Tool - 10,000 days

Tool- 10,000 days

Volcano / Sony BMG
VÖ: 28.04.2006

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Liturgie

Komplexität und Musik. Manche sagen dieser Kombination nach, daß sie für Komplexe sorgt. Bei Hörern, die das Gehörte zu dechiffrieren nicht in der Lage sind. Oder bei Musikern, die ob der schieren Übermenschlichkeit des Schaffens ihre Instrumente an die Wand nageln. Gelegentlich dient aber noch das sonderbarste, hochkodierte Verwirrungspaket eigentlich nur der Verarbeitung des Künstlererlebens. Die verdeckte Auseinandersetzung mit eigenen Problemen in der Öffentlichkeit. Auslegungssache.

Wenn die Künstler dann nur mit weiteren Rätseln, Versteckspielen und gar dreisten Lügen um sich werfen, ist man bei Tool gelandet. Das aufgeregte Hin und Her der vulkanartig hochblubbernden Vorfreude auf "10,000 days" ging sogar soweit, daß mancher übereifrige Downloader den aus dem Netz gesaugten Dateien unterstellen mochte, sie seien eine Täuschung. Kein gewöhnlicher Fake wohlgemerkt, sondern ein eigens für derlei Irreführungen inszeniertes Pseudoalbum der Mannschaft um Maynard James Keenan. Wem außer Tool würde man solcherlei schon zutrauen?

Schon das Artwork ist derart verwegen, daß man eine eigene Brille benötigt, um seine dreidimensionale Tiefe erkennen zu können. Dann aber läßt man endlich das tatsächliche Werk auf sich zukommen. "Vicarious" rollt los wie ein ferngesteuerter Bulldozer. Im Zickzackkurs und mit gerade mal genug Geschwindigkeit, um beim Zusammenprall mit dem Opfer doch noch die ganze Wucht zu entfalten. Keenan gibt den Gaffer, der sich an fremdem Unglück ergötzt. "I own a TV because tragedy thrills me / [...] I need to watch things die from a distance." Mit sorgfältig sterilisierten Gerätschaften fräsen Adam Jones und Justin Chancellors derweil all jenes in der Nähe des Hörnervs liegende Gewebe hinfort, das sich unter dem Beschuß von Danny Careys Schlagzeug nicht schon pulverisiert hätte. Auch eine Art, einen Ohrwurm zu plazieren.

Gleich darauf verkantet sich "Jambi" im gerade erst freigelegten Gehörgang. Langsam verschieben sich Groove und Reverb gegeneinander, zersplittern nur scheinbar unter dem Atmen der Talkbox und poltern an der Subtilitätsgrenze wieder aufeinander zu. Das präzise konstruierte Aus-, Gegen- und Miteinander stellt die schroffe Grundlage für Keenans zwischen Gurgeln und Flehen, zwischen Pressen und Schweben, zwischen Grollen und Züngeln liegende Dramatik. Und für die Andeutung des kommenden Unglücks.

Im zentralen Zweiteiler aus "Wings for Marie (Pt 1)" und "10,000 days (Wings pt 2)" kreiseln Motive von Unsterblichkeit und bedrohlichen Geistern umeinander. Ahnungen von Vergänglichkeit und illusionärer Errettung, versunken im Zwiespalt zwischen religiösen Metaphern und rationaler Selbstkritik. "But enough about the collective Judas." Denn plötzlich ist man mittendrin in der Tragödie. Keenan verarbeitet hier den Verlust seiner Mutter Marie. Einst hatte sie eine schwere Gehirnblutung überlebt, welche sie aber zeitlebens an den Rollstuhl fesselte; 27 Jahre lang - oder umgerechnet knapp zehntausend Tage -, bis sie schließlich doch an den Spätfolgen starb.

Vor lauter Konzentration auf die fordernde Musik vermag man dieses große Thema zunächst kaum aufzunehmen. Man spürt vor allem die gegenwärtige Grabeskälte. Zu unnahbar scheint das morbide Konzept, bis sich gerade die vermeintliche Unzugänglichkeit der Struktur als stringente Logik entpuppt. Auf ihrem vielleicht nicht besten, aber mindestens ambitioniertesten Album zeigen Tool so einmal mehr ihre Stärken. Stück für Stück lassen sie Fußnoten und Symbole in den Hintergrund treten. Sublimierte Zitate und präzis zugeschnittene Formeln lenken das Verlustgefühl durch den kathartischen Irrgarten, als den sich "10,000 days" längst entlarvt hat. Wuchtet "The pot" dabei noch den beißenden Rauch des Eskapismus über schneidende Synkopen, betäubt "Rosetta stoned" nur noch den Schmerz des Deliriums. "Intension" versucht durch bloßen Willen Macht auszuüben, und das vertrackte "Right in two" verspottet als Konsequenz den menschlichen Verstand. "Angels on the sideline, puzzled and amused / Why did Father give these humans free will? / Now they're all confused." Hilflos steht Keenan vor dem Nichts. Und tröstet sich mit der Faszination der Sterblichkeit.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Vicarious
  • Jambi
  • The pot
  • Right in two

Tracklist

  1. Vicarious
  2. Jambi
  3. Wings for Marie (Pt 1)
  4. 10,000 days (Wings pt 2)
  5. The pot
  6. Lipan conjuring
  7. Lost keys (Blame Hofmann)
  8. Rosetta stoned
  9. Intension
  10. Right in two
  11. Viginti tres

Gesamtspielzeit: 75:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
mal
2019-08-09 16:30:30 Uhr
man muss den Song aber mehrmals hören um erleuchtet zu werden. bin jetzt beim fünften mal und habe immer noch nicht alles verstanden, gebe aber schon eine 9/10
Fear Inoculum
mal
2019-08-09 16:27:44 Uhr
gewonhte Tool Trademarks, aber in einem Hammersong verpackt.

das Intro, die Vocals v.a. beim Exhale-Expel Part wunderbar und wie die Gitarre immer mehr das Zepter übernimmt.
hat schon Ritual Atmosphäre.9/10

Mayakhedive

Postings: 782

Registriert seit 16.08.2017

2019-08-09 10:13:20 Uhr
Er möchte ja mMn immer als jemand erscheinen, der offen für Neues ist, aber im Grunde ist alles, was nicht maximal verproggt ist nichts wert.
Melodien sind aber auch wirklich evil, Pfui Deibel.
mayn
2019-08-09 10:02:06 Uhr
so ein schwachsinn ^^

Affengitarre

Postings: 5105

Registriert seit 23.07.2014

2019-08-09 09:57:07 Uhr
Haha, bloß keine leicht verdaulichen Melodien oder Parts, die man gar mitsingen könnte.
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