Anywhen - The opiates

Anywhen- The opiates

Clearspot / EFA
VÖ: 09.02.2001

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Feuer der Dämmerung

Wenn Künstler die Kontrolle über sich selbst verlieren und der Verstand für kurze Zeit geregelte Bahnen verläßt, geschehen die unterschiedlichsten, oft nur schwerlich erklärbaren Dinge. Entweder sie jagen sich eine Kugel in den Kopf, schneiden sich ein Ohr ab, oder aber sie vollbringen ein Werk, das unter anderen Umständen niemals möglich gewesen wäre: ein Kunstwerk wider Willen, dem bis ins Detail die Bedingungen anzumerken sind, unter denen es geschaffen wurde und das den Betrachter ratlos mit offenem Mund zurückläßt. Bei Thomas Feiner blieb trotz der seelischen Schwierigkeiten die große Katastrophe glücklicherweise aus. Vor vier Jahren noch veröffentlichte der Schwede mit seiner Band Anywhen ein selbstbetiteltes Debütalbum voller leichtfüßigem Indie-Pop, das an der Musikwelt allerdings nicht ganz zu Unrecht größtenteils vorbei ging.

In der Zwischenzeit ist einiges geschehen: Während der Aufnahmen zu einem zweiten Album distanzierte sich Thomas Feiner psychisch zunächst von seiner Band und schließlich mehr und mehr von der Menschheit als solches. Nahezu vollkommen eingekapselt und isoliert von der Außenwelt arbeitete er in seinem Haus an einer Reihe morbider Liebeslieder, die auf diese Weise nicht geplant gewesen sein können. Die größte Überwindung kostete es Thomas Feiner schließlich, seine Isolation aufzugeben und nach Polen zu reisen, um dort mit Hilfe der Streicher des Warschauer Symphonieorchesters die neun Kompositionen zu vollenden. Feiners Soziophobie erfuhr dank eines Albums die Läuterung, und den Weg seiner eigenen Katharsis zeichnet eine Droge namens "The opiates" nach, die sich unmöglich beschreiben, sondern höchstens erfühlen und erfahren läßt.

Die Nacht senkt sich behutsam über die Dächer der Stadt, und meilenweit entfernt beginnt der Ozean, im gedämpften Mondlicht zu schimmern und zu glühen. Irgendwo dazwischen heult lautlos eine Sirene auf, umhüllt und behütet von einer zarten Stimme, die nicht weiß, wie ihr geschieht. "What if love is the greatest damn liar at all? Would you trust me with your life?" Der Wille verläßt die Welt, und legt sein Vertrauen in die Führung der nicht zu steuernden Gedanken. "I want to drown in her precious arms / I want to listen to the siren songs". Jegliches Wehren ist zwecklos, das Wesen zerfließt und versinkt, doch die Liebe setzt das Atmen fort. Die Fragen bohren weiter, aber die Kraft reicht nur noch, um sie vor Augen zu führen, anstatt nach Antworten zu suchen. "My favourite game, my wrecking ball is you / So why stay clear?"

Ist man umhüllt von Zweifel und Mut beim Wesentlichen angekommen - in den Armen der Dämmerung - gibt es kein Zurück mehr. "Here come greetings from the fires of dusk / From all the places you never dared to walk". An der Schwelle zwischen Dasein und Nichts lodert ein Feuer, und die Flammen umzüngeln den Körper ein Leben lang. Der Weg ist gesäumt mit Stacheln, und doch geht man ihm unaufhaltsam entlang. "Was born a walker / Into this world I walk". Der Ausweg entpuppt sich als Finte, und als einzige Möglichkeit bleibt, sich dem Gang der Dinge bewußt zu werden. "Run now, my friend if you think you are free / Duck my friend and cover if you think you are safe". In der Hitze des Augenblicks fügt man sich dem Schicksal, und beginnt, untergetaucht und geborgen die Lösung bei und in sich selbst zu suchen. "Just a few words about my state / In the sleepwalk of life". Der Schlafwandel hilft dabei, die Schmerzen zu ertragen und die Hindernisse zu überwinden, bis schließlich die lädierte Seele selbst zum Werkzeug für die Zukunft wird. "Take your battered soul and wear it as a crown / All that numbs you". Endlich löst sich die Starre vom Körper. Das Gefühl ist zurück. Danach ist nichts mehr, wie es einmal war.

(Armin Linder)

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Highlights

  • The siren songs
  • Postcard
  • All that numbs you

Tracklist

  1. The siren songs
  2. Dinah and the beautiful blue
  3. Scars and glasses
  4. Where's the high?
  5. Postcard
  6. Mesmerene
  7. Toy
  8. Betty Caine
  9. All that numbs you

Gesamtspielzeit: 42:33 min.

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Armin

Postings: 9540

Registriert seit 08.01.2012

2016-04-27 18:23:02 Uhr
Wie gesagt: Schau nach unten, da gibt's die für 10-15 Euro. Ist also keine Rarität.

The MACHINA of God

Postings: 8265

Registriert seit 07.06.2013

2016-04-27 17:17:27 Uhr
Ja, ich find das Original auch gut genug. Hab es Gott sei Dank damals schon als CD gekauft.

Armin

Postings: 9540

Registriert seit 08.01.2012

2016-04-27 17:06:36 Uhr
Die Revised meinst Du? Die kenne ich lediglich von YouTube. Ich brauch generell keine Neuauflage eines perfekten Albums.

Und auf Vinyl gibt es eh keine von allen ...

Cosmig Egg

Postings: 732

Registriert seit 13.06.2013

2016-04-27 16:30:04 Uhr
ist die thomas feiner- aufnahme nicht eh die bessere?

Armin

Postings: 9540

Registriert seit 08.01.2012

2016-04-27 10:42:19 Uhr
Bei Amazon-Drittanbietern gibt's die doch für gut zehn Euro auf CD, bei eBay für 15, siehe unten.
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