Boysetsfire - The misery index: Notes from the plague years

Boysetsfire- The misery index: Notes from the plague years

Burning Heart / SPV
VÖ: 24.02.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nach der verlorenen Zeit

Der Hardcore braucht seine Feindbilder. In einer perfekten Welt würde es all diese grantelnden Bands wahrscheinlich nicht mehr geben. Oder könnte sich ernsthaft jemand vorstellen, wie At The Drive-In "Oh happy day" intonieren? Wie sich Propagandhi an der Erquicklichkeit des Lebens laben? Oder wie sich Sick Of It All in Pleased With It All umbenennen, Rise Against in Be Glad About und Raised Fist in Pocket Billard? Na also. Insofern sind Boysetsfire fein raus. Sie haben einen funkelnigelnagelneuen Gegner gefunden, gegen denen es sich aufzulehnen lohnt. Da kocht die Galle. Gurgelgurgel.

Der ultraböse Bösewicht heißt hier nicht Dr. Evil, nicht Dr. No und nicht mal George Double-U. Sondern Wind-Up, das Label von Evanescence, Creed und deren Wurmfortsätzen. Boysetsfire waren einst so töricht, bei jenem Ableger des Sony-Musikgiganten einen Vertrag zu unterschreiben. Und die bösen Jungs vom Label malträtierten sie bis zum Gehntnichtmehr mit psychischer Gewalt: Eine Single wollten sie bei Wind-Up, unbedingt, am besten Nickelback im Quadrat. Und sie wollten Boysetsfire sogar einen Co-Songwriter zur Seite stellen, um ihren neuen Fang gewinnbringend unters Volk zu werfen. Ja, sie seien den Herren Boysetsfire sogar derart auf den Keks gegangen, daß diese nach einem Album entnervt ins schwedische Exil von Burning Heart geflüchtet sind. Um dort ein Album zu veröffentlichen, bei denen sich gefühlte 24 der 13 Songs mit besagtem Martyrium von Boysetsfire befassen.

Weil eine einzige Breitseite im Titel des Albums nicht genug gewesen wäre, haben sie jenes gleich "The misery index: Notes from the plague years" genannt. Los geht es mit "Walk astray", das zunächst eine romantische "Du und ich gegen die Welt"-Vision wäre, wäre da nicht diese Zeilen gegen Ende hin: "But you and me, we can live like thieves / On the dreams that we stole from their fears / Casting pearls before swine." Welches Dreckschweinderl hätten's denn gern? Und weiter mit dem Vergnügen: Es folgt "Requiem", ein Stück, das wieder in persönlicher Zweisamkeit beginnt und nicht lange dabei bleibt. Und dieses "Requiem" ist der - hört, hört! - vielleicht poppigste Song der Boysetsfire-Geschichte. Da hätten sich die Singlewoller die Hände gerieben. Jetzt werden sie wohl eher nicht amused sein: "He sighs: 'I'm quickly burning out / All that's left of me are jaded memories / Of what I could have been / If I had only been less of what they wanted.'" Und im Refrain dann: "This is not our requiem / We're wasting time as victims / Why spend our lives on bended knee? / Choosing not to be free?" Das kann man auf die eine Weise verstehen, aber auch auf die andere.

So geht es fröhlich weiter auf der Platte: Die Texte sind allgemeingültig genug, um reichlich Identifikationspotential für die Hörer zu behalten. Aber wenn man unter die Oberfläche linst, schwingen stets die Fäuste gen Ex-Label. Soll uns eigentlich egal sein. Denn: Die Platte ist definitiv ein kleiner Fortschritt gegenüber dem etwas halbgaren "Tomorrow come today". Und zumindest konsequent. Boysetsfire reichen einiges Überraschendes wie "Falling out theme" mit System-Of-A-Down-Gedächtnis-Zwischenteil, das siebeneinhalbminütige, etwas zu tief in den Metal getunkte "A far cry" oder den Beinahe-Ska von "Deja coup". Auch etliche garantiert radiountaugliche Reißer wie "Final communiqué" und "So long... and thanks for the crutches" mit Mundharmonika (!) im Zeter-Refrain. Und vor allem bieten Boysetsfire, man stelle fest und staune, Popsongs im halben Dutzend: die schnulzig-schöne Akustikballade "(10) and counting". Das kaum minder getragene "With cold eyes", wo Nathan Grays Stimme zu Hochform aufläuft. Und vor allem die schnörkellose Riesenhymne "Empire", die besagtem "Requiem" noch die Krone aufsetzt. Klar, derartige Songs gab's auch schon auf "After the eulogy". Aber inzwischen haben Boysetsfire den Post-Hardcore-Popsong perfektioniert. Ein Unding, unter diesen Vorzeichen.

