Ostinato - Chasing the form

Ostinato- Chasing the form

Exile On Mainstream / Soulfood
VÖ: 31.03.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

3D-Ansicht

Jeder kennt sie. Die kleinen Momente im Leben, in denen man ratlos dasteht. Ratlos deswegen, weil Künstler oder manchmal sogar irgendeine x-beliebige Person etwas vollbringt, was einen in stundenlanges Staunen versetzt. Dieses anerkennende Staunen, bei dem man sich die ganze Zeit fragt: "Verdammt, wie macht der denn das bloß?" Und dann fühlt man sich richtig klein und unbedeutend und grübelt die ganze Zeit, wie das alles vonstatten geht.

Das letzte Mal trat hier dieses Gefühl beim Betrachten der Gemälde von Julian Beever auf. Er ist kein gewöhnlicher Straßenmaler, sondern seine Zeichnungen haben eine Besonderheit: Aus dem richtigen Winkel betrachtet erscheinen diese dreidimensional. Bekommt man dies mit, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als mit offenem Mund einzufrieren. Bei "Chasing the form" ist das kein Millimeter anders, und auch Effekt ist der gleiche. Es kommt eben immer auf den Ausgangspunkt der Betrachtung an.

Ein Baß, eine Gitarre und ein Schlagzeug. Das reicht für viele gerade so zur Punk-Musik. Doch aus dem richtigen Winkel einmal an der Box gelauscht, scheinen diese drei Instrumente zu einem ganzen Orchester zusammenzuschmelzen. Und das in all seinen Facetten. Da ist man erstmal sprachlos. Wobei "sprachlos" auch schon die erste Neuerung ist. Griffen Ostinato auf ihren Vorgängern noch des öfters auf Gesang oder Geschrei zurück, so wird dies jetzt auf ein Minimum reduziert. Abgesehen von ein paar Samples, handelt es sich um reine Instrumentalmusik. Der Verzicht ist keineswegs ein Rückschritt, denn auch ohne Gesang wird die Stimmung und Emotionalität perfekt zugespitzt. Und ohnehin wissen ja alles jetzt, daß Sprachlosigkeit manchmal mehr ausdrückt, als der krampfhafte Versuch irgendwelche scheinbar passenden Worte zu finden.

Tüpfelchen auf dem i, was beispielsweise die dramatisch epischen Wellen von "Latitude" nicht vollends ausufern läßt und im Hintergrund auch einen gewissen dreidimensionalen Effekt erzeugt, sind ganz sachte Sprachchöre, minimalistische Keyboardflächen oder auch geschwungene Sägen. Vereinzelt auch das eine oder andere Mal verschiedene Bläser. Doch Ostinato verlieren diesmal nicht das Ziel vor Augen. War "Left from far behind" teilweise etwas verstreut und wußte nicht so recht, wohin die Reise geht, so werden jetzt die Instrumente konzentrierter eingesetzt. Zugespitzt auf ein Ziel, das Entstehen von ellenlangen Assoziationsreihen. Das Entstehen eines weitläufigen Soundgewitters, was einen umhüllt.

Und da wären wir wieder bei Julian Beever. Oberflächlich mal kurz nebenbei angeschaut erscheinen seine Bilder durch verzogene Perspektiven deformiert. Ostinato bestehen im Grunde auch nur aus einer Gitarre, Baß und Schlagzeug, aber mit dem richtigen Winkel eröffnen sich auf "Chasing the form" 49 Minuten lang gewaltige Melodien, ohne eine Sekunde Ausnahme. Anerkennenung ist dann wohl das Mindeste, was sie verdienen. Aber wie die das bloß machen, bleibt ungeklärt. Seltsam, seltsam.

(Christoph Schwarze)

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Highlights

  • Goal of all believers
  • Latitude

Tracklist

  1. Goal of all believers
  2. Monkey gestures
  3. Antiaircraft
  4. The art of vanishing
  5. Latitude
  6. Between the years
  7. Volant

Gesamtspielzeit: 48:58 min.

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User Beitrag
virginia1
2018-04-30 19:56:10 Uhr
Live damals auch eine Macht

boneless

Postings: 2199

Registriert seit 13.05.2014

2018-04-29 22:11:24 Uhr
Mal den richtigen Thread nutzen (im "Was hörst du gerade?"-Bereich geht das so schnell unter), um mal wieder mit Nachdruck darauf zu verweisen, wie großartig diese Band war. Da mir gestern auffiel, dass Rockets Fall on Rocket Falls von Godspeed mich sehr an Goal of all Believers erinnert (bzw. umgekehrt), nutzte ich diese Erinnerung, um mir Ostinato mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. Und meine Güte, wie Chasing The Form erneut einschlägt, es ist unglaublich. Ohne Frage unter den Top 5 der besten Postrockwerke seit 2000 (oder auch: überhaupt), mit Arrangements bestückt, die auch heute kein bisschen angestaubt wirken, sondern den Zuhörer in die gleiche Trance versetzen wie beim Erstkontakt. Monumentales wie Goal of all Believers, Anitaircraft (die Trompete!) oder Latitude sind Paradebeispiele dafür, wie ein Postrocksong zu klingen hat.
Ich hoffe seit Jahren auf eine Reunion, zu ihrer aktiven Zeit war mir der Live-Zugang auf Grund von zu großer Entfernung und fehlendem fahrbaren Untersatz leider verwehrt...
Die Werbepause
2013-07-16 14:19:51 Uhr
Sorry, dass ich das Forum hierfür nutze, aber vielleicht ist ja der ein oder andere Fan der Band auf der Suche nach einem Plakat der Band.

Ich biete gerade einen 2007er Siebdruck auf eBay an.
toolshed
2010-02-01 03:08:11 Uhr
Vorhin seit langer Zeit wieder "Latitude" zu Ohren bekommen, und ich muß sagen, es ist schon weltmeisterhaft, was diese drei (!) Musiker hier geschaffen haben.
der aha
2009-03-17 12:24:05 Uhr
Gestern deren letzten Konzert gewesen. Wirklich sehr sehr schade. Vor allem, da sie doch recht oft in unseren Gefilden unterwegs waren. Eindruck des gestrigen Abends in einem Wort: Großartig!
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