den Fersen. "Save me" entfernt dem ersten Buchstaben von Punk fachfraulich die Rundung, "Anyone" lädt zur liebeserklärenden Spätvorstellung an die Blues-Bar, und die gitarreske Intarsienarbeit "We don't own it" ehrt schließlich auf hinreißend rührende Art und Weise Elliott Smith: "He made you feel safe enough to feel at all." Genau das ist es. Das, was auch Joan Wasser so besonders macht. Sicher ist sicher. Und Fühlen unbezahlbar.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • life
  • Eternal flame
  • The ride
  • I defy
  • We don't own it

Tracklist

  1. Real life
  2. Eternal flame
  3. Feed the light
  4. The ride
  5. I defy
  6. Flushed chest
  7. Christobel
  8. Save me
  9. Anyone
  10. We don't own it

Gesamtspielzeit: 38:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Armin
2007-02-14 18:04:37 Uhr
Joan As Police Woman

09.04. Berlin – Volksbühne

10.04. Frankfurt – Mousonturm

Booking: Powerline


Daniel
2006-12-08 10:25:52 Uhr
...wie ein Sprühverband für die Seele...
wie treffend!

Eine wirklich schöne Platte, mit Melodien, die wie Honig auf die Seele tropfen (auch nicht schlecht...)
Ina Simone Mautz
2006-11-24 18:48:57 Uhr
Wer die Möglichkeit hat, dem Konzert morgen in München (Atomic) bzw. übermorgen in Wien (Flex) beizuwohnen, dem kann ich das nur allerallerwärmstens empfehlen! Habe Joan As Police Woman gestern in Frankfurt live gesehen und es war ganz, ganz wunderbar. Schöne Setlist (ALLE Songs vom Album, dazu ein paar ältere und auch schon ein paar ganz neue, sowie das von jin erwähnte Bowie-Cover), sympathische Band und eine sehr kommunikative Joan, die sich u.a. über die türkisen Selters-Wasserflaschen kaputtlachte ("Usually I can see through the bottle...turquoise water? Wow, I thought I was trippin'!").
Habe vor der Show ein Interview mit Joan gemacht - falls das jemanden interessieren sollte: klick!
jin
2006-11-21 11:48:54 Uhr
gestern war sie im lido.
wunderbare frau, tolle ausstrahlung und sehr unterhaltsam war sie auch.
besetzung: sie, schlagzeug und bass
aber gut ein drittel des sets hat sie alleine gespielt
als zugabe gabs einen bowie song "sweet thing"
schoen......
Ina Simone Mautz
2006-11-16 18:25:56 Uhr
Ja, bitte mehr erzählen! Am besten alles :-)
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