Matmos - The rose has teeth in the mouth of the beast

Matmos- The rose has teeth in the mouth of the beast

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 19.05.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Amazing grace

Mal angenommen, das alles soll nur ein einziger großer Wettkampf sein - dann haben Matmos hiermit offiziell gewonnen. Seit Jahren sind Drew Daniels und M.C. Schmidt als Rückenfreihalter für ihre alte Freundin Björk unterwegs, wenn diese ihr schönstes Kleid überwirft und lustige Liveshows abzieht. Und quasi nebenbei scheint da immer auch dieses spaßige Privatturnier zu laufen, mit dem beide Seiten herausfinden wollen, wer denn hier nun die größte Klatsche hat. Matmos' Erfindung der elektronischen Rittermusik auf "The civil war" konterte Björk mit "Medúlla" aus, jener Platte, die bekanntermaßen beinahe ausschließlich Geräusche enthielt, die vom menschlichen Stimmapparat erzeugt worden waren. Was ihre Haus-und-Hof-Elektriker sich nun aber als Gegenschlag zusammen gesponnen haben, läßt Islands berühmteste Schwanenkönigin mal eben wie Ursula van der Leyen erscheinen.

"The rose has teeth in the mouth of the beast" werden nicht nur gute Achtelfinalchancen bei der kommenden Weltmeisterschaft im Bescheuerte-Plattentitel-Tragen eingeräumt. Es ist auch ein Konzeptalbum, auf dem mit jedem Track das Leben einer anderen bedeutenden, (angeblich) homosexuellen Persönlichkeit aus den letzten 150 Jahren vertont wird. "Sound portraits", sagen Matmos dazu und scheuten in der Folge weder Kosten noch Mühen, um zu besonders authentischen Ergebnissen zu gelangen. Manchmal wurden Geräusche mit bestimmten Gegenständen gemacht, die für die jeweilige Person besonders charakteristisch waren. In anderen Fällen wurden ganze Schlüsselszenen aus dem Leben des Geehrten nachgestellt, die dabei entstandenen Geräusche aufgezeichnet und daraus dann ein Song gebaut. Das liegt ja auch auf der Hand, irgendwie.

Damit nun niemand im Regen stehen muß, haben sich Matmos netterweise auch gleich noch ein paar vielsagende Genrebezeichnungen zu den kaum greifbaren Stücken ausgedacht. Die düsteren Klavier- und Streicher-Sticheleien aus "Snails and lasers for Patricia Highsmith" gehen als "Jazz noir" durch - angereichert freilich um ein lichtempfindliches Theremin, das mit einem Laser bestrahlt wurde, durch dessen Laufbahn man ein paar Schnecken hindurchkriechen ließ, um verschiedene Töne zu erzeugen. "Public sex for Boyd McDonald" klingt wie ein Fiebertraum des jungen Michael Jackson, wird von Matmos aber als "Porn funk" bezeichnet. Und in "Germs burn for Darby Crash" ("Power electronics") wurde aus dem Sample eines Schmerzensschreis von Daniels ein tosendes Breakbeat-Gewitter gebaut, während wir im Hintergrund hören, wie sich Schmidt fröhlich den Kopf rasiert. Es fehlt eigentlich nur noch der Vogel, den die beiden haben.

Am Ende hält man dabei natürlich kein homogenes Album in den Händen. Wie zugänglich diese Platte aber doch ist, das ist vielleicht die größte Hexerei hier. Es ist völlig egal, daß das 13-minütige "Rag for William S. Burroughs" ("Arabic ragtime psychedelia") schon nach dem ersten Viertel von einer klappernden Schreibmaschine geschluckt wird. Es spielt überhaupt keine Rolle, daß Künstler wie Antony und Björk als Hausgespenster verkleidet durch die Kulissen dieser Songs geistern. Und es sollte erst recht niemanden kümmern, daß für den "Wagnerian slapstick" von "Banquet for King Ludwig II of Bavaria" jene Episode aus dem Leben des Königs nachgestellt wurde, in der er seinem Lieblingspferd ein Festtagsmenü im Spiegelsaal seines Schlosses servieren ließ. Alles schnuppe - man sitzt ja doch die ganze Zeit nur da, grinst blöd und denkt sich: "Was für eine lustige Platte!"

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Roses and teeth for Ludwig Wittgenstein
  • Snails and lasers for Patricia Highsmith
  • Solo buttons for Joe Meek

Tracklist

  1. Roses and teeth for Ludwig Wittgenstein
  2. Steam and sequins for Larry Levan
  3. Tract for Valerie Solanas
  4. Public sex for Boyd McDonald
  5. Semen song for James Bidgood
  6. Snails and lasers for Patricia Highsmith
  7. Germs burn for Darby Crash
  8. Solo buttons for Joe Meek
  9. Rag for William S. Burroughs
  10. Banquet for King Ludwig II of Bavaria

Gesamtspielzeit: 55:35 min.

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