Coldcut - Sound mirrors

Coldcut- Sound mirrors

Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 27.01.2006

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Einfallswinkel

Kaum zu glauben: Es ist fast schon zwanzig Jahre her, daß die ersten Singles aus England mit dem netten Slogan "Sorry, but this just isn't music" ausgestattet wurden. Coldcuts Sound war tatsächlich von Anfang an anders. Sie ließen nicht nur Sternchen wie Yazz oder Lisa Stansfield nette Refrains trällern, sondern auch Mark E. Smith ganze Songs zernölen. Sie ließen nicht nur ihre 808er blubbern und zerlegten nicht nur ihre Plattenspielerdiamanten auf schicken Vinyls. Sie bewarfen ihre Beats mit allem, was der Sampler hergab. Kurz: Das, was sie damals als "House Music" mit ins Leben riefen, hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem eindimensionalen Gestampfe zu tun, das später diesen Genrenamen annektierte.

Doch da waren Jonathan More und Matt Black längst woanders. In etwa zeitgleich mit Massive Attack hatten sie ihre Grooves reichlich verschlendert und so im Vorübergehen TripHop und Downbeat entdeckt. Ein kleiner Schritt für Coldcut, ein großer für die Hörerschaft. Seitdem bringen die beiden Briten nämlich nicht nur immer wieder eindrucksvolle eigene Scheiben heraus, sondern schenken der Welt mit dem feinen Ninja-Tune-Label allerlei verspulte Elektronik, die oft einer ähnlich abseitigen Klangästhetik nachgeht.

Wobei jenes "immer wieder" natürlich ein wenig eingeschränkt gehört. Die letzte offizielle Veröffentlichung unter eigenem Signet mit ausschließlich neuem Material ist nun auch schon wieder sieben Jahre her. Und doch ist "Sound mirrors" kein gegenwartsfernes Gesumme. Sondern wieder einmal eine durch und durch abgeklärte Klangbaustelle, bei der man sich kaum entscheiden kann, was besser klingt: die sorgfältige Architektur oder ihre parallel stattfindende Dekonstruktion. Durch majestätische Höhen weht immer der Wind des drohenden Untergangs, in finstersten Baßtiefen glitzern verläßlich einige funkelnde Hoffnungssplitter. Auf und ab. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

In Coldcuts Spiegeluniversum stößt man auf Zerrbilder und Gegenstücke. Man trifft den von Saul Williams düster angeklagten "Mr Nichols", einen wehmütig verführenden "Man in the garage" und den diabolisch scheppernden "Boogieman". Man gleitet auf dem mollig klackernden Elektrosoul von "Walk a mile in my shoes" entlang Richtung Selbstzweifel, schüttelt für "Just for the kick" ein paar vorsintflutliche Filter aus und singt "This silent Earth" ein flott wackelndes Requiem. Und stets bleibt im Hinterkopf das Aufputschmitel von Jon Spencer und Mike Ladd, welche die Parole des Schnodderrockers "Everything is under control" gemeinsam zur selbsterfüllenden Prophezeiung machen. Doch es braucht Geduld auf dem Weg. Keine schnelle Erlösung, kein spontaner Rettungsanker. Erst wenn sich die letzte der morbiden Klangschichten des Titelstücks entblättert hat, zeigen sich zutrauliches Scheppern und große Streicher. "Sound mirrors" ist ein wahrer Freund. Oder zumindest dessen Spiegelbild.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Man in a garage (feat. John Matthias)
  • Walk a mile in my shoes (feat. Robert Owens)
  • Mr Nichols (feat. Saul Williams)
  • Everything is under control (feat. Jon Spencer & Mike Ladd)
  • Sound mirrors (feat. London Philharmonic)

Tracklist

  1. Man in a garage (feat. John Matthias)
  2. True skool (feat. Roots Manuva)
  3. Just for the kick (feat. Annette Peacock)
  4. Walk a mile in my shoes (feat. Robert Owens)
  5. Mr Nichols (feat. Saul Williams)
  6. A whistle and a prayer
  7. Everything is under control (feat. Jon Spencer & Mike Ladd)
  8. Boogieman (feat. Amiri Baraka)
  9. Aid dealer
  10. This island Earth (feat. M'Pho Skeef)
  11. Colours the soul
  12. Sound mirrors (feat. London Philharmonic)

