Arctic Monkeys - Whatever people say I am, that's what I'm not

Arctic Monkeys- Whatever people say I am, that's what I'm not

Domino / Rough Trade
VÖ: 20.01.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Definitely definitely

Get a life, werd erwachsen, nicht den gelben Schnee essen. Wenn man erstmal alt genug ist, um mit dem Rauchen wieder aufhören zu wollen und sich morgens nochmal umdreht, obwohl eigentlich Vorlesungen sind, dann fängt man auch irgendwann an, sich solche Sachen zu sagen. Bloß, es nützt halt nichts. Man schafft es vielleicht eine Woche ohne Zigaretten, dienstags und donnerstags an die Uni und läßt sich auf der Straße von netten Blondinen ein paar Informationsbroschüren über Bausparverträge zustecken. Aber dann ist "Freitag ist Musiktag", das Debütalbum der Arctic Monkeys kommt raus, und 40 Minuten später ist man wieder fünf Jahre alt. So ist das nämlich.

Gut, der Reihe nach. Am Anfang waren ein paar Demos, ins Netz gestellt von der Band. Die Arctic Monkeys sind ein Schwamm, offensichtlich, haben alles aufgesogen, was seit 2001 an Garagen-, Retro- und New-Wave-Rock durchs Rampenlicht hampelt. Es zählt indes: Beim Auswringen sind hier ein paar unglaubliche Songs im Eimer gelandet. Der Sound ist noch roh und unbeholfen, aber die Melodien, die Refrains und listigen Breaks, die sind alle schon da. Wer die Arctic Monkeys erstmal gehört hat, wird neurochirurgische Hilfe brauchen, um sie wieder aus dem Kopf zu kriegen.

Flächenbrand deluxe natürlich in allen Blogs und Foren, die erste richtige Single wird in Großbritannien gleich auf die Eins gekauft. Dann rafft's auch der NME, springt gerade noch mit auf und tut mittlerweile schon mal ein Gratisposter ins Heft, um Auflage zu bolzen. Zwischenzeitlich spielen die Monkeys ihre ersten Festland-Konzerte - Triumphzüge begleitet von ausge-, aber nicht erwachsenen Engländern, die ihnen nachlaufen wie die Lemminge. Wir nähern uns derweil der Gegenwart, das Debütalbum erscheint. Und vier 18jährige, die aussehen wie Christian Ziege, sind schon so groß, daß sie am Anfang ihres ersten Videos "Don't believe the hype" sagen können. Geilo.

Dabei ist die größte Stärke dieser Band nicht mal ihre Jugend. Die größte Stärke dieser Band ist, wie sie einem ihre Jugend mit unverschämter Penetranz unter die Nase reibt. "I bet you look good on the dancefloor" zum Beispiel. Das ist nicht nur der beste Song, der mit einem Gitarrensolo losgeht seit Neil Youngs "Cortez the killer". Auch und vor allem ist es Jungsein in Steine gemeißelt, Unvernunft und Überschwang, Samstagnacht betrunken im Ford Fiesta des Fahrers, der armen Sau, einschlafen und den Morgen danach auf Isomatte und Konterbier einläuten. Zwei Minuten dreiundfünfzig, dann ist das soweit klar. Die Arctic Monkeys haben nicht viel Zeit, wahrscheinlich wollen sie gleich noch auf eine Party.

Wir klemmen uns gerne dahinter, möchten vorher aber noch schnell loswerden, was sich ohnehin schon jeder denken kann. "Whatever people say I am, that's what I'm not" ist sagenhaft, Maximo Park mit Arsch in der Hose und Libertines nach drei Wochen Fitnesscamp. Die knochigen Demos wurden ordentlich aufgemöbelt, nicht aber überproduziert. Und wenn "The view from the afternoon" sich ausgerechnet zum ersten Refrain der Platte auf die Fresse legt, werden die Leute eben mit dem zweiten am Kragen gepackt. Unumstößliches Selbstvertrauen oder teilnahmslose Gleichgültigkeit? All diese fiebrigen, gelenkigen Songs haben jedenfalls mehr Leben als Super Mario.

So sollte dann auch niemand verletzt werden, wenn die Platte in der Mitte kurz in die Knie geht und die erstaunliche Gefühlsbonzen-Ballade "Riot van" von einigen wasserdichten, aber gewöhnlichen Begradigungs-Rockern umstellt wird. Auf der Zielgeraden wird die Sache ja doch nach Hause gebracht. "When the sun goes down" geht los wie ein Calypso-Outtake der Babyshambles, bis ihm plötzlich einfällt, daß es ja gar nicht high ist. Und "A certain romance" nimmt sich sogar fünfeinhalb Minuten Zeit, um mit feuchten Augen in die Zukunft zu schauen. Bis dahin sollte man es halten wie mit 18. Die Feste feiern, wie sie fallen und diese Band genießen, solange sie noch frisch ist. Spätestens wenn die Arctic Monkeys den Jahrespoll 2006 gewonnen haben, wird sie nämlich wieder niemand gewählt haben wollen. "All you people are vampires."

