The Czars - Sorry I made you cry

The Czars- Sorry I made you cry

Bella Union / Cooperative / Rough Trade
VÖ: 23.06.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Tränenreich

Könnte mal bitte jemand behutsam den Dimmer in Richtung Schummerlicht drehen? Noch ein bißchen vielleicht? Oder gar die elektrische Flamme ganz löschen und den stimmungsvoll unpolierten Kandelaber aus dem Eichenschrank manövrieren? Ginge das? Und dann noch Kerzen in der Couleur eines schweren Rotweines mit einem asthmatisch keuchenden Feuerzeug anzünden, das wäre ganz zauberhaft. Und im Grunde auch das einzig adäquate Ambiente für "Sorry I made you cry" - elf großgefühlige Kleinode aus den Jahren 1937 bis 1979, bei denen selbst der Schwarzenegger unter den Tränenhydranten zu einem dammbrüchigen Häuflein schluchzender Willenlosigkeit zerfließt.

Ein wenig verwundert es zunächst schon, daß der Denver-Clan The Czars ein komplettes Album mit Cover-Versionen bestückt, mußten sie doch um Aufnahme und Veröffentlichung des Vorgängers eisern kämpfen: Im Booklet des nach wie vor tollen >"Goodbye" sind zahlreiche Namen treuer Anhänger aufgeführt, die generös den einen oder anderen Dollar in den Sparstrumpf ihrer Lieblingsband stopften - damit die sich trotz finanziell besorgtem Label eine neue Platte leisten konnte. So überraschend ist die Sache mit der Cover-Compilation dann aber doch nicht mehr, wenn man erfährt, daß diese nichts anderes als eine Raritäten-Kollektion ist, größtenteils rekrutiert aus B-Seiten der letzten zehn Jahre - was im Musikbusiness-Wörterbuch für gewöhnlich mit "nur für Fans" übersetzt wird. Gilt für die Czars überhaupt nicht. Was vor allem John Grants Stimme zu verdanken ist, die trotz hingebungsvoller Emotionsbereitschaft wohltuend bedächtig ihre Kreise zieht, wie eine buddhistische Möwe über dem tosenden Meer. Als wären seine Stimmbänder auf einem Samt-Plaid gebettet, Whiskey-Kelch und Nasenspray daneben, in trauter Zweisamkeit.

"Black is the colour", bekannt geworden durch die Version von Nina Simone, eröffnet mit sehnsüchtig seufzender Trompete und dezent paralysiertem Gitarren-Arpeggio. Die Liebe trägt in den kommenden fünfzig Minuten Schwarz, das Wolkenheer hat seine rosarote Farbe sowieso schon längst in die Frisur von Enie van de Meiklokjes geschnäuzt. Wir sind jetzt da, wo's wirklich weh tut: tiefe Enttäuschung, schonungslose Zurückweisung, quälende Ungewißheit, all das. Doch auch im Survival-Camp der Gefühle gibt es schmerzlindernde Überraschungen: zum Beispiel eine ganz wunderbare Akustikversion von ABBAs "Angel eyes" oder auch der von Slide-Gitarren flankierte, federleicht fliegende 60s-Schmachtfetzen "Where the boys are", im Original von Connie Francis. Neun elegische Minuten lang wird "My funny valentine" besungen, inklusive Hall-Effekt eines verlassenen Foyers. Man kann sich das gut vorstellen: John Grant ist unrasiert, trägt sein Haar leicht zerzaust und seit einer Woche das gleiche Hemd, weil er das anhatte, als die begehrte Sie zum letzten Mal in Erscheinung trat. "Emptiness, emptiness / How do I search for you" - die Rogers/Hart-Komposition mündet schließlich meisterhaft in den Czars-Song "Val".

"For Emily" wird fast originalgetreu simon&garfunkelnd interpretiert, bei der Unglücksromanze "Leavin' on your mind" mit Paula Frazer duettiert und "You don't know what love is" bis auf ein paar Millimeter an die Chet-Atkins-Version angepaßt. "I'm sorry" (Brenda Lee) bittet in schunkelnder Western-Pedal-Steel-Manier um Verzeihung, und auch "I fall to pieces" verzichtet, wie fast die gesamte Platte, auf üppige Arrangements. Meistens ist da nicht mehr als eine Gitarre. Einzige Ausnahme: "Strange", instrumentiert mit Orgel und dezenter Computerpercussion. Das große Highlight kennt man zwar schon von "Sing a song for you - Tribute to Tim Buckley", aber wie John Grant "Song to the siren" sanften Americana-Klängen anvertraut, das ist so unfaßbar herzzerreißend und wunderschön, daß ... hat vielleicht mal jemand ein Taschentuch?

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Angel eyes
  • Where the boys are
  • My funny valentine
  • Song to the siren

Tracklist

  1. Black is the colour
  2. Angel eyes
  3. Where the boys are
  4. My funny valentine
  5. For Emily
  6. Leavin' on your mind
  7. You don't know what love is
  8. I'm sorry
  9. I fall to pieces
  10. Strange
  11. Song to the siren

Gesamtspielzeit: 50:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Obrac
2006-10-01 18:36:31 Uhr
Ich finde sie noch ganz nett, aber trotzdem irgendwie überflüssig.
Pure_Massacre
2006-10-01 18:35:19 Uhr
Die beiden, die du am schwächsten findest, gefallen mir ebenso (allerdings mit großem Abstand) am wenigsten. Also: Angel Eyes und Where the boys are.
Obrac
2006-10-01 18:29:55 Uhr
Meine Wertung sähe folgendermaßen aus:

1. Black is the color 9/10
2. Angel eyes 6/10
3. Where the boys are 6,5/10
4. My Funny Valentine 9,5/10
5. For Emily 8/10
6. Leaving on your mind 7/10
7. You don't know what love is 9/10
8. I'm sorry 7/10
9. I fall to pieces 6,5/10
10. Strange 8,5/10
11. Song to the siren 9,5/10

Macht zusammen eine 8/10. Grässlich finde ich eigentlich nichts, allerdings driften einige Songs zu sehr in die Pop-Belanglosigkeit ab. Dabei beherrschen sie doch die großen Momente ganz gut.

Pure_Massacre
2006-10-01 17:47:36 Uhr
Seltsame Platte. Manche Sachen find ich ganz gräßlich, den Rest gut bis hervorragend. "song to the siren" gefällt mit Abstand am besten, bisher.
Obrac
2006-08-19 13:01:30 Uhr
Na ja...so genau muss man nun auch wieder nicht hinhören, singt er doch immerhin schon im ersten Song "when he and I will be as one" ;-)

Naja, gut.. aber er springt dem Hörer auch nicht gerade mit dem nackten Arsch ins Gesicht ;)

Was allerdings daran zu schwul sein soll, hin und wieder statt einem "she" ein "he" zu benutzen, will mir nicht ganz einleuchten.
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