The Flaming Lips - At war with the mystics

The Flaming Lips- At war with the mystics

WEA / Warner
VÖ: 31.03.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Masters of unreality

Manche Leute haben die Antworten zu Fragen, die man sich als Normalsterblicher gar nicht erst stellen würde. Ein Chemiker erklärt Dir die Welt in drei Atomen, gut informierte Darwinisten schaffen es in fünf Schritten vom Affen zum Menschen, und Wayne Coyne weiß über den ganzen Rest Bescheid. "With all your power / What would you do?" Solche Sachen schwirren einem mit 44 im Kopf rum, wenn man weiße Anzüge aufträgt und das Mastermind der ganzen Popmusik Flaming Lips ist. Das Stück zur Frage heißt "The yeah yeah yeah song", quietscht und oinkt mal wieder vor lauter Ideen und deutet auch schon an, in welche Richtung es diesmal gehen wird. Das ganze Universum in zwölf Etappen, so weit wohl der Plan. Oder wenigstens eine weitere Platte, mit der alles möglich ist.

Die ursprüngliche Geschichte zu diesem Album (es gibt natürlich eine): Ein Zauberer befindet sich irgendwo im Weltall auf der Suche nach einem galaktischen Supernovacluster, der zufällig aussieht wie eine nackte Sternenkönigin mit weit gespreizten Beinen, ist ja klar. Jedenfalls: Der Zauberer will nun sein Raumschiff in die Vagina dieser Sternenkönigin steuern, um sich dort dann in den chemischen Sohn Gottes zu verwandeln und möglichst zum Mittagessen wieder zuhause sein. Zwischendurch werden auch ein paar Dimensionen gewechselt. Und die Flaming Lips vertonen alles und nichts davon als gesunde Mischung aus abgebrannter Funkband, abgehobenen Prog-Rockern und abgedrehtem Kosmo-Pop-Kommando. Man könnte also auch sagen: Sie sind hier ganz prima in ihrem Element, mal wieder.

Aber mit der Realität ist es dann ja auch immer so eine Sache. Coyne und Co. hatten es sich gerade gemütlich gemacht als Maden im Space-Speck, fummelten sich mit komischen Gitarreneffekten um den Verstand und genossen die wunderbare Schwammigkeit der eigenen Ideen, als plötzlich der mit dem wichtigen Daddy wiedergewählt wurde. Die Welt bekam eine ordentliche Delle ab; reingefahren von Kriegstreibern, Selbstmordattentätern und sonstigen Fanatikern. Und bei so was hört dann sogar die Vorstellungskraft der Flaming Lips auf. "At war with the mystics" - letztere sind hier vor allem Bush und seine Erleuchteten - fällt auch keine bessere Erklärung ein als: sind alle verrückt geworden. Aber es klingt immerhin wie das erste Protestalbum, das von Außerirdischen aufgenommen wurde.

Die Flaming Lips kommen also an mit einer Quarktasche von einer Platte, stellen sich hin vor den Anführern der freien Welt und fragen: Wer sind denn hier die Bekloppten? So cool muß man erstmal sein. Und die Musik dazu gehört ja sowieso wieder ins Fisher-Price-Tapedeck eines jeden neugeborenen Babys, weil sie die Welt auf den Arm nimmt, durch die Gegend trägt und nie mehr runterläßt, wenn man will. Das ramponierte Gezerre von "Free radicals" kippt dem alten Prince eine Ladung LSD ins Schampus-Glas. Die Sirenen aus "Mr. ambulance driver" dröhnen irgendwann wie das gemütliche Surren einer Zuckerwattemaschine. Und zeitgleich mit dem grandiosen Pomp-Floyd-Bombast von "Pompeii am Götterdämmerung" geht auch unsere schöne Nationalhymne plötzlich los. Deutschland ist Wayne? Jetzt aber schnell die Hand ans Herz.

