Die Goldenen Zitronen - Lenin

Die Goldenen Zitronen- Lenin

Buback / Indigo
VÖ: 02.06.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Engels Zungen

Politik ist nicht so deine Sache? Geschichtsunterricht überhaupt nicht dein Ding? Die Sozialwissenschaften hältst du für einen überflüßigen Furunkel in diesem maroden Gesellschaftsvakuum? Dann haben wir eine große Bitte an dich: Lies doch an anderer Stelle weiter. Denn hier handelt es sich nicht um die besten Clubhits der Achtziger und die angesagtesten Popgiganten der Neunziger. Nein, hier handelt es sich um feinsten Avantgardeelektroedelpunk von heute. Womit wir auch gleich beim Thema wären: dem Ausschlußverfahren. Denn wer die Türe öffnen will, der braucht mindestens einen Schlüssel. Mit Vorschlaghammer hat das hier nämlich schon lange nichts mehr zu tun.

Die Goldenen Zitronen sind Kulturaktivisten. Und zwar schon länger als 20 Jahre. In einer solchen Zeitspanne erlebt man natürlich einiges, und so mancher hätte schon vor geraumer Zeit mit seinen Memoiren in Buchform aufgewartet. Schorsch Kamerun hätte beispielsweise von seiner Auseinandersetzung mit Thomas Anders berichten können. Und Ted Gaiers Erzählungen "Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen" wären sicher auch das ein oder andere mal über den Ladentisch gereicht worden. Doch bei den Zitronen tickt die Uhr noch. Zumindest sieht sie von einer eigenen Beweihräucherung und dem damit festgesetzten Stillstand ab. Immerhin ist man ja "Für immer Punk".

Ihr neuntes Studioalbum, benannt nach dem oktoberrevoluzzenden Gründer der Sowjetunion, führt die Bande von der Stelle weiter, wo sie mit "Schafott zum Fahrstuhl" eine Pause eingelegt hat. Doch das Album ist viel mehr, als man es sich vorgestellt hätte. Vertrackte Rhythmik, verkopfte Melodieführungen und eine hochfrequentierte Wortnutzung. "Lenin" bietet ein mäanderndes Zusammenspiel von elektronischer Energie und treibenden Rockelementen. Allen Liebhabern der "Porsche, Genscher, Hallo HSV"-Parolendrescherei wird "Lenin" sicherlich das Entsetzen ins Gesicht meißeln. Falls Dich das überraschen sollte, müssen wir Dir leider unterstellen, daß Du die letzten 10 Jahre nicht aufgepaßt hast.

Kamerun, dessen Orientierungsoperette "Der Chinese im Kinderbett" im Januar diesen Jahres uraufgeführt wurde, bleibt seinen Idealen treu. Die Songtitel des neuen Albums zeugen zumindest von der Fortsetzung des Bisses und der genauen Beobachtung, die man von den Zitronen gewohnt ist. "Lied der Stimmungshochhalter", "Raus aus der Klasse, rein in die Klasse" oder "Europäische Außenstellen" geben lyrischen Zündstoff, der die Doppel-Whopper-Regierung zum Explodieren bringen könnte. Und die Gesellschaft? Mit der wird nach Strich und Faden abgerechnet.

Die Sätze sind kurz. Oder lang. Oder eben auch gar keine richtigen Sätze. Politischer Ansporn und skizzenhaftes Charakterisieren. "Ich habe immer schlechte Laune / Und bin immer gut drauf / Notorisch unterfordert / Gleichzeitig absolut erledigt." Kompromißlose Beobachtungen und Befindlichkeitsfixierung. "Die Nachricht mit den Gasengpässen / Hat mich sehr erschrocken / Weil die Gefahr bestand / Daß auch bei uns / Weniger Gas ankommt." Wortgewandte Erzählkunst und literarisches Geschick. "Nun schläft er seinen Schlaf / Die Zeit rast wortlos selbst / Selbstvergessen." Irgendwie ist Dir das hier alles zu unverständlich? Zu verwirrend? Oder doch schlicht zu doof? Dann bedanken sich die Goldenen Zitronen bei Dir. Für den Nichtkauf dieses Albums. Wie drückte es Jan Delay einst aus? "Ich will nicht, daß Ihr meine Lieder singt."

(Christian Preußer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Wenn ich ein Turnschuh wär
  • Lenin
  • Der Bürgermeister

Tracklist

  1. Lied der Stimmungshochhalter
  2. Mila
  3. Von den Dämonen des Wesley Willis
  4. Wenn ich ein Turnschuh wär
  5. Mickeyroureske
  6. Lenin
  7. Complication
  8. Der Bürgermeister
  9. Raus aus der Klasse, zurück in die Klasse
  10. Das sag ich dir nicht
  11. Terminator 1 und Siegmund Freud
  12. Europäische Außenstellen
  13. Gevatter Böhm erzählt

Gesamtspielzeit: 45:41 min.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum