Britta - Das schöne Leben

Britta- Das schöne Leben

Flittchen / Indigo
VÖ: 07.04.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Blütezeit

Das Leben ist wie der Kirschbaum auf dem Cover des neuen Britta-Albums. Es gibt Phasen leuchtender Blüte und solche, in denen nichts als karge Trübheit herrscht. Es schwankt zwischen lustig und frustig. Wie soll man sich in dieser Gefühlkirmes eigentlich zurechtfinden? Den Kopf in den Sand stecken? Gilt nicht! Erhobenen Hauptes durch den Alltag wandern? Manchmal allzu beschwerlich! Von genau diesen Widrigkeiten können Britta ganze Lieder singen. Ganz früher war ein Teil der Damen die tollen Lassie Singers, dann wurden sie das Frauenquartett Britta und machten traurig melancholischen Alltagspop. Seit nunmehr zwei Jahr ist Schlagzeugerin Britta Neander nun verstorben, die der Band erst ihren schönen Namen gab. Die, die nicht so heißen, machen nun in ihrem Namen weiter: Sie stecken den Kopf in den Sand und laufen dennoch erhobenen Hauptes durch die Welt. Britta haben ein wirklich tolles Album gemacht. Es heißt "Das schöne Leben".

Wer vermutet, im Albumtitel würde kräftig der Ironiebutton gedrückt, der liegt eigentlich falsch. Denn die zwölf Britta-Songs des neuen Albums sind allesamt echte Zeugnisse einer grundlegenden Lebensbejahung, die schon der Vorgänger "Lichtjahre voraus" andeutete. "Depressiver Tag, du machst mich frohohohoh", singen sie im ersten Song und strecken der Tristesse die Zunge raus. Ätsch! Eben gerade darin liegt die Faszination des Albums: In dem Ruck, den man sich gibt, damit man aufsteht, wenn eh alles schon Käse ist.

Inhaltlich geht es diesmal weniger um Liebe als vielmehr um Klassenverhältnisse, Prekarisierung und Erschöpfung im Nachtleben. Klingt abstrakt, wenn man das so ohne die Erwähnung von Songs liest. Die passenden Titel zu dieser Befindlichkeit jedoch nehmen Dich allesamt in den Arm. Ein Lied wie "Seltsam seltsam" hätte, wäre dieses hier eine gerechtere Musikwelt, das echte Zeug zum Sommerhit. Feiner Trost: "Seltsam seltsam, es ist gar nicht so schlimm / Und es geht auch schnell vorbei / Seltsam seltsam, wie wenig unglücklich ich bin / Das liegt wohl an der Sommerzeit." Oder "Büro Büro", jener prächtige Song über die Schönheit der Arbeitsverweigerung. Große Klasse! Und auch "Wer wird Millionär?" räumt auf mit den Reichen und Schönen (und eben nicht mit denen, die bei Jauch auf dem Barhocker zittern). Sollen die anderen doch Millionen scheffeln, wir haben ja unsere kleine Szene!

"Das schöne Leben" kennt auch die Seiten bedächtiger Zurückhaltung. Manchmal ein wenig zu müde, wie im Mittelteil, wo das Album mit "Monster" kurz abfällt. Aber dann: "Du sprichst in Rätseln" und das zeitanzweifelnde "24 Stunden sind kein Tag". Wunderschön, trotz (oder wegen) der melancholischen Grundstimmung. Und wo wir gerade dabei sind: Einen schöneren Post-Party-Song als "Heimi Heimato", in dem Britta sehnsüchtig Kissingen und Bettingen zurücksehen und im Grunde nur dahin wollen, wo keiner hin will, kann es wohl kaum geben. Diese finalen Verse, die fast in einem Ton-Steine-Scherben-Outro enden (eine Referenz an Britta Neander, die früher bei den Scherben spielte?): "Kann nimmer, kann nimmer, kann nimmer, Ohohohohoho", singt die Rösinger es wie Rio Reiser. Das will nicht mehr aus dem Kopf, auch wenn es schon arg theatralisch klingt. Aber so sind Britta: Großmeisterinnen der Emotionen und Feinanalystinnen der Indie-Slacker-Befindlichkeit dieser Zeiten. Wir wünschen uns, daß sie noch lange erhalten bleiben und immer wieder zurückkommen. Wie die Kirschbäume unserer Hintergärten.

(Sebastian Peters)

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Highlights

  • Depressiver Tag
  • Seltsam seltsam
  • Büro Büro

Tracklist

  1. Depressiver Tag
  2. Wer wird Millionär?
  3. Du sprichst in Rätseln
  4. Menschenfeind
  5. 24 Stunden sind kein Tag
  6. Seltsam seltsam
  7. Monster
  8. Ballade pour m.
  9. Ich und Es
  10. Dieses Mal
  11. Büro Büro
  12. Heimi Heimato

Gesamtspielzeit: 40:16 min.

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