Zugegeben: Aus den versprochenen harten Gitarren ist nur selten was geworden, und überhaupt muß man sich die Songs unter all dem Sound erst ein bißchen zusammensuchen, bevor es losgehen kann. Sie lungern irgendwo im letzten Eck von uferlosen, großzügig belegten Trackentwürfen rum oder schleichen sich durch Geheimgänge an wie im Fall der Feuerwerks-Vorabsingle "The W.A.N.D.". Aber einmal immerhin kriegt man sogar etwas geschenkt, ganz am Ende mit der unverstellten Edelschnulze "Goin' on". Sie läßt das kämpferischste Kindergartenalbum aller Zeiten doch noch auf einer versöhnlichen Note ausglühen. Und man muß den Lips nicht nur das hoch anrechnen. In diesen unbequemen Zeiten noch hier zu sein und Mut genauso wie Stunk zu machen, statt das All nach lustigem Weltraumsex zu durchsuchen? Man nennt es wohl Zivilcourage.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • The yeah yeah yeah song
  • The W.A.N.D.
  • Pompeii am Götterdämmerung
  • Goin' on

Tracklist

  1. The yeah yeah yeah song
  2. Free radicals
  3. The sound of failure / It's dark ... is it always that dark??
  4. My cosmic autumn rebellion
  5. Vein of stars
  6. The wizard turns on ...
  7. It overtakes me / The stars are so big, I am so small ... do I stand a chance?
  8. Mr. ambulance driver
  9. Haven't got a clue
  10. The W.A.N.D.
  11. Pompeii am Götterdämmerung
  12. Goin' on

Gesamtspielzeit: 54:56 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2016-10-11 10:58:57 Uhr
wohl auch ging die Kindergeburtstagsatmosphäre der damaligen Konzerte und Waynes angebliches "Indie-Messisas"-Gehabe seinerzeit vielen zunehmend auf den Senkel,

Also die Konzerte sind doch immer so. Hab sie 2010 sowie 2012 gesehen und es war fantastisch. Von daher waren das offensichtlich Fans, die sie nie live gesehen haben.

Felix H

Postings: 2084

Registriert seit 26.02.2016

2016-10-11 10:32:54 Uhr
Für mich nur "sehr gut" - die Kritik der Fans, die du angesprochen hast, teile ich ebenfalls. Vielleicht ist auch das Problem, dass davor und danach einfach deutlich bessere Alben kamen.
Die Übersteuerung gibt es ja auf jeden Lips-Album seit "The Soft Bulletin" - auf "Embryonic" war das noch ein bisschen krasser als auf "Mystics". Aber ja: gehört zum Sound dazu.
Prog-Nose
2016-10-11 10:26:21 Uhr
Aber sicher. Ein Spitzen-Album.

Wurde (und wird) ja von vielen Hardcore-Lips-Fans als eher nur so mittelprächtig bewertet, wohl auch ging die Kindergeburtstagsatmosphäre der damaligen Konzerte und Waynes angebliches "Indie-Messisas"-Gehabe seinerzeit vielen zunehmend auf den Senkel, aber im Nachhinein muss ich dieses Album einfach als ein definitives Highlight ihrer Karriere bezeichnen. So farbenfroh und abwechslungsreich wie eigentlich kein anderes ihrer Alben, Spitzenproduktion auch (trotz dem üblichen Dave-Fridmann-Loudness-Übersteuern, ist halt hier Stilmittel)

Allein das ergreifende "Vein Of Stars"..., habs in letzter Zeit auch wieder mal rausgekramt, passt m.E. auch gut in den Herbst irgendwie...

The MACHINA of God

Postings: 8650

Registriert seit 07.06.2013

2016-10-09 18:27:54 Uhr
Die müsste ich echt auch mal wieder...

Gordon Fraser

Postings: 891

Registriert seit 14.06.2013

2016-10-09 18:18:59 Uhr
Schon länger nicht mehr gehört, und siehe da: so gut wie gerade eben hat mir die Platte noch nie gefallen. Wie stark ist denn "The Sound of Failure"? Und auch "Mr. Ambulance Driver" hat vorher noch nie so bei mir gezündet. Starke 8/10 für mich.
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