The Double - Loose in the air

The Double- Loose in the air

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 17.02.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Zucken im Vakuum

Filmriß? "Loose in the air", das neue Album der New Yorker Querköpfe von The Double, ist wie das gleichermaßen verstörende und faszinierende Déja vu eines seltsamen Rausches, aus dem Du gerade erst erwacht bist. Über den Kopf gestülpt scheint ein Astronautenhelm mit Visier aus Milchglas, schwer wie ein Dutzend Walfische. Der Mund ist eine übersäuerte Wüste. Ausgelaugt wälzt Du Dich im Bett hin und her. Auch das Hirn windet sich in Krämpfen, als Du es aufforderst, sich zu erinnern, was gestern nacht passiert ist und wie Du überhaupt nach Hause gekommen bist. Nur zögerlich schleichen verstreute Erinnerungen in zerrupften Lumpenfetzen zurück ins Bewußtsein.

Anderthalb Minuten lassen die New Yorker Jungs Dich alleine. Nur Du und diese unheimlichen Geräusche. Von irgendwoher gnurpst, scharrt, fiept und flüstert es, ehe sich die ersten Gitarrenakkorde in Deine Richtung verirren. Durch den Klangnebel buddelt sich ein dumpfes Tuckern - der rostige Diesel eines Geisterschiffs? Die Gitarre kreischt. David Greenhills Gesang schliddert um die Ecke. Kurze Zeit später findet Dein Ohr endlich ein wenig Halt. Eine Bassdrum pflügt sich mit stoischer Ruhe durch den verrückten Klangsalat. Leicht lichtet sich der Nebel, die amorphe Verwirrung weicht klareren Konturen. Es groovt, Dein Tanzbein zuckt, ehe Dich der Refrain mit krachender Wucht erwischt und Dich Purzelbäume schlagen läßt. "Up all night", der Opener, gibt die Marschroute vor. Hier paaren sich surreale Alpträume und frühlingsfrische Melodien, brodelnde Tanzflächenkracher und außerirdische Orientierungslosigkeit, zuckende Hyperaktivität und taumelndes Phlegma. Nicht immer wissen sie selbst, wohin genau die Reise eigentlich geht, aber sie turnen auf enorm spannenden Wegen, bei denen sie sich einen Dreck um die Luftlinie scheren, frei nach dem Motto: "Umwege erhöhen die Ortskenntnis."

"Loose in the air" ist eine Zeitmaschine, in der die Drähte offen liegen. Sie heizt sich und Dich auf, irgendwann tropft der Schweiß von der Decke und sorgt für einen kleinen Kurzschluß. Dann rappelt und stottert sie plötzlich, katapultiert Dich innerhalb kürzester Zeit erst dreißig Jahre zurück und dann voraus. Nach dem furiosen Auftakt mit "Up all night" und den beklopptgenialen Knallern "Idiocy" und "Icy" mit quiekender Schweineorgel, windschiefen Gitarren im Weltraumanzug, einschmeichelnden und einstürzenden Melodiebauten, kristallklaren Klavierkaskaden und schweißtreibenden Rhythmen sinkt der Bluthochdruck plötzlich rapide. Greenhill und Co. entdecken in "Ripe fruit" doch tatsächlich die Langsamkeit. Zerfasertes Glockenspielgeklingel, ein Fender-Rhodes mit dicken Augenringen, erschöpft scheppernde Zeitlupenbeats, Schweißflecken in der Achselhöhle. Kleine Detonationen im Hintergrund. Die Nervenbahnen glühen. Kurz streifen sie orientalische Skalen und marsvoltaeske Salsamanie im wirr pumpenden "Hot air".

Dann klatschen in "What sound it makes a thunder" düsterer Doomrock, beschwingte Hot-Hot-Heat-Orgelschwaden und torkelnde Pavement-Gedächtnis-Gesänge gemeinsam gegen die Wand. Sie erschaffen in Frankensteins Labor mit der verhallten Ballade "In the fog" einen ebenso liebenswerten wie unheimlichen Dämon, der eigentlich schon perfekt auf Pink Floyds "The wall" gepaßt hätte, ehe sie Dich im furiosen "Dance" alle bisherigen Phasen des Trips noch einmal in Kompaktform durchleben lassen. Und Dich mit dem psychedelischen Art-Rocker "Busty beasty" im magischen Bus von Timothy Leary vor Deiner Haustür rauswerfen. Hier hat die Methode Wahnsinn. The Double schicken Dich mit "Loose in the air" auf eine verwirrende Achterbahnfahrt durch die knallbunte Düsternis der menschlichen Psyche. Erschreckend betörend.

(Ole Cordsen)

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Highlights

  • Up all night
  • Idiocy
  • Ripe fruit

Tracklist

  1. Up all night
  2. Idiocy
  3. Icy
  4. On our way
  5. Ripe fruit
  6. Hot air
  7. What sound it makes the thunder
  8. In the fog
  9. Dance
  10. Busty beasty

Gesamtspielzeit: 43:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
jonboysilver
2006-02-23 21:22:06 Uhr
klasse text. und die platte muss ich wohl mal ausprobieren.
Roger
2006-02-21 20:39:24 Uhr
Gefällt mir auch klasse.
Armin
2006-02-21 17:31:01 Uhr
Der Mann heißt wirklich so und hat auch (siehe Archivsuche) schon über 30 Platten ohne OLE-Nummer für uns rezensiert.
fakeboy
2006-02-21 17:21:17 Uhr
die rezi von ole cordsen gehört zu den besten, die ich hier je gelesen habe! sprachakrobatik auf hohem niveau, aber nicht als selbstzweck, sondern die platte wirklich aufs genaueste beschreibend. hör mir grad das album an und versuch, die passenden worte dazu zu finden. und der ole hat sie alle schon niedergeschrieben...

ist ole eigentlich ein richtige name? wär ein lustiger zufall, denn die matador-releases haben ja immer eine nummer die mit OLE beginnt (The Double ist OLE 654-2)...
smörre
2006-02-17 19:45:59 Uhr
hmm, will nicht zupacken. Langweilt sogar. Ich weiß doch auch nicht...
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