Architecture In Helsinki - In case we die

Architecture In Helsinki- In case we die

Bar/None / V2 / Rough Trade
VÖ: 13.01.2006

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zu Architektur tanzen

Stehen geblieben. Brainstorming! Einmal den durchschnittlichen Rockgruppen-Frontmann von heute vorstellen, bitte. Dann sein genaues Gegenteil. Und schon wären wir am Ziel. Cameron Bird, Architecture In Helsinki. Ein höchst schrulliger kleiner Australier. Bandchef wider Willen und Anhänger besonders käsiger Musicals. "Rocky Horror Picture Show", "Grease", dieses Zeug. Schon seines Gesangs wegen dürfte er häufiger für eine Frau gehalten werden als Grace Jones. Und wer ihm eine Freude machen will, nennt "In case we die", die zweite Platte seiner Bande, eine Rockoper. Als Vorstand einer gewöhnlichen Musikgruppe würde man solch einem ungewöhnlichen Typen wohl keine drei Tage geben. Und deshalb ist es ein großes Glück, daß die hysterischen Geister, die sich in seinem Rücken tummeln, nun wirklich nicht als gewöhnliche Musiker durchkommen würden.

"Super Melody World" heißt das leicht ranzige Studio, das Bird und seine sieben festen Gefährten sich in Melbourne eingerichtet haben. Eine alte Doppelgarage, wenn man's genau nimmt, in der es regelmäßig ziemlich hoch herzugehen scheint. Wer zufällig in der Nähe ist, darf gerne mal reinschauen, ein paar Bierchen kippen und für zwei Stück Pizza vielleicht auch mitmachen, wenn gerade ein Chor gebraucht wird. Und natürlich: Es wird beinahe immer einer gebraucht auf "In case we die", diesem ebenso chaotischen wie theatralischen Batzen Overkill-Popmusik. 40 Instrumente von der Tuba bis zur Kreissäge haben Architecture In Helsinki darauf untergebracht. Im Booklet sind sie allesamt aufgelistet, hübsch tabellarisch. Weitere Aufräumarbeiten wurden aber gar nicht erst in Angriff genommen. Es hätte ja eh keinen Zweck gehabt.

Folgerichtig muß man sich diese Platte wie das Treiben einer F-Jugend-Fußballmannschaft vorstellen. Viel zu viele Kinder auf einem viel zu kleinen Ascheplatz. Keiner hält seine Position, alles rennt aufgescheucht dem Ball hinterher, mindestens einer weint eigentlich immer. Und an der Seitenlinie steht der Trainer, mit Standgas noch von gestern, und läßt alle ihren Spaß haben. Direkt verwandelte Ecken wie das wunderbar angeschnibbelte "It'5!" gibt es trotzdem eher selten zu feiern. Meist müssen die Songs sich erst durch einen wahren Hindernisparcours aus Ideen, Falltüren und Rutschbahnen hindurchdribbeln, bevor unter großem Getöse eingenetzt werden kann. Bei aller Spielkultur: "In case we die" ist dann doch eher ein Arbeitssieg.

Aber das ist gut, das muß so sein. Es passiert solch übersprudelnden, scheinbar unbekümmerten Platten ja nicht erst seit gestern, daß sie auf die leichte Schulter genommen werden. Und wie das dann meistens so ist, kann man sich ganz schön verheben an diesem "In case we die". Weil aus Mutanten-Funk wie "Frenchy, I'm faking" und der Komplettbedienung des Openers "Neverevereverdid" (Kirchenglocke, Opernsänger(in), Waldhorn, Violine und Drums schon in der ersten Minute) immer wieder eine unterschwellige, hintersinnige Melancholie hervorlugt, die diesen Songs unsagbar clever untergejubelt wurde. Und weil die Platte allen Ambitionen zum Trotz nie auf Stelzen, sondern immer als leichtfüßiger, lupenreiner Pop durch ihren eigenen Irrgarten tollt. Architecture In Helsinki mögen ziemliche Taschenspieler sein. Sie sind aber sicherlich keine Trickbetrüger.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Nevereververdid
  • It'5!
  • Wishbone
  • Frenchy, I'm faking

Tracklist

  1. Neverevereverdid
  2. It'5!
  3. Tiny paintings
  4. Wishbone
  5. Maybe you can owe me
  6. Do the whirlwind
  7. In case we die (Parts I - IV)
  8. The cemetery
  9. Frenchy, I'm faking
  10. Need to shout
  11. Rendezvous: Potrero Hill
  12. What's in store

Gesamtspielzeit: 41:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
zu faul sich einzuloggen
2018-11-13 10:31:15 Uhr
Auf jeden Fall! Das könnte ich heute gegen den einsetzenden Novemberblues auch mal wieder auflegen.
Bremer Stadtmusicunt
2018-11-05 16:01:17 Uhr
Gestern endlich auf einer Plattenbörse auf Vinyl erstanden! So ein schönes Album!
Sidekick
2006-04-23 19:53:05 Uhr
Das in Köln ist was völlig anderes, nämlich "Haldern geht zelten", das ist so ein fahrendes Festival in einem Zelt, da bekommst du für dein Geld noch andere Bands zu sehen. In Köln sieht das so aus:


Am 05.05.:
Architecture In Helsinki
Morning Runner
Johnossi
My Latest Novel

und am 06.05.:

José González
Daniel Benjamin
Final Fantasy
Ed Harcourt


HTH.

Reverie.
2006-04-23 19:00:49 Uhr
Ja, das Problem ist, dass ich nicht weiß wieviel das konkret jetzt kostet. 13€ oder doch 21€ (in Köln)? Ich hab bis jetzt beide Preise gehört. Und 21€ wäre mir auf jeden Fall zu viel, nur für AIH.
Sidekick
2006-04-23 18:46:12 Uhr
Für 13€ muss man eigentlich fast schon hin. Muss mal schauen.
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