Blumfeld - Verbotene Früchte

Blumfeld- Verbotene Früchte

Columbia / Sony BMG
VÖ: 28.04.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kompott

Lächelnd betrachtete man die Scheitel der Unangepaßten. Man sichtete Leute, die lauthals "Schlager" ausriefen und den lyrischen Textzeilen der wandelnden Latzhose von einst jegliche Transparenz abzusprechen drohten. Von der Versenkung in die Bedeutungslosigkeit war die Rede, und eine Fixierung auf die "Ich-Maschine" machte die Runde. Blumfeld waren von vorgestern. Eine Geschichte mit einem offenen Ende, will man meinen, wenn "Verbotene Früchte" das erste Mal im Gehirn rotiert. Da rattert es wieder. Und man folgt dem Rufe des Optimisten Distelmeyers: "Komm / Wir versuchen es noch mal miteinander."

Erste Verwirrung: "Verbotene Früchte". Schock. "Der Apfelmann". Doppelschock. Werden Blumfeld etwa aus dem Garten Eden vertrieben? Wollen die etwa abrechnen mit Gott und der Welt? Oder sind Blumfeld nun endgültig Religionsstifter? Zutrauen könnte man es ihnen ja. Die Erleichterung folgt auf dem Fuße: alles Anspielungen. Alles nur feine Symbolik. Es fühlt sich gut an. Und es scheint, Jochen Distelmeyer fährt wieder zur Höchstform auf. Zumindest lyrisch.

Verantwortlich für einen verträumten Anfang ist der Titel "Schnee", der mit fein plazierter Melancholie direkt ins rote Feld der baumelnden Seele plätschert und auf einem gediegenen Rhythmusteppich der Sehnsucht entgegen schwimmen will. Getragen von einer Trompete macht sich Gänsehaut selbst im Gaumen breit, und man wagt nicht zu schlucken. Man muß höchstens schluchzen. Das dubiose "Der Apfelmann" mag vom textlichen Aufbau an eine holpernde Adaption Kästnerscher Naturprosa erinnern. Musikalisch langt man hingegen in die Vollen und liefert einen beschwingten Hüpfer durch des Nachbars Garten.

"April" ist eine süße Verführung, mit opulentem Kitsch und einem Distelmeyer in altbekannter Erzählerpose, die der Sonne beim Start in den neuen Tag die Daumen drückt. Nirgends paßt auf dieser Platte das Attribut "schön" besser. Höhepunkt des Albums ist aber "Der sich dachte", eine haarscharfe Beobachtung, mit sozialkritischem Herzschlag. Eine Wandergitarre, ein Lagerfeuer und eine Geschichte vom einsamen Helden. Eine Rebellion gegen die Gefühlsleere.

Allen Schwelgern zum Trotz: Versteckt lugen hier und da kleine Zusammensacker heraus. Da fahren Körper und Geist zur Höchstform auf und werden jäh aus ihrem Beben gerissen. "Tiere um uns" steht an dieser Stelle ganz vorne. Textlich zu subtil, um die Gehirnzellen in Schwung zu bringen, musikalisch zu sachte, um zum Swingen anzusetzen. Der Ausklang der Platte ist mit "Ich fliege mit Raben" ebenfalls nicht sonderlich geglückt, wenn man nicht gar von überraschender Langeweile sprechen muß. Dennoch ist "Verbotene Früchte" ein lupenreines Statement zum Understatement der Band geworden. Sie sind noch da, sie waren niemals weg. "Leinen los / Und heißt die Segel / Fahr mit uns / Auf uns'ren Wegen." Dann mal los. Immer weiter.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • April
  • Atem und Fleisch
  • Der sich dachte

Tracklist

  1. Schnee
  2. Der Apfelmann
  3. Strobohobo
  4. Heiß die Segel!
  5. April
  6. Tiere um uns
  7. Schmetterlings Gang
  8. Tics
  9. Der Fluß
  10. Kleines Lied
  11. Atem und Fleisch
  12. Der sich dachte
  13. Ich fliege mit Raben

Gesamtspielzeit: 62:35 min.

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User Beitrag

nörtz

Postings: 5253

Registriert seit 13.06.2013

2015-05-08 04:43:57 Uhr
"Die Qualle kann nicht mit dem Mondfisch schlafen gehen"...

So etwas bekommen die Tocos nicht hin! :)

nörtz

Postings: 5253

Registriert seit 13.06.2013

2015-05-08 03:55:29 Uhr
Highlights: Schnee, Strobohobo, Der Apfelmann, Tics, Der Fluß, Der sich dachte...

The Hungry Ghost

Postings: 764

Registriert seit 15.06.2013

2015-04-30 10:02:22 Uhr
Blumfeld - "April"

https://www.youtube.com/watch?v=KHp2N0yToKY


Wunderschöner Song.
vomsk
2011-09-08 13:40:05 Uhr
"Hey Folks, dann kann's ja losgehen"

Jochiboy gibt sich aber auch alle Mühe, uncool zu sein ;-)

Trotzdem: einer seiner besten Songs!
Castorp
2011-09-08 13:38:07 Uhr
Die Leute leben wie Schatten / mit ihrer Sehnsucht nach Sinn
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