Envelopes - Demon

Envelopes- Demon

Brille / Labels / EMI
VÖ: 16.06.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ferienhaus

Der Sommer hält Einzug. Vögel zwitschern, kommunizieren über weite Strecken, wir lauschen. Der Himmel zeigt sich in seiner schönsten Couleur. Eine angenehme Müdigkeit legt sich nieder auf unser Haupt, verlangsamt die Abläufe. Nicht einmal ein alkoholisches Getränk vermag eine ähnliche Wirkung zu erzielen wie dieses Jahreszeitenpharmakon. Gräser sprießen, und ein großer Schwarm grillwütiger Städter zeigt dem jungen, grünen Gewächs, wer hier das Sagen hat. Fenster öffnen sich. Vorhänge schließen. Ventilatoren rotieren. Sonnenuntergänge verführen. Auch natürlich die Musik. Selbst der dominierende Plattenboß in seinem kühlen Ledersessel hat längst erkannt, daß der Sommer verkaufsträchtig genutzt werden kann. Dank der Initiative deutscher Privatsender wissen wir auch jede Woche von Neuem, wer denn damals im Jahre XY den Sommer bestimmte und zum Tanzen brachte.

Fernab der saisonalen Absatzförderung: die Envelopes. Vier Schweden: Henrik, Martin, Filip, Fredrik. Eine Französin: Audrey Pic. "Demon" ist ihr erster, schwedisch betitelter Longplayer, und der Name bedeutet zu deutsch nichts anderes als "Demos". Eine perfekte Umschreibung des ersten Outputs der jungen Band. Aufgenommen im Ferienhaus von Henriks Mutter, entstand "Demon" in allerkürzester Zeit und wurde nur sporadisch nachbearbeitet. Ein Debüt in aller Reinheit, mit Mut zur Authentizität.

Die ersten Töne entlocken schnell die ersten Vergleiche: Pixies, Starlight Mints, Beat Happening, Stereo Total und andere Gesellen und Kapellen, die sich mitunter der Offenbarung des Unfertigen zwischen Harmonie und Disharmonie verschrieben haben. Ja! Verzerrung! Ja! Melodie! Ja! Gute Laune! Ist das aber schon ausreichend? Wo ist das tiefgründige Etwas? Wo ist der eigene Stil? Eine weitere Frage: Soll das überhaupt ausreichen? Die Envelopes erarbeiten mit "Demon" kein Konzept, sie verfolgen kein bestimmtes Ziel. Nein, ihr Erstling ist eine unprätentiöse Dokumentation. Dokumentiert wird nichts anderes als die Aufnahmesession, ein Abend in einem Ferienhaus, nicht mehr, nicht weniger. Spaß!

Textlich bewegen sich die Envelopes auf dem Niveau der schlichten Schönheit. Ein Wettstreit im einfachen Assoziieren und Wiederholen. Die Suche nach der mit spinnenwebenverhangenen Subtilität sollte der geneigte Hörer schnellstens einstellen. Auch dann, wenn Audrey Pic, versehen mit stark heimatlichem Akzent, in dem schrulligen "Audrey in the country" kulturell bedeutende Persönlichkeiten in Gesellschaft hat: "I was in the country with Clint Eastwood and Steve McQueen." Das franko-schwedische Quintett feiert sich selbst, seinen Epigonenstatus und seine Songs für einen begrenzten Zeitraum. "It is the law" oder "Sister in love" sind für den Sommer freigegeben. Hits! "Your fight is over" und "I don't even know" generieren in ihrer bittersüßen Akustik den Charakter des im Park liegenden Jünglings, der sich in der lähmenden Hitze seinen Tagträumen hingibt und sich den bedeutungslosen Botschaften der Envelopes bedeutungsschwer annimmt. Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es einen sehnsüchtigen, wehmütigen, countryfizierten, mit Steel Guitar unterlegten Abschluß mit "Massmouvment" und "Sotnos". Die Envelopes reiten auf der Welle des Sommers.

Verlassen wir das Ferienhaus inmitten Schwedens, in dessen Inneren eine Combo ihren musikalischen Helden ein Medley in Albumlänge spielte. Wir durften Zeuge sein. Der Sommer zieht von dannen. Ein Tief senkt sich über den Park. Der junge Wärmeenthusiast beschließt, dem Gras Luft zu schenken. Ihn fröstelt. In den Ohren: die Envelopes. Er geht den Heimweg. Der vertonten herbstlichen Melancholie bietet er den Platz in seinen Hörbahnen an. Die Envelopes verschwinden im Schrank. "Demon" ist und bleibt eine Momentaufnahme. Präzise, verspielt. Ein saisonales Kleinod mit Halbwertzeit. Feiern wir sie im Jetzt.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • It is the law
  • Your fight is over
  • Isabelle and Leonard

Tracklist

  1. It is the law
  2. Glue
  3. Sister in love
  4. Your fight is over
  5. I don't even know
  6. Isabelle and Leonard
  7. Audrey in the country
  8. My fren
  9. I don't like it
  10. Massmouvement
  11. Sotnos

Gesamtspielzeit: 33:42 min.

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User Beitrag
sadasdasdasdasd
2007-10-29 22:27:32 Uhr
Hält länger, als einem die Rezension glauben machen will. Ist echt ein richtig gutes Album. Wer auf Schlagzeug- und Bass-Pop steht sollte mal reinhören.
sqrt(-1)
2007-09-04 23:41:30 Uhr
Schönes Schrimmel-Schrammel-Album. Und eine gute Rezi.
Auf http://www.envelopes.se/mp3/ kann man sich übrigens eine Art Mixtape mit ihren Songs runterladen.
Armin
2006-07-13 19:15:15 Uhr
Die Envelopes verschicken Demos
The times, they are a-changing: Während man Demoaufnahmen früher auf AGFA Kassetten bannte und mit Schere und Kleber ein Cover bastelte, bringt man sie heute über renommierte Plattenfirmen auf Compact Disc mit Booklet raus. So geschehen im Falle Envelopes, deren Album "Demon" (schwedisch für Demo) selbst in Rohform so brilliant (Stilmittel bemerkt?) klingt, dass die lieben Kollegen von BRILLE Records und wir gleich zugeschlagen haben. Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn die Envelopes mal eine "richtige" Platte aufnehmen. Pixies, ick hör euch trappsen.

Und als vertrauensbildende Maßnahme der Clip zu "Sister In Love":

http://www.emiextranet.com/Stream/14274/59014.asx

Das Envelopes-Album "Demon" erschien am 16.06. bei Labels!
smörre
2006-06-18 12:35:51 Uhr
Polarblog sagt "Hej" zu den Envelopes.
Armin
2006-06-18 00:44:22 Uhr
"Freejazz" sollte man übrigens dringend gehört haben. Leider nicht auf dem Album enthalten, aber auf der Myspace-Seite zu goutieren.
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