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • The view from the afternoon
  • I bet you look good on the dancefloor
  • When the sun goes down
  • A certain romance

Tracklist

  1. The view from the afternoon
  2. I bet you look good omn the dancefloor
  3. Fake tales of San Francisco
  4. Dancing shoes
  5. You probably couldn't see for the lights but you were staring straight at me
  6. Still take you home
  7. Riot van
  8. Red light indicates doors are secured
  9. Mardy bum
  10. Perhaps vampires is a bit strong but ...
  11. When the sun goes down
  12. From the Ritz to the rubble
  13. A certain romance

Gesamtspielzeit: 40:58 min.

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User Beitrag

Mister X

Postings: 3301

Registriert seit 30.10.2013

2020-09-27 16:41:01 Uhr
Das Album ist für mich aber kein Album seiner Zeit. Es ist zeitlos.

Sgt. Fapper

Postings: 1105

Registriert seit 02.07.2015

2020-09-18 11:24:10 Uhr
Es ist 2006, man ist 19, WM in Deutschland und die Monkeys touren mit diesem unfassbaren Album. Darüber geht einfach nichts in diesem Jahr. 10/10

Wirklich besser wurden sie danach nicht, nur erwachsener..

Bonzo

Postings: 1675

Registriert seit 13.06.2013

2020-09-16 09:26:51 Uhr
Hurricane 2006 ist die Blaue Bühne kollektiv kollabiert. Diese Massen an Indieboys und -girls die den heißesten Scheiß sehen wollten...

Takenot.tk

Postings: 942

Registriert seit 13.06.2013

2020-09-16 09:16:25 Uhr
Für mich waren die Großtaten von 2004 (Libertines, Franz Ferdinand) die prägenden, die 2005/06er Welle hat mich irgendwie nicht mehr so erreicht. Aus der Welle habe ich aber die Arctic Monkeys noch am ehesten verfolgt.
Ich weiß noch wie ich 2006 auf ein Konzert von ihnen ging, noch unsicher ob ich mich in "Whatever People..." reinhören sollte oder nicht, was ja oft noch möglich ist wenn einen das Album nicht direkt im Sturm erobert.
Haben mich damals live aber wirklich enttäuscht, wirkten wie eine sehr unbeholfene Schülerband, und das hat es dann etwas kaputt gemacht. War allerdings auch das erste Mal dass ich bewusst auf ein Konzert gegangen bin mit dem Wissen dass der/die Künstler jünger ist als ich...

Hab die aber immer etwas im Augenwinkel gehabt im Gegensatz zu ihren diversen Jahrgangsgenossen, und ein paar Songs von Debüt und vom Zweitwerk kann ich immer wieder mal hören, auch das letzte war zwar auf volle Länge etwas langweilig, aber doch das Reinhören auch irgendwie wert.

edegeiler

Postings: 2047

Registriert seit 02.04.2014

2020-09-16 08:21:27 Uhr
Arctic Monkeys - Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not

Release? 2006
Was das? Essentials des Indierock
Lohnt sich?: Ja, geht auch schnell rein
Edes Lieblingslied: "Fake Tales of San Francisco"
Geheimtipp: Mal den unterschätzten Nachfolger hören.

Wer sich mit dem sehr erfolgreichen Indierock der 2000er Jahre beschäftigt, kommt um die Arctic Monkeys nicht herum. 2006 waren sie noch blutjung (so 19, 20) und das hört man dem Album an: jung, schnell, ungestüm, teilweise ein bisschen zu kopflos.

Die Songs sind ruppiger (und kürzer - oft unter 3 Minuten) als die eleganteren Kopfkreationen von Bloc Party und schielen teilweise deutlich zu den den Strokes. Oft gelingen so packende und lebensbejahende Hits ("I Bet You Look on the Dancefloor", "Still Take You Home"). Bei anderen Songs ist mehr Zeit in die Namensgebung als ins Songwriting geflossen ("You Probably Couldn't See for the Lights but You Were Staring Straight at Me") & die verpuffen wirkungslos.

In Erinnerung bleiben aber vor Allem die Hymnen ("When the Sun Goes Down"; "A Certain Romance").
Das fühlt jeder der mal 19 war und ein Herz hat.
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