Paul Simon - Surprise

Paul Simon- Surprise

Warner
VÖ: 26.05.2006

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der wievielte Frühling

Zunächst ist da das Erstaunen. Wenn die ersten Töne von Paul Simons neuestem Album aus dem Lautsprechern purzeln, glaubt man so einiges. Nur nicht, daß es sich eben um das neue Album von Paul Simon handelt. Es klackert und brutzelt. Es schwirrt und schwurbelt. Und plötzlich ist dann da doch Simons Stimme, die - ganz sanft und bambiäugig - genau jene dummen Fragen stellt, die sonst immer nur Fundamentalisten und anderen Nichtsblickern einfallen. "How can you be a muslim?" Einfach so halt. Wo ist noch mal das Problem?

Moment, dazu kommen wir später. Denn erst einmal ist die durchaus als riskant anzuhörende Inszenierung von Simons Neuzugängen spannend genug, um zu vergessen, wie vorhersehbar seine Musik in den Jahren seit "Graceland" eigentlich geworden war: afrikanische Polyrhythmen, zärtelnde Harmonien, harmloses Geplunker zwischen Jazz und Folk. Lustigerweise gibt's all das auch auf "Surprise". Daß sich die Durchschaubarkeit dieses Mal jedoch in Grenzen hält, dürfte an Brian Eno liegen. Der altgediente Klangforscher schaffte es nämlich, mit knackigen Beats und kecken Effekten dem faltig gewordenen Simon eine Frischzellenkur zu verpassen.

Scheppernde Drums und zurückgespulte Gitarren waren Simons Songs ja nicht unbedingt zuzutrauen. Doch sie stehen ihnen meist vortrefflich. Wenn in "That's me" ein entspannter Groove loshoppelt wie ein Kaninchen im Morgengrauen oder das leise Flirren von "Everything about it is a love song" langsam dezenter Beathektik weicht, kann das einiges. Kein Wunder, tun doch auf "Surprise" Könner wie Tastenderwisch Herbie Hancock, Fretless-Gott Pino Palladino am Baß, Saitenverhedderer Bill Frisell und auch noch Steve Gadd am Geklöppel mit. Daß diese versammelte Expertenschaft keinen Ton zuviel spielt und trotzdem genug Wirbel macht, ist eine weitere positive "Surprise". Da kann man sich sogar ein wenig verheddern, ohne auf die Nase zu fallen.

Mit der Zeit läßt nämlich die Faszination des Beinaheneutönens von Rhythmuszicken wie "Outrageous" oder "Sure don't feel like love" etwas nach. Diese elf Songs sind nur der Form nach erstaunlich, inhaltlich jedoch beizeiten eben doch so routiniert wie man es erwartet hätte. Die Single "Father and daughter", das brummelnde Gezwitscher "Once upon a time there was an ocean", das verträumte "Beautiful" oder das etwas zu beseelte "Wartime prayers" klingen poliert wie eine Marmortreppe. "Who's gonna love you when your looks are gone?", fragt Simon schon selbst. Für den Langzeitgenuß hätte man sich vielleicht doch noch ein paar kathedralige Melodien wie einst bei "The boxer", "Bridge over troubled water" oder "The sounds of silence" gewünscht. Ein beherztes Zupacken wie "Hazy shade of winter", hymnisches Gehüpfe wie "You can call me Al" oder wenigstens ironisches Gesäusel wie "50 ways to leave your lover". Aber solche Songs schreibt auch ein Paul Simon natürlich nur einmal.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • How can you live in the northeast?
  • Outrageous
  • I don't believe
  • That's me

Tracklist

  1. How can you live in the northeast?
  2. Everything about it is a love song
  3. Outrageous
  4. Sure don't feel like love
  5. Wartime prayers
  6. Beautiful
  7. I don't believe
  8. Another galaxy
  9. Once upon a time there was an ocean
  10. That's me
  11. Father and daughter

Gesamtspielzeit: 45:19 min.

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