Gesamtspielzeit: 55:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Armin
2006-10-10 18:55:55 Uhr
Nach ihrer beeindruckenden Rückkehr mit dem Album „Sound Mirrors“ Anfang 2006 bescheren uns Coldcut Anfang November ein weiteres Highlight. Die DVD und Remix-CD „Sound Mirrors Videos & Remixes“ (Ninja Tune / Rough Trade / 03.11.2006) ist auf dem Hintergrund der audiovisuellen Pionierstellung Coldcuts die logische Fortsetzung des Albums. Insgesamt 10 Videoregisseure und diverse Bands wurden beauftragt, die Songs von Sound Mirrors visuell umzusetzen oder zu „remixen“, frei von jeglichen Vorgaben. Herausgekommen ist ein hochwertiges Package, das aufgrund seiner kreativen Vielfalt und seinem hohen technischen Anspruch in keiner Sammlung fehlen darf.


Armin
2006-05-31 19:50:14 Uhr
„Walk a mile in my shoes“, so heisst die dritte Single aus Coldcuts aktuellem Album „Sound Mirrors“. Erscheinen wird die Single Ende Juli (Ninja Tune / Rough Trade) mit großartigen Remixen von Tiga, Tom Belton, Timo Garcia und Hendrik Schwartz im Gepäck. Letzterer wird im Vorfeld schon als exklusive 12“ in Deutschland veröffentlicht. Außerdem werden Coldcut ihre famose Liveshow auch auf 2 Festivals hierzulande präsentieren, und zwar beim Juicy Beats und bei Sonne, Mond und Sterne und dabei auch die neueste Version der von ihnen konzipierten Software Vjamm vorstellen, einem Software-Tool für Montage-Komposition und -Performance, mit dem man mühelos audiovisuelle Samples in die Livesituation einbinden kann.
Armin
2005-10-26 21:44:35 Uhr
Das wird das sensationellste Comeback in 2005 / 2006! Sie gelten als Erfinder des Techno-House, sie bereicherten die 80er mit smarten Pophymnen, die heutzutage immer noch ins Ohr (und Tanzbein) gehen: Doctorin' the House (1987), Stop This Crazy Thing (1988), People Hold On (feat. Lisa Stansfield, 1988). Sie gründeten eines der stilprägendsten Electro-/Dance-Labels (Ninja Tune) und veröffentlichten in den 90ern nur noch sporadisch eigene Platten. Seit ´99 ist Funkstille. Und jetzt kommen Coldcut – nach fast 7 Jahren – zurück, mit der Single "Everything Is Under Control" (Ninja Tune / Rough Trade / 04.11.2005), einem HipHop-Rock Hybrid featuring Jon Spencer ("Jon Spencer Blues Explosion") und Mike Ladd. Und seltsamerweise gibt es derzeit kaum eine Band, die zeitgemäßer klingt als Matt Black and Jon More und deren politische Inhalte aktueller sind. Als „added value“ (so sagt man ja heute) gibt es noch reichlich Mixes auf der Single: Trevor Jackson's Underdog, Solid Groove , Ninja Tune’s DJ Kentaro, The Qemist's (auf der Promo-CD falsch geschrieben). Und die Coldcut-eigene Demoversion “Theory 0.1”. Im Februar 2006 werden sie ihr neues Studioalbum "Sound Mirrors" veröffentlichen. Zuvor erwartet uns noch eine echte „Hit“-Singleauskopplung mit dem Titel „Man In A Garage“. Auf dem Album sind – wie man es ja von Coldcut erwartet - wieder jede Menge hochkarätige Gäste dabei. Im November kommen Matt und Jon zum ersten Mal seit Jahren wieder auf Promotour und im Winter/Frühjahr werden sie jede Menge Konzerte und Festivals in Deutschland spielen. Sie sind also zurück und haben alles unter Kontrolle. Everything is under control.
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