The Fiery Furnaces - Bitter tea

The Fiery Furnaces- Bitter tea

Fat Possum / Rough Trade / Sanctuary / Rough Trade
VÖ: 28.04.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kaffee und Kuchen

Zwei, vielleicht noch zweieinhalb Platten, dann müßte Matthew Friedberger durch sein. Fertig damit, jeglichen Kredit zu verspielen, alle Vorschußlorbeeren wegschimmeln zu lassen, die er und seine Schwester Eleanor sich vor knapp drei Jahren für "Gallowsbird's bark" verdient hatten. Aber das war ja auch zu genial damals. Ein elender Tunichtgut aus Chicago streckte sich ein bißchen, ließ die Fingerknochen knacken und machte den Leuten mit einem Hühnerhaufen von einer Rookie-Platte weis, daß hier gerade die neuen White Stripes zu Gange seien. Dabei legte er doch erst im Jahr drauf richtig los. "Blueberry boat" kam, sah kein Land und siegte. Den ersten dämmerte indes schon: Hier will uns einer hochnehmen.

So was spricht sich natürlich rum. Und während Matthew noch mehr alte Synthesizer einkaufte, seine Oma mit "Rehearsing my choir" zum Rockstar machte und der Schwester immer absurdere Geschichten in den Mund dichtete, ging das Publikum zusehends flöten. Amazon-Verkaufsrang von "Bitter tea" bei Redaktionsschluß: 48.327. Fiery-Furnaces-Alben sind längst ein solches Randgruppenthema, daß das DSF schon laut darüber nachdenkt, live zu berichten. Und Matthew bleiben vielleicht noch zwei, zweieinhalb Platten, dann wird er sich einen neuen Job suchen müssen. Vorschlag zur Güte: Er könnte in jeder anständigen Firma der Typ sein, der die Wegrationalisierten feuert. Muffel genug ist er ja. Und wie man die Leute verjagt - das weiß er auch.

Aber was erzählen wir hier für Witze, ohne an die Pointe zu denken? Das Kreuz ist ja gerade: Während die Verkaufszahlen der Friedbergers sturzfliegen, wird ihre Musik immer abenteuerlicher, halsbrecherischer, wahnsinniger und - hängt doch wen dafür! - großartiger. "Bitter tea" ist das vierte Album in vier Jahren, klingt zu 100% nach den Fiery Furnaces - und ist doch wieder ganz anders als seine Vorläufer. Wenn hier irgendein Weg konsequent beschritten wird, dann höchstens Matthews schleichende Einlieferung ins nächstgelegene Sanatorium. Aber bevor der sich ein weißes Jäckchen überziehen läßt, baut er erstmal sein eigenes Universum zwischen NES-Musik, Eishockey-Orgeln, jugendgefährdenden Kinderliedern und, das ist neu, fernöstlichem Klumpatsch zu Ende. Hier ist er Daniel Düsentrieb, Baron Münchhausen und der Verrückte Professor zugleich. Hier ist er Chef.

Seine Schwester indes dürfte sich zunehmend wie Eleanor im Wunderland vorkommen. Ihre Vokalspuren werden gevierteilt, vor-, rück- und seitwärts verquastet. Ihre Lead-Gitarre ist längst keine mehr, wird höchstens noch für atonales Gezeter gebraucht, und das macht Matthew dann ja auch lieber selbst. Und sobald sich die Chose mit dem Seefahrerlied "Waiting to know you" mal im Walzertakt gen Feierlaune wiegt und Eleanor befreit aufsingen darf, kommt sofort ein Frischkäse wie "The Vietnamese telephone ministry". Man wäre schon zufrieden, wenn man nur Bahnhof verstehen würde. Aber gerade hier wird zwischen "Kid A"-like aufgelöstem (Sprech-)Gesang und dramaturgisch anziehender Verfolgungsszenen-Musik die neue, meist zappendustere Grundstimmung deutlich. "It's a very girly record", sagt Matthew. Und er meint wohl das Gegenteil von dem, was wir hören.

Weil dem ganzen Gedöns schließlich noch eine Schaumkrone aufgesetzt werden soll, wartet natürlich auch der verschmitzte bis verquere Friedberger-Humor wieder hinter jedem der 2.498 Breaks auf "Bitter tea". Das zugige "Oh sweet woods" darf mit großzügiger "Billie Jean"-Selbstbedienung seinen Beitrag zur Erhaltung der Bundesligalizenz von Michael Jackson leisten. Und "Police sweater blood vow" läßt sich den Pop auch von einer Gitarre nicht austreiben, die Geräusche macht, als würde sie gerade mit einem Defibrillator wiederbelebt. Bösartig wird hingegen dann nochmal "Nevers", die brutalste Zerlegung des ganzen Albums. Alles kreiselt und überschlägt sich, unten wird oben, Norden zu Süden. Und Matthew zerrt uns den Song am gebrochenen Genick bis vor die Haustür. Wie es ein Kater mit seiner Beute machen würde. Ein unmögliches, unverbesserliches Genie.

(Daniel Gerhardt)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Bitter tea
  • Waiting to know you
  • Police sweater blood vow
  • Nevers

Tracklist

  1. In my little thatched hut
  2. I'm in no mood
  3. Darling black hearted boy
  4. Bitter tea
  5. Teach me, sweetheart
  6. Waiting to know you
  7. The Vietnamese telephone ministry
  8. Oh sweet woods
  9. Off to Borneo
  10. Police sweater blood vow
  11. Nevers
  12. Benton Harbour blues
  13. Whistle rhapsody
  14. Nevers (Remix)

Gesamtspielzeit: 69:54 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
U.R.ban
2009-03-31 22:38:25 Uhr
Ja, und je öfter man es hört, desto fließender und melodischer wirds irgendwie.
Ganz großes Album, allein schon Nevers und Waiting to know you...

1. Blueberry Boat
2. EP
3. Bitter Tea
4. Gallowsbird's Bark
5. Widow City
6. Rehearsing My Choir
Senior Twilight Stock Replacer
2009-03-31 22:21:23 Uhr
Ist das ein geiles Album. Dieser Rückwärtskram ist echt faszinierend, hat irgendetwas psychopathisches; ähnlich wie die Sache mit den quasi mehrmals vorhandenen Songs. Beim ersten hören dachte ich, ich bin aus versehen auf die Fernbedienung meines CD-Spieler gekommen ;)
monguelfino clandestino
2007-01-31 13:11:19 Uhr
Hoch lebe ebenfalls die EP und auch Gallowbirds Park, wie ich neulich erfahren durfte.

Irgendjemand da draussen, der die Fiery Furnaces schon mal live gesehen hat?
Ich kann mir schwer vorstellen, wie solche Musik zu zweit umzusetzen ist. Oder haben die eine Live-Band dabei?
monguelfino clandestino
2007-01-21 09:33:37 Uhr
Hoch lebe dieses Album. Rehearsing my choir war schrecklich bis auf sailin away. Hatte die Band fast schon abgeschrieben.

Mindestens auf einer Stufe mit Blueberry boat.
Dän
2006-05-24 11:30:26 Uhr
Haha, großartig. Aber ganz schön frech! Ich schick Dir dann gleich meine Bankdaten rüber. ;)
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify