Peeping Tom - Peeping Tom

Peeping Tom- Peeping Tom

Ipecac / Southern / Soulfood
VÖ: 26.05.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hochspanner

Behält eigentlich noch irgend jemand den Überblick darüber, was Mike Patton so treibt? Versuchen wir doch mal eine Annäherung: Mit Fantômas surft er entlang der Stronlinien des Vorstellbaren, Tomahawk sprengte zuletzt mit "Mit Gas" die Ohren frei, zusammen mit dem wirren Norweger John Erik Kaada pervertierte er ein paar "Romances", und mit den X-Ecutioners freakte er als General Patton den HipHop aus. Dann waren da noch ungezählte Kollaborationen mit Björk, der Handsome Boy Modeling School, Eyvind Kang, Dillinger Escape Plan, Kid606, Lovage, John Zorn und gefühlten tausend anderen.

Nichts klang untereinander auch nur ähnlich. Veränderung und Selbstuntergrabung sind Pflicht. Wenn es Patton um irgend etwas geht, dann ist es das Hier und Jetzt. Aber natürlich immer so, daß man sich von seiner Vorstellung davon auch morgen noch prima überfordern lassen kann. Da kommt Peeping Tom gerade recht. Das oft angekündigte und noch öfter aufgeschobene Pop-Projekt. Mit nachvollziehbaren, gar schmeichelnden Melodien. Mit knackigen bis gebügelten Beats. Ohne hinderliches Bandgefüge, dafür mit flauschigen Gästen wie Norah Jones, Bebel Gilberto und Massive Attack. Moment mal! Waren nicht schon die heiligen Faith No More damals unter ihrer aufgebohrten Rockerseele eine rattenscharfe R'n'B-Truppe?

Man darf tatsächlich ungestraft behaupten, daß sich Peeping Tom so nah an die einstigen Crossover-Pioniere heranbewegt, wie es sich Patton seit deren Ende nie wieder gestattete. Selbst die verwegene Behauptung, "Peeping Tom" sei die Weiterführung von Faith No Mores "King for a day, fool for a lifetime", ist nicht völlig absurd. Wer's nicht glaubt, hört gefälligst schleunigst noch mal deren "Evidence". Und doch ist "Peeping Tom" ganz bestimmt nichts für die leichte Schulter. Was soll das scheppernde Bouncen und unheilschwangere Gecroone hier überhaupt? Pattons Vision war diesmal, daß er das Zeug gerne selbst mal im Radio hören würde. Das nennt sich dann auch nicht mehr Pop, sondern hört auf den schönen Begriff "Ghettotech". Schon ist alles wieder relativiert.

Bereits das eröffnende "Five seconds" preßt einen verstört in den Sitz. Gebannt wartet man auf den nächsten Gitarrenzusammenbruch, auf die nächste Grooveverhedderung, auf den nächsten hyperventilierenden Rap und auf die nächste große Melodie. Wenn Patton die Rhythmen aus dem Regal herunterlädt, schubst er sie immer eine Winzigkeit neben die Spur. PVC-modellierter Actionfigur-Rock und abstrakte HipHop-Interpretationen hängen unversehens übereinander wie völlig überraschte Swinger. So haut Patton vorsätzlich Lücken und Spalten in Arrangements und Melodie. Und reißt den sich allerorten andeutenden Hymnen sowieso mit Freuden die Klamotten vom Leib.

Das laszive "Mojo" züngelt an tröstendem Gitarrenmoll vorbei, in "Kill the DJ" pusten Massive Attack den Baß garade noch zwischen ihren verdreckten Samplertasten hindurch, und in "Sucker" flötet Jazznymphchen Jones so allerliebste Worte wie "Motherfucker". "Your neighborhood spaceman" kaspert mit einem Astronautenkeyboard rüber, für das Fettes Brot entschieden "Jein" sagen würden. Und am Ende brät sich "We're not alone" in Stimmung für die Machtübernahme der glücklichen Fatalisten.

Wenn Schlagzeug und Gitarren jetzt auch noch durchgängig echt wären, hätte aus "Peeping Tom" sogar noch ein verdammtes Brett werden können. Pattons Vorstellung von Pop aber ist derzeit eher von Hip-, Trip- und anderem Hop unterwandert. Er säuselt, grollt, brüllt, spottet, rappt, keift, flirtet und flüstert dazu wie in alten Zeiten. Immer so, wie es der Song gerade eigentlich doch nicht erfordert hätte. Genau deswegen kommen diese elf Konstruktionen ja auch immer auf exakt jenen Punkt, den sich Gockel wie Nelly oder Usher nun wirklich nicht mal ansatzweise vorstellen könnten. Selten machte das Herumstochern in den Herzkranzgefäßen der Popkultur derartig Spaß.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Five seconds (feat. Odd Nosdam)
  • Don't' even trip (feat. Amon Tobin)
  • Your neighbourhood spaceman (feat. Jel and Odd Nosdam)
  • Celebrity death match (feat. Kid Koala)
  • We're not alone-remix (feat. Dub Trio)

Tracklist

  1. Five seconds (feat. Odd Nosdam)
  2. Mojo (feat. Rahzel and Dan The Automator)
  3. Don't even trip (feat. Amon Tobin)
  4. Getaway (feat. Kool Keith)
  5. Your neighbourhood spaceman (feat. Jel and Odd Nosdam)
  6. Kill the DJ (feat. Massive Attack)
  7. Caipirinha (feat. Bebel Gilberto)
  8. Celebrity death match (feat. Kid Koala)
  9. How U feelin? (feat. Doseone)
  10. Sucker (feat. Norah Jones)
  11. We're not alone-remix (feat. Dub Trio)

Gesamtspielzeit: 44:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
probot
2006-12-13 18:03:29 Uhr
Frage: Ist die Vinyl Version genauso schick wie die CD (Öffnungsmechanismus)?
meatpuppet
2006-11-21 14:21:45 Uhr
einzigartiger gesang war natürlich gemeint!

kann auch michael nur recht geben :-)
Michael
2006-11-16 23:09:51 Uhr
Ich war am Sonntag auch in Köln und es hat mich echt überrascht wie geil das Album live kommt. Besonders hat mir das Cover "Across 110th Street" angetan, grossartiges Cover!

Ich würde jetzt nicht sagen dass es das beste Mike Patton Konzert für mich war, dafür waren alle FNM Konzerte viel zu cool, aber das war schon grossartig den Mike mal wieder als Leadsinger zu sehen ohne Keyboards vor der Brust ;]

_________mikepatton.de
logan
2006-11-14 18:05:15 Uhr
ziemlich stylish, aber auch ziemlich glattgebügelt. immerhin endlich mal wieder ein hörbares patton-album, das nicht nur aus ohverletzenden frequenzen und wildem gegacker besteht. so durchschnitt halt.
Bär
2006-11-14 16:21:27 Uhr
Er zeigt ihn auf Konzerten?!
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