The Dresden Dolls - Yes, Virginia...

The Dresden Dolls- Yes, Virginia...

Roadrunner / Universal
VÖ: 21.04.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Freak show

Die ausgehakte Kinnlade ist inzwischen wieder eingerenkt. Die glitzernden Schweißperlen der Verblüffung sind abgetupft. Knapp anderthalb Jahre sind ins Land gezogen, seit die Dresden Dolls mit ihrem Debüt "The Dresden Dolls" einem seltsam radikalen, völlig eigenartig gemeißelten Klangbrocken Leben einhauchten, bei dem die Szene sich erstaunt die Ohren rieb, die Augenbrauen lupfte und begeisterten Beifall branden ließ. Das furiose Duo fuhr mit dem Rückwärtsgang vorwärts gegen die Wand. Brutal poetisch klatschten sie scheinbar Unvereinbares zu einer verstörend faszinierenden, grenzgängerischen Ästhetik der Gegensätze zusammen. Die heile Welt krachte aufs Inferno, niedliche Porzellanpuppen auf Bombenhagel. Ohne mit der getuschten Wimper zu zucken, zelebrierten und dekonstruierten sie gleichzeitig die bohème Dekadenz der Weimarer Republik und die zerschmetternde Aggressivität aus Punkgaragen. Verknüpften wuchtscheppernden Rock mit Weillschen Chansons und lieblich plinkernden Spieluhren und brechtschem Theater und Musik, Zärtlichkeit und Furor, Wohlklang und Kakophonie. Sie radierten Gitarre und Baß aus dem Klangbild, feierten in Anakreons Kellergewölben und zelebrierten dort Wein, Weib und Gesang im Schattenreich.

Nun naht die Wiederbegegnung. Und während einen das erste Album noch wie ein verdeckter Schuß aus dem Hinterhalt ins Mark traf, ist die Begegnung mit "Yes, Virginia...", dem neuen Liederzyklus, anders. Was vorher fehlte, gibt es diesmal: eine Vergleichsfolie. So ist das Staunen abgeebbt. Man kennt inzwischen, was letztes Mal noch rasend neu war, und doch: Es kribbelt noch immer. Zwei Töne hüpfen aus Amanda Palmers Flügel, spielen miteinander Bockspringen und werden nach wenigen Takten von Brian Vigliones vertrackt bollernden Grooves durchgeschüttelt. Das Klavier hält dagegen, läßt die Baß-Oktaven brodeln. Und dann begegnet uns auch wieder Amandas rotweinschwangerer, düsterer Alt und turnt mit ihrem kehligen Timbre durch sämtliche emotionalen Extreme: niedliche Verliebtheit, Lustschmerz und Verzweiflung, empörte Wut oder pochende Kopfschmerzen nach durchsoffenen Nächten. Mal schnurrt sie samtweich, wenig später röhrt sie aus voller Kehle, flüstert lasziv und verdorben, seufzt sehnsüchtig oder quiekt abgehackt und hysterisch wie eine Maus, auf die versehentlich einer mit dem Gummistiefel getreten ist. Der Anschluß an den Vorgänger gelingt nahtlos. Hauchzart hingetupfte Klangfolgen zerspringen im anschließenden Erdbeben, das sich mit zerschmetternder Wucht selbst zerbröselt und in neuerlicher Harmonieseligkeit auflöst.

Auch auf "Yes, Virginia..." kraxeln liebliche Melodien weitab vom musikalischen Rest der Welt durch Schuttberge, wimmelt es von dynamischen Achterbahnfahrten, unerwarteten Biegungen und Brech(t)ungen, kniffligen Rhythmen und erstaunlichen Modulationen. Noch immer weht ein Hauch androgyner Schauerromantik durch die Lieder. Auch diesmal weigert sich Amanda gegen Blätter vor dem Mund und singt keck und unverblümt von ihren trunksüchtigen Kumpanen, vom ersten Orgasmus, Selbstbefriedigung, Holocaust, Zahlenmystik, Präsidenten und Terroristen oder Wandel in ihrem Sexleben. Gemeinsam knattern die beiden durch halsbrecherische Punkpolkapassagen wie in "Modern Moonlight", spielen sich gegenseitig schwindelig, scheppern sich in "My alcoholic friends" oder "Mandy goes to med school" genüßlich durch Swingkaskaden, tanzen in "Shores of California" durch verschmitzte Synkopen und rhythmische Verschiebungen, werfen in "Dirty business" den Chansonfrosch mit genüßlicher Wucht gegen die nächste Backsteinmauer, stolpern bei "Mrs. O" durch verbitterte Walzerdrehungen und dümpeln dann wieder mit einer gemütlichen Luftmatratze auf beinahe unbewegten dunklen Meeren der Ruhe, wie in "Delilah", "Me & the minibar" oder dem tieftraurigen "My first orgasm".