Ach ja, man sagt doch, die Skandinavier lachen zu wenig. Läßt sich ändern. Ein kleiner Tip an die schwedischen Labelmacher von Burning Heart: Greift doch bei Gelegenheit zum Telefonhörer und klingelt bei Nathan Gray durch: "Hey, Alter, is' ja ganz gut geworden, Eure neue Pladde, aber wir hörn da irgendwie nich' so die Single drauf. Könntet Ihr nicht nochma ins Studio ..." Dann am besten schnell aus dem Staub machen. Und sich für 2007 schonmal auf das Nachfolgealbum "The misery index II: The jerks from the second label were motherfuckers, too" freuen. Das wird ein Fest!

(Armin Linder)

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Highlights

  • Requiem
  • Empire
  • With cold eyes

Tracklist

  1. Walk astray
  2. Requiem
  3. Final communiqué
  4. The misery index
  5. (10) and counting
  6. Falling out theme
  7. Empire
  8. So long... and thanks for the crutches
  9. With cold eyes
  10. Deja coup
  11. Social register fanclub
  12. Nostalgic for guillotines
  13. A far cry

Gesamtspielzeit: 50:44 min.

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User Beitrag
+++werbung+++werbung+++
2014-01-31 10:29:58 Uhr
bei green hell gibt es z.zt. eine auf 300 stück limitierte lp-version. in gold!

schon fast ausverkauft!
rotzfrech
2011-06-26 15:02:36 Uhr
@Fabi

"Aber sonst bleibt einfach nix hängen..." - Hast du Ohrenkrebs? Das ist wohl DAS Album wo so gut wie jeder Song nach nur wenigen Hördurchgängen hängen bleibt aber nicht abstumpft. Geniale Platte, mehr bleibt nicht zu sagen
Bonanza
2010-02-04 12:14:37 Uhr
Es war ja klar,dass ich mit der Aussage ziemlich alleine dastehen werde, aber dass ich hier jemand dazu entblöden lässt,eine Meinung als albern abzutun find ich schon hochgradig stumpfsinnig.
Klar, After the Eulogy hat "Rookie" und den Titelsong aber imo auch einiges an Füllmaterial. Da finde ich eben The Misery Index wesentlich agiler. Das Teil bewegt sich irgendwo zwischen Pop und Hardcore, bricht in alle Richtungen aus und ist nicht sofort zu kriegen. Aber dabei kommen halt Songs wie Walk Astray,Final Communique,So long...,A Far Cry,Empire,(10)and counting usw raus. Die kommen für sich allein stehend vielleicht nicht an Rookie ran aber ergeben das stärkere Album.
@eric:
Joa, "rookie" und "after the eulogy" und sonst? "when rhetoric dies" haut mich nicht um,da würde ich eher "across five years" mit auflisten
eric
2010-02-04 10:10:17 Uhr
The Misery Index steckt After the Eulogy locker in die Tasche. Im Vorbeigehen!

Hm?? Nenne mir bitte vergleibar Gutes wie den Titelsong, "Rookie" oder "When Retoric Dies" etc., etc. auf ihrer Abschiedsplatte? (Die ja nun nicht schlecht ist, nein...)
...
2010-02-04 10:07:53 Uhr
The Misery Index steckt After the Eulogy locker in die Tasche. Im Vorbeigehen!

albern.
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