Die leisen und zarten Töne bekommen mehr Raum auf "Yes, Virginia...". Im Hintergrund schwummert indes permanent die Gefahr, daß im nächsten Moment ein See-Ungeheuer durchbricht und sich gischtschäumend auftürmt. Und dann: Was ist das? In "Sing", dem vielleicht eingängigsten Stück der Scheibe, schrubbelt eine gemütliche Akustikgitarre. Und dann singt Amanda auch noch "Life is no cabaret". Doch nicht? Selbstironisch spielen sie mit den Klischees, die ihnen übergestülpt werden. Sie haben aber mit Samthandschuhen ein wenig die Schrauben nachjustiert und umgeräumt in ihrem musikalischen Skurrilitätenkabinett. Hinter den rotweinfleckigen Samtvorhängen sind ihre seltsamen, vorrückwärts gewandten Stücke ein klein wenig zutraulicher geworden. Doch Vorsicht: Sie sind nicht weniger bissig. Du solltest besser aufpassen.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • My alcoholic friends
  • Dirty business
  • Shores of California

Tracklist

  1. Sex changes
  2. Backstabber
  3. Modern moonlight
  4. My alcoholic friends
  5. Delilah
  6. Dirty business
  7. First orgasm
  8. Mrs. O
  9. Shores of California
  10. Necessary evil
  11. Mandy goes to med school
  12. Me & the minibar
  13. Sing

Gesamtspielzeit: 55:23 min.

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User Beitrag
Mixtape
2008-10-01 20:25:01 Uhr
Ich höre das Album gerade mit einer Träne im Knopfloch. Amanda solo kann die Band leider nicht ersetzen, denn was wäre etwa "Backstabber" ohne Brians famoses Schlagzeugspiel. Gerade live war das auch beeindruckend.
http://de.wikipedia.org/wiki/Coverversion
2007-03-14 23:46:20 Uhr

...
Tamara
2007-03-14 23:42:24 Uhr
Ich glaube, die Frage, welche ich im Begriff bin zu stellen, ist ein wenig dämlich, besonders, da ich die Antwort mal wusste, aber trotzdem:

Wie kommt es, dass der Song "My Doorbell" von den Dresden Dolls und von den White Stripes ist?!
Sind ja jetzt nicht verschiedene Lieder, sondern schon die gleichen...

Ich bitte um Aufklärung!
Mixtape
2007-02-27 21:49:47 Uhr
Am 2. März erscheinen beide Alben der Band neu.Kennt jemand den Grund? Neues konnte ich bei Amazon nicht darauf entdecken.
Armin
2007-01-23 13:27:14 Uhr
THE DRESDEN DOLLS: So ein Theater! - 23.01.2007



Die Dresden Dolls (http://www.roadrunnerrecords.de/artists/DresdenDolls/) haben sich die letzten 40 Nächte ihrem Theaterstück „The Onion Cellar“ gewidmet und nun abgeschlossen. Jetzt ist erstmal Pause.

Um euch über das Stück zu informieren, geht auf die neu erstellte Seite auf der Band Homepage (http://www.dresdendolls.com/theonioncellar/) und schaut euch die schönen Fotos und Bilder an.

Ausserdem könnt ihr euch immer über die Band auf deren MySpace Seite (http://www.myspace.com/dresdendolls) informieren. Amanda hat ihr eigenes Myspace-Profil unter www.myspace.com/whokilledamandapalmer und Brian auf www.myspace.com/brianviglione.

Für alle, die über die Band diskutieren möchten, steht das Dresden Dolls Forum (http://www.theshadowbox.net/ddbb/) zur Verfügung.



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